Route du Rhum

Herrmanns erste Reflexion: "den direkten Kampf vermisst"

Wenige Stunden vor Zieldurchgang schickte Boris Herrmann eine erste Rennanalyse zu seiner Rhum-Premiere, die er am Vorabend des Finaltags geschrieben hat

Tatjana Pokorny am 17.11.2018
Route du Rhum 2018
Jean-Marie Liot

Die Sonne ist gerade am Horizont verschwunden. Zum letzten Mal bei dieser Route du Rhum für "Malizia 2 – Yacht Club de Monaco". Und ich versuche etwas Neues: Das Einmal-Weinglas zur Inspiration für ein paar Schlussworte zu dieser Route du Rhum und zum Anstoßen auf Mr. Thomson, den größten britischen Skipper.

Route du Rhum 2018

Boris Herrmann bei der Arbeit auf "Malizia 2 – Yacht Club de Monaco"

Route du Rhum 2018

Boris Herrmann

Ich nehme von diesem Rennen viel Positives mit, möchte unseren Partnern, dem Team und den Unterstützern danken. Lasst uns an den Start zurückdenken. Alle haben einen herausragenden Job gemacht. Ich war bis zur fast letzten Minute als Gast an Bord. Bis zu dem Moment, als Pierre (Casiraghi, d. Red.) mit seinem historisch ersten Rückwärtssalto vor dem Route-du-Rhum-Start von Bord gesprungen ist. Danach musste ich nur die Geschwindigkeit anpassen und die Flugbahn mit unserer Navigations-Software Adrena berechnen. Martin hatte die gute Seite der Startlinie und ein gutes Timing für den Einstieg gewählt. Es mag wie eine detailverliebte Anekdote anmuten, doch es macht mental einen großen Unterschied, wenn der Start gut gelingt. Und da es direkt voll zur Sache geht, sind Überholmanöver von da an ziemlich schwierig.

An der Tonne bei Kap Frehel hatte ich nach etwa einer Stunde Renndauer den ersten kleinen Stolperer. Meine Umlenkung für das Backstag wollte sich oben im Mast nicht öffnen. Infolgedessen konnte ich meinen Toppmast-Code-Zero für den tieferen Windwinkel nach Frehel nicht ausrollen. Also wurde ich hektisch. Nachdem ich die Tonne als Dritter passiert hatte, sah ich nun beinahe die gesamte Flotte vorbeiziehen. Ich holte das Segel an Deck und versuchte, das Schloss mit allen nur erdenklichen Tricks zum Öffnen zu bewegen. Es war schwierig, gleichzeitig die ganzen Zuschauer- und Fischerboote im Blick zu behalten. Mein Team hatte sich gerade eine Minute vorher zur Rückkehr entschieden und konnte mir nicht mehr helfen, den Kurs freizuhalten. Für einen kurzen Moment gingen mir die Ideen aus. Ich schaute mich um. Da war noch das Motorboot mit meinen guten Kite-Foiling-Freunden Morgan la Gravière und Billy ganz in meiner Nähe. Morgan ist ein Imoca-Skipper und muss den Horror gefühlt haben. Ich weiß nicht wie, aber ich habe dann etwas anderes probiert, und das funktionierte. Ich konnte das große Segel wieder hochziehen und in die erste Nacht durchstarten. Ich hatte mich selbst und die Landmannschaft ein bisschen zu sehr unter Strom gesetzt und gestresst. Doch dieses Mal kamen wir damit davon.

route du Rhum 2018

Ein Bild aus dem Training vor Herrmanns Rhum-Premiere. In Anspielung auf zuvor entstandene spektakuläre Bilder von der Konkurrenz-Yacht "Charal" sagte Herrmann lächelnd: "We can charal too!"

Der nächste Tag war dann ein Schocker. Es galt, das zweite Tief zu passieren – was mir nicht gelang. Ich konnte die ganze Flotte um mich herum auf dem AIS innerhalb eines sehr kleinen Radius sehen. Und dann sah ich, wie Paul und Vincent mit 15 Knoten auf und davon segelten. Yann, Sam, Isa und ich dagegen blieben fast den ganzen Tag lang stecken. Ich am längsten, so mein Gefühl. Es muss genau in der Mitte dieses verdammten Tiefs gewesen sein. Das hat so ziemlich das gesamte Rennen entschieden. Meine spezielle nördliche Route war das Ergebnis meines nun etwas anderen Timings. Die Routings waren so klar bezüglich meines Kurses, dass es keinen Zweifel gab. Ich war überrascht von Yann und den anderen dahinter. Meine Routings haben alle nach Westen in Richtung der Azoren gewiesen.

So endete ich also auf meiner einsamen Route, auf der mir niemand folgte. Offensichtlich war keiner motiviert, eine weitere halbe Woche gegen den Wind zu segeln. In der Zone, in der wir es mit der maximalen Wellenhöhe und viel Wind zu tun bekamen, war voller Einsatz gefordert. Der Wind kam von der Seite. Was bedeutet, dass man nicht entkommen kann. Das Boot vollführt dabei einige beängstigende Beschleunigungen und hämmert schwer in die Wellen und so weiter. Anfangs waren die Kommentare zu meiner Route recht negativ – obwohl ich meinen mit Abstand besten Tag an dem Punkt hatte, an dem die anderen gedacht hatten, dass ich steckenbleiben würde. Malizia flog unter Code Zero bei 100 Grad wahrem Windwinkel und glatter See nur so dahin. Das war ein königlicher Tag. 

Was ich konstant vermisst habe, war der direkte Kontakt und der Kampf mit anderen Booten in meiner Nähe. Außerdem habe ich jegliche Art von Leben im Meer vermisst. Ich habe null Tiere getroffen. Das ist seltsam und gibt mir zu denken. Auf der Haben-Seite hatten wir Hunderte Schulkinder, die das Rennen verfolgt und mir lustige Fragen aufs Boot geschickt haben. Ich möchte vor morgen Mittag noch nichts großartig belobigen, aber ihr könnt hören, dass meine generelle Stimmung sehr positiv ist. Ich bin dankbar, dass die Götter uns haben passieren lassen. Meine Gedanken sind aber auch bei jenen, die zur Rückkehr nach Europa gezwungen waren. Insbesondere tut es mir für Sam Davies leid. Wir haben zusammen trainiert, und sie war oft die Schnellste. Sie war super bereit für dieses Rennen und hat viel investiert.

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Boris Herrmann bei der Arbeit unter Deck

Wir werden hier mit Blick auf die Vendée Globe eine Menge für uns herausholen. Mein fünfter Platz passt zu den Erwartungen, die ich vor dem Rennen hatte. Er zeigt mir auch, dass wir über die kommenden zwei Jahre für unsere Vendée-Leistung weiter hart arbeiten müssen, wenn wir uns als ernsthafte Wettbewerber in den Top Ten platzieren wollen. Heute in zwei Jahren werden wir gerade die Doldrums passiert haben. Möge "Malizia 2 – Yacht Club de Monaco" dann in der guten Gruppe platziert sein! Jetzt werde ich mich auf die letzte Nacht konzentrieren und versuchen, nicht in Fischereiausrüstung hängen zu bleiben oder anderen küstennahen Gefahren zu begegnen.

Hier geht es für Herrmanns letzte Stunden im Rennen zum Live-Tracker.

Tatjana Pokorny am 17.11.2018

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