J/70-Europameisterschaft

"Die Jogurtbecher kamen gewaltig ins Glitschen"

Ohne großes Training, dafür mit viel Können und Erfahrung, erkämpften Markus Wieser und seine Crew Platz zwei bei der mit 124 Booten stark besetzten J/70-EM

Tatjana Pokorny am 02.07.2019
J/70 Europameisterschaft 2019
J/70 Italian Class / Lucchi / Lucarelli

Die J/70-Europameisterschaft 2019 wurde vor Malcesine ausgetragen

J/70 Europameisterschaft 2019

Kam, sah und siegte: Europameisterin Claudia Rossi

Gehofft hat Markus Wieser ohne intensive Vorbereitung auf eine Top-Ten-Platzierung bei der sehr gut besetzten J/70-Europameisterschaft vor Malcesine auf dem Bilderbuchrevier des Gardasees. Erreicht hat der Steuermann vom Bayerischen Yacht-Club mit Wolfgang Käfer, Diego Negri und Victor Marino einen herausragenden zweiten Platz. Geschlagen geben musste sich das Quartett nur der hervorragend trainierten, finanzierten und unterstützten Italienerin Claudia Rossi und ihrer eingespielten Crew. "Wir haben vor der EM nicht viel trainieren können", erzählte Wieser, "das Niveau in der großen Flotte war immens hoch, der Wettbewerb so brutal. Wir sind sehr glücklich über den Vize-Titel!" Elf deutsche Boote waren insgesamt am Start. Als zweitbestes GER-Team segelten Michael Grau, David Chapman, Florian Thoelen, Julia Röttger und Malte Päsler auf Platz 26.

Vor Malcesine setzte sich einmal mehr Klassenkönigin Claudia Rossi durch. Markus Wieser und sein Team wurden Zweite

J/70 Europameisterschaft 2019

Die Wieser-Crew segelte bei der J/70- Europameisterschaft auf Platz zwei. Ganz oben auf dem Podest jubelten Siegerin Claudia Rossi und ihr Team. Das italienische Sandwich mit deutscher "Füllung" machten als Dritte Mauro Roversi und sein Team (r.) perfekt. In den Top Fünf waren Wieser und seine Männer die Einzigen, die mit Vierer-Crew antraten; die Italiener setzten auf Quintette

Hier der persönliche Bericht des deutschen Top-Taktikers und Segelprofis Markus Wieser aus Italien:

J/70 Europameisterschaft 2019

Hübsche Preise gab es bei der J/70- Europameisterschaft für die Wieser-Crew auch

Am 1. März um 12 Uhr war das Meldefenster für die J/70-Europameisterschaft aufgegangen, und bereits neun Stunden später war die Maximalzahl von 120 Meldungen erreicht! Einige Spätmelder wurden trotzdem noch angenommen, sodass nach dem Melderekord von Porto Cervo aus dem Jahr 2017 dieses Mal Segler aus 21 Nationen an den Gardasee reisten, um den kontinentalen Champion auszumachen.

Das große Feld wurde in vier Gruppen eingeteilt. An den beiden ersten Regattatagen wurden sechs (teilweise grenzwertige) Qualifikationsrennen gesegelt, je zweimal ging es gegen jede andere Gruppe. Die Gold- und Silberflotte stand danach fest: Felix Kaiser, Oliver Liebig, Eric Hall, Markus Schmidt und Thomas Glöckner segelten eine konstante Vorrunde. Obwohl sie tagelang am Basteln waren, qualifizierten sie sich locker fürs Hauptfeld. Wir dagegen hatten leichte Startschwierigkeiten, nachdem Diego Negri spät von der Starboot-WM und Victor Marino noch später vom von der 52 Super Series aus Cadiz anreiste.

