Mini-Transat 2017

Es geht los: La Grande Traversée – die große Querung!

Heute startet die zweite Etappe des Mini-Transat. Eine neue Routenvorgabe lässt dabei so kurz vor dem Start die Wellen hochschlagen

Jan Heinze am 01.11.2017
Mini-Transat 2017
Christophe Breschi

Heute um 13 Uhr knallt für 78 Skipper der Startschuss zur zweiten Etappe des Mini-Transat 2017. Knapp über 2.700 Seemeilen offener Ozean liegen zwischen dem Start vor Las Palmas auf Gran Canaria und einer Ziellinie vor einem karibischen Eiland namens Martinique.

Gestern Abend konnte ich noch Oliver Tessloff ans Telefon bekommen und mir von ihm ein paar Eindrücke aus dem Race Village geben lassen: "Die Aufregung steigt, Jan. Das merkt man hier allen an. Ich bin auch aufgeregt, gebe ich zu. Es ist ja auch meine erste Atlantiküberquerung. Schon irgendwie ein Lossegeln ins große Unbekannte. Aber man will auch los. Die Zeit hier auf Gran Canaria wurde dann irgendwann echt lang. Das Boot ist schon länger fertig, verproviantiert, startklar. Jetzt befasst man sich echt nur noch mit dem Wetter, mit den verschiedenen Modellen und den Routings."

Zunächst: perfekte Bedingungen

Zu Hause am Rechner öffne ich mir eine der üblichen Wetter-Websites und schaue mir erst einmal ein beruhigendes, ja geradezu glückliches Gesamtszenario an: Der Passat scheint für die nächsten Tage mehr als gut etabliert zu sein und weht im Mittel mit 15 Knoten aus Nordost. Das gesamte Spielfeld ist von grünen Strömungslinien aus der richtigen Richtung durchzogen. Perfekte Bedingungen für die kleinen Boote, um unter Vollzeug – auf einem Mini sind das immerhin über 115 Quadratmeter Segel – und mit zweistelligen Geschwindigkeiten auf der Uhr den Weg aufzunehmen. Und wenn ich höre, dass die aus Wettervorhersage und Geschwindigkeitspotenzial der Boote berechneten Ankunftszeiten für die modernsten Boote bei rund 13 Tagen liegen, kann man momentan von wirklich exzellenten Bedingungen sprechen. Auch wenn man selbstredend nicht vergessen darf, dass eine Vorhersage über sieben Tage hinaus mit enormer Vorsicht zu genießen ist. Es wird schon noch genügend Überraschungen geben, hoffentlich keine ernsthaften. Aber für die erste Woche erst einmal so weit, so schnell, so gut.

Dennoch grübelt Oli, man merkt geradezu, wie sein Kopf arbeitet, denn sein Ehrgeiz will nach wie vor einen Platz unter den ersten zehn. Und dafür reicht es nicht, seine Pogo 3 einfach nur sehr schnell von A nach B zu fahren – sehr gut und sehr schnell segeln können die anderen schließlich auch. Jetzt zählt die Strategie. Er muss sich für einen Weg in diesem Wettersystem entscheiden, der ihn vielleicht etwas schneller als seine Konkurrenten ans Ziel bringt, um Plätze gutzumachen. Nur – genau diese Gedanken beschäftigen seine Konkurrenten auch. Und die haben die gleichen Boote, die gleichen Wetterdaten, die gleiche Routing-Software und zum Teil sogar die gleichen Wetter-Coaches aus den Trainingszentren!

Schnurrbartlinie mit Kurs Martinique?

Jedenfalls: Die meisten Routings der französischen Wettergurus, so erklärt mir Oli, empfehlen ihren Schützlingen, nach dem Start zunächst mindestens 150 Seemeilen nach Süden zu laufen, um der Windabdeckung der zum Teil sehr hohen Kanaren-Inseln sicher zu entgehen. Die Rennleitung schreibt ohnehin vor, alle Inseln an Steuerbord zu lassen. Dann wird jedoch von der klassischen Süd-Route abgeraten. Der überwiegende Teil der Flotte wird diesem Rat folgen, so zumindest werden bejahende Blicke und zugesichterte Strategien interpretiert. Die meisten werden relativ früh den Bug nach Westen richten und dann sogar in einem flachen Bogen nördlich der Großkreisroute ihr Glück suchen. Der wichtigste Bezugspunkt wird bald das sich um den 4. und 5. November mit rund 1035 Hektopascal sehr ausgeprägt installierende Azorenhoch sein, dessen Zentrum jedoch deutlich nördlich der Azoren erwartet wird. Was die Skipper momentan noch in ihre Routingprogramme mit ständig aktualisierten Wetterdaten verschiedener Modelle laden können, wird von nun an für die Segler vor allem eine Frage der Interpretation der Wetterdurchsagen und der Entwicklung auf dem Barografen sein. Wer auf die Nordroute geht, muss den richtigen Abstand zwischen Azorenhoch und der Großkreisroute nach Martinique zumindest bis Mitte Atlantik finden, um dann mit gutem Windwinkel auf einem südwestlichen Kurs Martinique anliegen zu können. Ein Schnurrbartlinie – "Moustache", wie die Franzosen sagen – oder eine Seagull-Kurslinie wird die Folge sein.

Was für eine herrliche Theorie! Was für ein vermeintlich einfaches Spiel! Doch leider bleibt es nicht dabei, wie so oft mit dem lieben Wetter. Als ich diesen Artikel schon längst abgeschlossen hatte, geht spät am Abend eine Nachricht von Andreas Deubel ein: Breaking News von der Rennleitung – die Insel Santo Antão der Kapverden ist an Steuerbord zu lassen!

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Jan Heinze am 01.11.2017

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