Atlantic Anniversary Regatta

Die Verfolger nähern sich Cuxhaven und Hamburg

Die beiden Sieger-Yachten sind längst im Ziel, doch das Gros der Flotte ist noch unterwegs. "Teasing Machine", "Rockall V", "Iskareen" und "Haspa Hamburg" vorn

Tatjana Pokorny am 20.07.2018
AAR 2018
Andreas Lindlahr

Schon im Ziel: "Malizia – Yacht Club de Monaco" vor der Hamburger Elbphilharmonie

Während die Crews der beiden Sieger-Yachten "Malizia – Yacht Club de Monaco" und "Varuna VI" längst in Hamburg feiern und dort im Sandtorhafen zu sehen sind, geht die Atlantic Anniversary Regatta für die meisten Boote weiter. Als nächste Yacht wird Eric de Turckheims französische Nivelt/Muratet 54 "Teasing Machine" am Wochenende im Ziel vor Cuxhaven erwartet. Das Team hatte am Freitagmorgen nur noch weniger als 300 der insgesamt rund 3700 Seemeilen zu absolvieren und den Englischen Kanal bereits passiert. Dahinter folgt Christopher Opieloks TP52 "Rockall V" vor Arnt und Sönke Bruhns' Class 40 "Iskareen" und den beiden Booten des Hamburgischen Vereins Seefahrt: "Haspa Hamburg" und "Broader View Hamburg". Nur rund 50 Seemeilen hinter Letztgenannter liegt auch die Swan 56 "Latona" weiter gut im Rennen. 

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"Iskareen"-Segler Max Dröge und eine Schachtel Gefriergetrocknetes

Nach den Aufgaben von Top-Favoritin "Rambler 88" und Mathias Müller von Blumencrons Class 40 "Red" ist mit Catherine Pourres "Eärendil" eine weitere Yacht aus dem Rennen. Die französische Crew der schnellen Class 40 hatte allerdings kein technisches Problem zu beklagen, sondern schrieb der Wettfahrtleitung, dass sie am 23. Juli eine wichtige Verpflichtung habe und die Wetterprognose sie zum Abbiegen in den französischen Heimathafen bewogen habe. Sie wolle aber voraussichtlich trotz der Aufgabe zur Siegerehrung nach Hamburg kommen.

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AAR 2018: die Positionen vom 20. Juli (9.45 Uhr)

AAR 2018

Die "Iskareen"-Crew hatte dieses schöne Bild am Mittwoch unter Hinweis auf einen besonderen Tag geschickt: den "International No Wind Day" 

Aufgrund der flauen Winde erlebt die Flotte der Verfolger aktuell eine Kompression. Die hinteren Yachten holen auf. Auch ihnen steht aber noch die anspruchsvolle Navigation durch den Englischen Kanal bevor, die alle Mannschaften bei leichten Winden im vielbefahrenen Revier vor allem nachts vor große Herausforderungen stellt. 

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Die Crew der "Broader View Hamburg"

Inzwischen wird aufgrund der leichten Bedingungen auch immer klarer, dass der Gesamtsieg von Jens Kellinghusens überragend schnell gesegelter Ker 56 "Varuna VI" nach berechneter Zeit nicht mehr zu gefährden ist – und das, obwohl die Crew infolge einer Beschwerde eines nicht an der Regatta beteiligten Fahrzeugs der Berufsschifffahrt eine Zeitstrafe von 5 Prozent kassiert hat (Regel 48). Dabei ging es um das Befahren eines Verkehrstrennungsgebietes in der Elbe. Die Strafe erfolgt in solchen Fällen automatisch.

Einen Einblick in das Bordleben der Mannschaften geben in den Sozialen Netzwerken die vielen lebendigen Berichte von Bord der Boote. Die Crew der Andrews 56 "Broader View Hamburg" hatte unter dem Titel "What the fog?" am Donnerstagabend dichten Nebel und eine "Meuterei mit 'nem Bounty" vermeldet:

