Azorenregatta

Henrik Masekowitz gewinnt mit Class 40

Zweimal Erster im Ziel: Henrik Masekowitz hat mit seinem Class 40 die Azorenregatta von Falmouth nach Ponta Delgada und zurück gewonnen

Matthias Beilken am 02.07.2015
AZAB

Henrik Masekowitz bei der Ankunft in Falmouth

Es war das Ei des Kolumbus, quer liegend, ein längliches Oval: Raumschots hin, im Süden. Raumschots zurück, im Norden. Den ultimativen Streckenrekord, "hin", hat er über alles zerschmettert. Rund einen Dreivierteltag schneller war Henrik Masekowitz einhand mit seinem Class 40. Der Uhrzeitrekord, der ihm im Nacken saß, war von einem zweihand gesegelten Open 40 aufgestellt worden. Am Ende feiert ihn die Seglergemeinde von Falmouth – der Royal Cornwall Yacht Club (RCYC) organisiert das Rennen – sogar als Gesamtzweiten nach berechneter Zeit, während ein Teil des Feldes noch auf See ist.

Denn Falmouth in Cornwall – drittgrößter Naturhafen der Welt – ist eine Seglerberühmtheit. Vor allem einer Reise wegen. "A World of My Own" heißt einer der großen Klassiker der Segelliteratur. Ein gänzlich unbekannter Brite namens Robin Knox-Johnston bricht 1969 in Falmouth auf, um als erster Mensch einhand und nonstop die Welt zu umrunden. Es war eine der bedeutendsten Reisen, die ab und nach Falmouth stattgefunden haben.

Ebenfalls in seiner eigenen Welt und happy mit sich, seinem Boot und den Aussichten ist Henrik Masekowitz, einer der fleißigsten Extremsegler Deutschlands, von Falmouth aus als einer der wenigen Einhandstarter auf die Regattabahn zu den Azoren gegangen. "Nur die JPK 1010 'Just Plain Krazy' hängt mir im Nacken", sagte der Einhandsegler auf den Azoren. Gemeint war, dass die zweihand gesegelte sportbootartige JPK heiße Anwärterin auf den Sieg nach berechneter Zeit war. Was sich übrigens bestätigt hat, auch den Gesamtsieg hat sie abgefischt. Dennoch: Henrik im Glück.

Dabei könnte Masekowitz auch als der größte Pechvogel nach Donald Duck angesehen werden, zumindest seglerisch. Denn sein Class 40 war eigens und ausschließlich für die Teilnahme am Global Ocean Race (GOR) vorgesehen, ohne die Existenz des Rennens hätte der Minisegler sein bisheriges Metier nicht aufgegeben. Dummerweise ist das GOR exakt an dem Tag abgesagt worden, als erstmals größere Kampagnen-Vorbereitungen getroffen werden sollten.

Der Mini ist also eigens für ein Rennen in Auftrag gegangen, das dann nicht stattfand.Vorbereitungen und Reise des Hamburgers fanden jedoch auch diesmal im Geist und mithilfe alter Minifreunde statt. Der Greifswalder Oliver Schmidt-Rybandt brachte das Boot in einem Husarenritt direkt nach der Edinburgh-Regatta nach Cherbourg. Als dabei der Windanzeigegeber der Nobelmarke NKE flötenging, half Minifreund Immo Anfang (Hamburg), der Autor half bei der Startvorbereitung in Cornwall, und last not least band sich Eddie Dost die schwere Aufgabe der Routenbetreuung ans Bein.

Eddie Dosts Routing ist eine Geheimwaffe. Ebenfalls Abenteurer und Mini-Afficionado, jagt IT-Freak Dost größere Datenmengen und Ensemblevorhersagen durch seine Rechner, als die meisten Leute das können. Er rechnet mit eigenen Programmen, mehreren Wettermodellen, mit mehreren Bootsleistungsannahmen und mit Wahrscheinlichkeiten. "Das stimmt immer haargenau", sagt Masekowitz in Ponta Delgada, nachdem Dost Masekowitz' Ankunftszeit längst bis auf eine halbe Stunde voraus berechnet hatte, fünf Tage und drei Stunden.

Seine Daten und die Modelle waren sich ausnahmsweise bis zum finalen offiziellen Meteoffice-Briefing in Falmouth' legendärem Schifffahrtsmuseum einig: Voll Stoff raumschots! Mit dem Rest eines Tiefs die Achse des Azorenhochkeils durchstoßen – also vom Start weg Richtung Ouessant halten – und dann ab dafür! Entlang der Südflanke des Hochs. Winde aus dem östlichen Sektor. Für einen Class 40 sind solche Aussichten ein Reichsparteitag.