Wolfi Käfer und ich waren leicht verunsichert, ob unsere magere Vorbereitung auch wirklich ausreichen würde. Tatsächlich mussten wir uns erst wieder finden und ans Boot gewöhnen, obwohl wir bereits bei unserer Warm-Up-Regatta, dem dritten Italienischen Event Ende Mai, einen sehr guten fünften Platz erkämpfen konnten. Schlussendlich reichte es auch für uns locker zum Weiterkommen. Fünf weitere deutsche Teams qualifizierten sich für die Goldflotte, darunter auch das gemischte Team vom Deutschen Touring Yacht-Club und dem Münchner Yacht-Club mit Maxi Weiss am Ruder und Ferdi Gerz als Taktiker sowie Jochen Schümann mit seinem Swan-50-Eigner Stefan Heidenreich, die mit ihrem Projekt OneGroup junge deutsche Talente ans professionelle Segeln heranführen wollen.

Zum Start der Gold-Rennen wurden alle bis dato gesegelten Plätze gestrichen. Die 62 Teams fingen somit wieder bei Null an. Acht Wettfahrten wurden gesegelt, teilweise bei starker Ora, sodass diese Jogurtbecher gewaltig ins Glitschen kamen. Wir waren bei diesen Verhältnissen mit unserem Quantum-Segeln flott unterwegs und konnten uns gegen die North-Armanda ganz gut behaupten: Mit erfreulichen Einzelplätzen hatten wir von Anfang an Tuchfühlung nach ganz oben, bis uns ein hart erkämpfter Tagessieg im vierten Rennen wegen Frühstart aberkannt wurde. Das anschließende fünfte Rennen verpatzen wir etwas, wahrscheinlich war ich noch leicht angenervt von diesem unnötigen Fehler. Der letzte Wettfahrttag brachte noch einmal eine traumhafte Ora mit bis zu 20 Knoten Wind. In den letzten drei Rennen wurde durch die Reihen hart gekämpft, und uns gelang es doch noch – zumindest für uns überraschend –, das Trepperl zu erreichen. 

Der Vize-Europameistertitel bedeutet mir persönlich schon einiges, denn in dieser hauptsächlich von Italienern dominierten Klasse ist es kein Leichtes, ganz vorn mitzuschwimmen. Gewonnen hat diesen Titel nach 2016 und 2017 erneut Claudia Rossi, eine talentierte italienische Seglerin, die von ihrem Vater und Trainingspartner Alberto Rossi professionell unterstützt wird und einige der besten Italienischen Jollen-Profis in ihrem Team hat. Bei Claudia Rossi kommen alle wichtigen Faktoren für einen erfolgreichen Segler (sorry, Seglerin!) zusammen: Talent, Trainingsfleiß, Biss und ein ausreichendes Budget.

J/70 Europameisterschaft 2019

Steuerfrau Claudia Rossi und ihre Crew wahrten bis zuletzt den Überblick

J/70 Europameisterschaft 2019

Als die "Jogurtbecher" ins Glitschen kamen…

WIESERS NEUE TEMPEST-LIEBE

Für Wieser geht es nach der erfolgreichen J/70-Europameisterschaft mit einigen kleineren Regatta-Einsätzen, dem Start bei der Copa del Rey und der Tempest-Weltmeisterschaft auf dem Tegernsee vom 9. bis zum 17. August weiter, die er mit Vorschoter Thomas Auracher bestreiten wird. In den Tempest hat sich Wieser vor einiger Zeit neu verliebt und sich für die WM, aber auch zum Privatvergnügen ein Boot bei Mader bauen lassen. "Der Tempest ist ein total unterbewertetes Boot. Da musst du als Steuermann sehr viel selber machen und lernst irre viel. Außerdem eignet er sich auch hervorragend als Familienboot", sagt Wieser.

Markus Wiesers neuer Tempest im Bau bei Mader

Verliebt in den Tempest: Markus Wiesers neues Boot im Bau auf der Bootswerft Mader

Hier geht es zu den Ergebnissen der J/70-Europameisterschaft.

J/70 Europameisterschaft 2019

Die J/70-Europameisterschaft forderte ihre Teilnehmer auf dem Bilderbuchrevier des Gardasees

Tatjana Pokorny am 02.07.2019

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