"Was weg ist, ist weg, so lautet in den vergangenen Tagen der etwas puristische Ansatz der Verpflegungsplanung. Besser noch: mangelnde Mangelverwaltung. Hintergrund sind die seit heute hoffentlich hinter uns liegenden, eher grau-flauen Tage, und regenlosen (aber 100% luftfeuchten), stockfinsteren und schwarz-flauen Nebelnächte, die an den Nerven der Crew nagten, wie der Hamster an der Vollkornstange. Die Crew verlangte ausgleichende Seligmacher. Mangels Rock-Festivals in der Nähe wurde somit konzeptlos und ohne Gremienbeschluss das Süßwarenschapp zum Abschuss freigegeben, wie das Wildschwein bei der Drückjagd. Der kurze Dienstweg ist Devise: '...an Steuerbord ganz hinten im oberen Netz sind noch Oreo-Kekse, aber erzähl der Freiwache nichts...', warum auch: Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht. Dabei weiß man: wenn Dein Wingman Dich um 03.00 Uhr morgens gut gelaunt und leicht überdreht zum Wachswechsel weckt, dann aufgemerkt und schau gut hin: Nicht selten wirst Du feststellen, dass das breite Dauergrinsen nur die verräterische Schokoladenschnute des Wachpartners nach launiger Nachtwache ist. Klar ist, in dieser Situation hilft nur der beherzte Griff zur Selbstjustiz oder in diesem Fall in die Kit-Kat-Tüte. Morgens bei Dämmerung weiß oft wieder keiner, woher die ganzen Wasabinüsse im Cockpit kommen. Karge Zeiten, verglichen mit den vergangenen Wochen im Saus und Braus. Der frische Aufschnitt ist aufgezehrt, und wir verspeisen das immer noch schmackhafte, frische Brot mit Öl und Meersalz (Fleur de Fenêtre, davon ist reichlich da), Honig oder Marmelade aber ohne Butter. Noch eine Salami wäre wohl drin gewesen, ist man sich einig. In Ermangelung des in der "grauen Phase" Neptuns so populären Earl Grey-Tees mit frischem Ingwer-Schnitz, wird zu dessen kleiner Schwester Lady Grey gegriffen, und statt frischem Ingwer altes Kraut aufgegossen. Jeder Teegourmet weiß, dass diese Schwester eher geschmacklos daherkommt. Nur Trockennahrung haben wir noch reichlich, wir werden es also überleben. Doch Hoffnung keimt auf: Philipp gab heute Morgen ein neues Konzept für mehlgeschmack- und bratpfannenfreie Rühreiherstellung bekannt. Als weiteren Ausgleich für die anstrengenden Nächte wurden ferner Konzepte zum Inflight-Entertainment in der Koje diskutiert, man könnte beispielsweise iPads anbringen und dem wachfreien Cineasten niveauvolle Hollywood-Kost reichen, irgendetwas Entschleunigendes über die Rettungsschwimmer von Malibu in Super-Slow-Mo vielleicht. Keine schlechte Idee, gesagt, getan. Aber nur, wenn die Kinder vorher artig Schlafanzüge anziehen und Zähne putzen. Die Erwachsenen und ihre Freunde wollen an Deck auch mal ihre Ruhe haben.

So dunkel und nervenzehrend die Nächte aber sind, so vielseitig und spektakulär das Naturschauspiel, welches sie uns täglich bieten. Das Meeresleuchten ist hell wie nie und als langer leuchtender Streifen unter anderem im Kielwasser sichtbar. Die uns seit vielen Tagen treu begleitenden Delfine schießen nachts Torpedos auf uns zu und unter uns durch, während sie queitschfidel leuchtenden Blue Curacao vergießen. Sieht jedenfalls ähnlich aus. Durch die Seewasserpumpe findet das fluoreszierende Kleingetier im Wasser auch den Weg in die Bordtoilette, was oft erleichternde Erleuchtung herbeiführt. Wir finden keine technische Lösung, dieses Phänomen zu dokumentieren (Langzeitbelichtung oder Außenbordequipment eher schwierig an Bord), daher beschreiben wir es frei nach Deichkind: LED auf'm Klo, LED an der Winch, LED unterm Schiff - leider geil.

Tagsüber zeigen sich wieder die Wale. Diesmal vier Stück, die jagend aus dem Wasser springen und eindrucksvoll zurück in die Fluten platschen. Unsere Delfine sind wieder da (sie haben denselben Weg) und schließen sich heute einem Thunfischschwarm an. Unsere Sielmänner begründen das damit, dass sie denselben Makrelentyp als Beutefisch bevorzugen. Leider sehen wir auch eine verendete Seekuh an Backbord vorrübertreiben. Trotz endlichem Süßwarenvorrat ist die Stimmung wieder gut. Wir surfen mit Gas in die richtige Richtung und plotten die perfekte Strecke für den Englischen Kanal. Der Skipper backt Zitronenkuchen - echt keine Ahnung, warum, aber er sendet seinen Gruß aus der Küche."

AAR 2018

Die Crew der "Hamburg Lines Men" um Skipper Hans Oestmann

Tatjana Pokorny am 20.07.2018

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