Zumal Henriks "Croix du Sud" bereits auf dem Papier zu den schnellsten Schiffen gehörte. Nur zwei andere Class 40s, unter anderem "Sec Hayai" (Boris Herrmanns ehemalige "Beluga") des 75-jährigen Nico Budel und der bisherige Rekordhalter "La Promesse", ein sehr sportlicher Open 40, fielen in der Starterliste auf. Nicht zu verachten waren jedoch auch brandneue Sun Fast 3600s, Dehlers, Figaros, große Swans, eine JPK 10 oder ein ehemaliger Admiral's-Cupper. 

Die schnelle "La Promesse" fiel früh während der ersten Etappe aus (Baumbruch), und von da an war Masekowitz der Sieg nach gesegelter Zeit nicht mehr zu nehmen.

Die Rückreise, die zweite Flanke des "Kolumbus-Eis" funktionierte dann wie die erste: Ein langer, weit nordwärts ausholender Bogen war zu segeln, es wurde kühler. Und wieder traf Dost mit seinen Routings ins Schwarze. Wieder raumschots (nach einer kurzen Warmlaufstrecke nordwärts, ab Ponta Degada), und Henrik war wieder als Erster zurück in Falmouth. Und wie zum Beweis lag das Hauptfeld, das den Nordschlenker nicht gewagt hatte, noch mitten im Hoch fest, während Masekowitz schon wieder in Falmouth beim Cream Tea saß.

Getrübt wurde die Rückreise dann doch etwas. Von einem Autopilotenversagen beispielsweise. Glücklicherweise sprang der unter Deck von der Ruderwelle, als Masekowitz im Cockpit ohnehin gerade den Ruderplatz ansteuerte (die Rückreise tischte mehrere "Allein-am-Ruder-bei-20-Knoten"-Momente auf). Aber hart luven musste er doch, um genügend Zeit für einen Hechter nach unter Deck und das Stecken eines Bolzens zu haben. Mehrere kleine Schäden an den Segeln waren dann ebenfalls fällig.

Die Azoren beziehungsweise das alle vier Jahre stattfindende Rennen sind eigentlich ein Gehimtipp: Nur eine Handvoll Deutsche hat es je bestritten. Quix, Röttgering, vielleicht auch Karl Brinkmann. Race Direcor Francis Shillitoe und Veteran Mervyn Whaetley (sieben AZAB-Teilnahmen!) können sich nicht so recht erinnern. Eigentlich mimt die Regatta eine "Atlantikrunde für Normalbürger", Sie folgt der gleichen Logik der "großen Atlantikrunde" der Blauwasserfreunde (zwei Raumschotsfahrten), ist aber kürzer. Und was wohl weder Masekowitz noch Dost wisssen, ist, dass eine solche Reise "Rund Azorenhoch" schon einmal mit dem Schlimbachpreis ausgezeichnet wurde. 1954 war das, die Yacht hieß "Senta" und der Navigator Rudi Koppenhagen.

Aus dieser gewissen Atlantikkarussell-Logik, die Seefahrer seit Jahrhunderten nutzen, ist gut 20 Jahre nach der "Senta" Reise das AZAB entstanden. Und nur wenige Deutsche haben die vergangenen  vier Jahrzehnte genutzt, um sich mit einem der letzten Klassiker der "Extremszene" zu befassen. 1975 wider den Gigantismsmen von Ostar und Twostar entstanden, war und ist das AZAB ein Rennen, das eher Veteranen, Salzbuckel und Gentlemansegler anzieht denn junge Profis – die tummeln sich eher auf der anderen Kanalseite.

Hatte Sir Robin Knox-Johnston lediglich ein 32 Fuß großes, ketschgetakeltes "Holzrettungsboot" für seine berühmte Reise ab Falmouth als Werkzeug zur Verfügung (es war in Wirklichkeit eine kleine, sehr seetüchtige, aber bullige Holzyacht), wartete Masekowitz mit einem modernen Class-40-Renner auf. Wie dem aber auch sei, die Prinzipien sind verwandt. Sir Robins Pioniertat wird oft als Sieg der Seemannschaft verstanden. Masekowitz' Sieg funktioniert ähnlich: "To finish first, first you have to finish."

Ergebnisse

Matthias Beilken am 02.07.2015

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