22. Mini-Transat

Gefangen in der Mini-Transat-Warteschleife

Die mentalen und finanziellen Herausforderungen wachsen mit jedem Tag der Startverzögerung. Neun Tage warten die Teilnehmer schon, zwölf werden es mindestens

Tatjana Pokorny am 01.10.2019
Mini-Transat 2019
Mini-Transat 2019/Christophe Breschi

Mini-Transat 2019: Ein Briefing jagt das nächste, doch der Start lässt seit dem 22. September auf sich warten

Am Dienstagvormittag saßen die deutschen Mini-Skipper Hendrik Witzmann und Morten Bogacki in der Boulangerie Le Petit Pain im Hafen von La Rochelle und diskutierten – wieder einmal – über Für und Wider der endlosen Geschichte der Startverschiebungen im Mini-Transat 2019. Die 22. Auflage des Transatlantik-Klassikers für Einhandsegler gerät nach nun schon neun Tagen Startverschiebung mehr und mehr zur Warteschleife. Allerdings nicht zum ersten Mal: 2013 wartete die Flotte sogar 16 Tage lang auf den Startschuss. Und nachdem der endlich erfolgt war, musste die erste Etappe aufgrund von heftigen Stürmen und mit Blick auf die weit "versprengte" Flotte in der Biskaya abgebrochen werden. Damals retteten sich die kleinen Boote in ganz unterschiedliche Häfen. Erst 30 Tage später erfolgte der Neustart vor Sada bei A Coruña in Galicien. Auf den geplanten Zwischenstopp in Puerto Calero wurde damals aus Zeitgründen gleich ganz verzichtet. Es gab nur noch eine Tonne vor Lanzarote zu runden und dann den Mini-Transat-Zielhafen Point à Pitre direkt anzusteuern. Was einer Nonstop-Passage von 3600 Seemeilen gleichkam und die Flexibilität zeigt, die Mini-Seglern immer wieder abverlangt wird.

Mini-Transat 2019

Hendrik Witzmanns Mini "Sunovation"

Mini-Transat 2019

Noch kann er lachen, doch an manchen Tagen der langen Wartezeit auf seine Mini-Transat-Premiere wird es schwerer: "Sunovation"-Skipper Hendrik Witzmann

Kann es auch in diesem Jahr zu einem solchen Szenario kommen? Das ist nicht mehr ausgeschlossen. Nach mehrfacher Startverschiebung peilen die französischen Veranstalter inzwischen den 4. Oktober als neuen Starttag an. "Es könnte aber auch Samstag werden", erklärt "Sunovation"-Skipper Hendrik Witzmann, "oder das Warten geht weiter. Denn wenn jetzt der Hurrikan durchgezogen ist, dann ist das nächste Tief ab Sonntag schon im Anmarsch." Die 87 Segler und Seglerinnen mit ihren Booten aus La Rochelle hinaus und einigermaßen unbeschadet durch die Biskaya bis um Kap Finisterre herumzubringen, gleicht aktuell einer Herkulesaufgabe. Das Abwägen zwischen dem Wunsch nach einem baldigen Start und den drohenden Gefahren – auch durch den hohen Wellengang – fordert die Veranstalter, die zuletzt in recht kurzen Abständen neue Startfenster ins Visier nahmen, um sie dann wieder zu verschieben.

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Das Gruppenbild der Veranstalter vom "Collectif Rochelais Mini-Transat La Boulangère 2019"

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"Lilienthal"-Skipper Morten Bogacki in La Rochelle

Die dadurch entstehenden Belastungen für alle Beteiligungen steigen von Tag zu Tag. Sie sind vor allem für die nicht-französischen Teilnehmer hoch und auch finanzieller Natur, denn es müssen permanent Übernachtungsmöglichkeiten verlängert oder neu gefunden werden. Wer die lange Zeit mit einem Heimatbesuch überbrücken will, der tut sich schwer, weil sich die Veranstalter wiederum schwer damit tun, den Seglern mehrere Tage am Stück verlässlich freizugeben. Morten Bogacki war inzwischen einmal kurz zu Hause, "um den Kopf mal freizukriegen", kehrte aber nach wenigen Tagen aufgrund der geforderten Startbereitschaft wieder zurück – nur um zu erfahren, dass der Start erneut verschoben wurde. Bogackis Besuchspläne für den Zwischenstopp-Hafen auf Gran Canaria und die angedachten Treffen mit Freunden sind längst gestrichen. Zum voraussichtlichen Zustand der Boote beim Start, wenn er denn endlich kommt, sagt Bogacki lächelnd: "Entweder perfekt vorbereitet oder völlig verbastelt." 

Mini-Transat 2019

Morten Bogacki auf seiner "Lilienthal"

Hendrik Witzmann erwog am Dienstag einen mehrtägigen Abstecher nach Lorient, "um auch mal was anderes zu sehen", müsste dafür aber die Unterkunft in La Rochelle aufgeben und sich in Lorient eine neue suchen. Und wenn dann doch endlich der Startschuss fällt? Längst hätte der Stadthafen von La Rochelle geräumt sein und wieder dem normalen Schiffsverkehr zur Verfügung stehen müssen. "Ich habe so etwas in meiner Segelkarriere noch nicht erlebt", sagt Witzmann. "Ich bin den Veranstaltern einerseits sehr dankbar dafür, dass sie unsere Sicherheit so im Blick haben, würde mir aber andererseits klarere Ansagen und nicht diese häppchenweisen Entscheidungen wünschen, obwohl die schlechten Aussichten doch ziemlich deutlich sind. Das ist für alle Nicht-Franzosen extrem schwer zu organisieren."

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Nachdenklich: Mini-Novizin Amélie Grassi gehört dem erweiterten Favoritenkreis an, würde auch lieber heute als morgen endlich starten

Tatjana Pokorny am 01.10.2019

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