Transat Jacques Vabre 2017

Hat Boris Herrmann noch Chancen auf einen Podiumsplatz?

Stark gesegelt, auf Platz 4 verbessert, Kalmen fast passiert, aber der Zielsprint bietet kaum Überholmöglichkeiten – Ultime-Tri "Prince de Bretagne" entmastet

Jochen Rieker am 16.11.2017
Nichts verschenkt: Boris Herrmann auf "Malizia"
Malizia/Riou

Nichts verschenkt: Boris Herrmann auf "Malizia"

Es ist kein leichtes Rennen, für niemanden. Nach einem stürmischen Auftakt im Nordatlantik kämpfen viele der Crews beim Transat Jacques Vabre mit den Folgen von Bruch. Doch niemand erwischte es dabei so hart wie Lionel Lemonchois und Bernard Stamm.

Die Co-Skipper waren mit ihrem Trimaran "Prince de Bretagne", einer unterlegenen Konstruktion im Vergleich zu den Favoriten "Sodebo" und "Edmond de Rothschild", zunächst furios gestartet und führten das Klassement der Ultimes sogar kurz an. Doch dann zwang sie ein Schaden am Großfall zu einem Reparaturstopp und warf sie Hunderte Meilen zurück. 

Der schlimmste Schlag erwischte sie gestern Abend. Nicht mal 100 Meilen entfernt vom Ziel in Salvador de Bahia, nach mehr als 4500 Meilen auf See, kam um 19.15 Uhr bei ruhigem Wetter das Rigg von oben – ohne jede Vorwarnung und ohne erkennbaren Anlass. Lemonchois und Stamm blieben bei der Havarie unverletzt. Sie machten sich sofort daran, Mast und Baum an Deck zu sichern.

Weil sie nur 18 Meilen von der brasilianischen Küste standen und mit 0,9 Knoten nach Westen drifteten, brachten sie den Gennaker aus, um ihn als Treibanker zu nutzen. Unter Maschine konnten sie sich nicht aus der Legerwall-Situation befreien, weil diese schon seit Tagen nicht mehr startete. Deshalb warteten sie auf die Ankunft eines Patrouillenbootes. Der 80-Fuß-Tri soll heute eingeschleppt werden. 

Im Vergleich dazu läuft es auf "Malizia" wie am Schnürchen. Der Imoca des Yacht-Clubs von Monaco mit dem Hamburger Boris Herrmann und dem Franzosen Thomas Ruyant als Co-Skipper belegt derzeit unangefochten Platz 4; vor fünf Tagen lag er noch auf Rang 8. Hier das jüngste Video von Bord!

Bis gestern sah es sogar so aus, als sei das Podium in Reichweite. "Wir geben alles", schrieb Boris Herrmann in einer E-Mail an die YACHT-Redaktion. Da betrug der Rückstand auf "Des Voiles et Vous", der ehemaligen "Safran", weniger als 70 Seemeilen, und "Malizia" stand weiter östlich, was im Südostpassat einen günstigeren Windeinfallswinkel versprach. 

Doch die Kalmen, die dem foilenden Open 60 anfangs eine so leichte Passage ermöglicht hatten, zogen sich südlich des 5. Breitengrades dann doch. Obwohl Herrmann dank geschickter Routenwahl nie zum Stillstand kam, verdoppelte sich der Abstand auf Rang 3. Derzeit beträgt die Distanz zu "Des Voiles et Vous" 140 Seemeilen, und es werden wohl noch ein paar dazukommen, bevor "Malizia" wieder ungestörten Gradientwind findet.

Ihr bleiben dann noch rund 1000 Seemeilen bis Salvador de Bahia, gut drei Tage. Das ist eine ganze Menge Weg – aber zu viel für eine echte Überholchance. Denn Morgan Lagravier und Eric Peron segeln ebenfalls auf einem Imoca der neuesten Generation, der bei Halbwindbedingungen ungefähr dasselbe Potenzial hat wie "Malizia". Bleibt an Bord von "Des Voiles et Vous" alles heil, wird es nahezu unmöglich, vorbeizuziehen.

Umso mehr Spannung verspricht das Transat Jacques Vabre in der Class 40, wo sich der extrem enge und verbissen geführte Dreikampf an der Spitze fortsetzt. Nach wie vor behaupten Phil Sharp und Pablo Santurde auf "Imerys" knapp die Führung vor "V and B" und "Aïna". Nun aber weitet sich die Schwachwindzone der Doldrums, was mehrere hundert Meilen schwierigste Bedingungen bedeutet. Davon könnten sogar die Nachfolger profitieren, die womöglich den Anschluss schaffen, allen voran die Schweizerin Justine Mettraux und Bertrand Delesne auf "Teamwork". 

Phil Sharp weiß um die Gefahr, die von hinten droht. Seine Class 40, ein Sam-Manuard-Design von 2013, kann auf Reach-Kursen kaum mit den neueren Booten mithalten. Er und Pablo Santurde müssen also in den kommenden Tagen Distanz zwischen sich und die Verfolger legen, mindestens 50 bis 100 Seemeilen, um im Zielsprint bestehen zu können – eine schwierige Aufgabe. Bislang allerdings zeigen sich die beiden trotz mancher Maleschen unbeeindruckt von dem extrem großen Druck. Nicht einmal vom zeitweisen Ausfall ihres Jetboil-Kochers ließen sie sich unterkriegen. 

Unterdessen steht in der Klasse der Multi-50-Tris der Sieger fest. "Arkema" mit Lalou Roucayrol und Alex Pella querte heute Morgen nach nur 10 Tagen und 19 Stunden in neuer Rekordzeit die Ziellinie. Auf den 4671 gesegelten Meilen erreichte das französisch-spanische Duo eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 18,02 Knoten und blieb mehr als fünf Tage unter der bisherigen Bestmarke. Vor zweieinhalb Tagen lagen sie noch hinter Erwan LeRoux und Vincent Riou auf "FenêtréA – Mix Buffet", kamen aber als Erste aus den Doldrums und blieben danach fehlerfrei. 

Jochen Rieker am 16.11.2017

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