Bordbuch der "Hansa"

Fotofinish in Cuxhaven

YACHT-Redakteur Matthias Beilken berichtet von Bord der "Hansa"

Matthias Beilken am 04.07.2003

"Hansa"

S/Y "Hansa", Position Elbe querab Blankenese, COG nach Sicht, 8 Knoten, Segel: keine, Temperatur 14 Grad. Bordzeit 0500 MESZ. Finale der DCNAC fällt knapper aus als erwartet - genauso wie die Ergebnisse.

Ein Schuss knallt. Hörner dröhnen, Motoren heulen, Menschen johlen. Der Empfang der ersten DCNAC-Boote in Cuxhaven fällt so stürmisch positiv aus, dass er für viele Strapazen entschädigt. Außerdem gehen sechs Yachten mit einem Abstand von nur Minuten über die Ziellinie querab der alten Liebe. So eng gestaffelt, als wären sie vor Stunden von Helgoland ausgelaufen. Und nicht rund 4000 Meilen früher in den USA.

Es beginnt damit, dass wir frühmorgens ein Schiff unter Spi auf der Nordsee sichten. Wir identifizieren es schnell als die britische BT Yacht "Discoverer" und können sie speedmäßig halten. Das beruhigt erst mal unsere von der nächtlichen Flaute angefressenen Nerven. Dann taucht ein weiterer Spi am Horizont auf. Dann noch einer. Und noch einer und noch einer. Die Konkurrenz. Wir trauen schlichtweg unseren Augen nicht.

Querab von Helgoland segeln früh am Morgen DCNAC-Yachten wie auf einer Perlenschnur aufgereiht. Das wäre sehr schön gewesen, hätten wir nur die richtige Stelle in dieser Progression gehabt. Doch die Spinnaker voraus - fast in Rufweite - sind die der Kieler "Zukunft", unseres Schwesterschiffes "World of Tui" und der "Vita Bella". Unglaublich, aber wahr. Die mussten wir aufgrund der desaströsen Flaute während der Nacht verloren haben. Eine weitere Silhouette am Horizont ist die der schönen schwedisch-amerikanischen Ketsch "Tempest". Noch ein Boot, das uns aufgrund der letzten Positionsmeldungen unserer Meinung nach nicht mehr hatte gefährlich werden können.

Der Endspurt der DCNAC hätte ganz nebenbei auch einer der schönsten im ganzen Rennen werden können: Bei Sonnenschein (den hatten wir selten während der letzten 14 Tage), glattem Wasser und moderatem Spinnakerwind ging es auf die Zielgerade. Aber, bei allem sportlichen Respekt für die Gegner: An Bord herrschte trotz des hitverdächtig schönen Sommerwetters rabenschwarze Nacht.

Die meisten von uns hatten in einer Regatta noch keine größere Katastrophe erlebt: Der fast sicher geglaubte vierte Gesamtplatz futsch. Und - noch viel schlimmer - der des ersten deutschen Bootes im Ziel. Ein ganzer Pulk von Yachten, die während der vergangenen 3600 Meilen nie vor uns gelegen hatten, zeigten uns ihr Heck. Da nützte es wenig, uns in dem Schicksal der "Tempest" zu sonnen, die während der Nacht ihren zweiten Gesamtplatz verloren hatte und einen Haufen Meilen dazu.

Dass wir uns in Sichtweite von Cuxhaven - und in Sichtweite von sage und schreibe fünf anderen DCNAC-Yachten - noch in einem treibenden Netz verhedderten, machte die Stimmung an Bord auch nicht gerade besser: Das Ruder vibrierte und eierte, über ein Knoten Speed fehlte, während uns die britische "Discoverer" fast auf Rufweite im Nacken saß. Minutenlang, dann war der Spuk plötzlich vorbei.

Tatsächlich entschädigte der Empfang in Cuxhaven für vieles, machte die erlittene Schmach schnell vergessen. Fünf Yachten liefen fast gleichzeitig in die Marina von Cuxhaven ein. Freunde, Offizielle, Supporter und Medien warteten. Es gab Bier, Champagner, Schokolade, Pizza und andere Leckereien, die man so braucht, wenn man fast drei Wochen auf See war. Dass es nieselte und die Flaggen mittlerweile knatterten (der Wind hatte in der Zwischenzeit zugenommen, sodass das Spinnaker-Finish zu einer waghalsigen Aktion wurde), interessierte niemanden mehr. Das Gefühl von Freundschaft und Zusammengehörigkeit überwog. Und noch eins: Die Handys bimmelten um die Wette.

Nur zwei Stunden später hieß es wieder Leinen los. Vollgepackt mit Care-Paketen ging es unter Maschine die Elbe hinauf. Der Flutstrom brüllte. Unter Deck mufft es zwar genauso feucht wie heute morgen noch im Regen nördlich von Helgoland. Aber angesichts des Blankeneser Steilufers und des wackelfreien Boots stört das niemanden mehr.

Es ist fünf Uhr morgens. Gleich geht es nach Hause. Unter die Dusche und ins Bett. Eine große Veranstaltung hat ein großes Ende gefunden. Für uns. Denn: Diejenigen, die noch da draußen herumsegeln, zum Teil noch westlich von Fair Isle, leisten weiterhin viel. Vergleichbar viel wie wir Frühankommer.

Over and out

Matthias Beilken am 04.07.2003

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