Transat Jacques Vabre

Die Doldrums als Lottospiel

Die Passage des Kalmengürtels hat das Feld auf den Kopf gestellt: "Apivia" segelt dem Sieg entgegen, "Charal" wird vielleicht sogar das Podium verpassen

Andreas Fritsch am 08.11.2019
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Maxime Horlaville/disobey/Apivia

Rast dem Sieg entgegen: "Apivia" von Charlie Davin und Yann Eliès

Man mag sich kaum vorstellen, wie sehr Jérémie Beyou und Christopher Pratt sich um den Sieg gebracht fühlen. Nachdem sie bis vor zwei Tagen noch mit 120 Seemeilen geführt haben, sind sie mittlerweile durch die extrem launischen Doldrums auf den 6. Platz zurückgefallen. 270 Seemeilen Rückstand haben sie angehäuft. Allmählich lösen sich die sieben Verfolger-Boote der führenden "Apivia" aus dem Griff des Flautengürtels, doch sollte Charlie Dalin und Yann Eliès nicht irgendein technisches Missgeschick passieren, dürften sie den Sieg nach Hause fahren. Es sind noch rund 700 Meilen ins Ziel, und sie segeln derzeit mit rund 15 Knoten schneller als die Verfolger, die erst langsam in den stabileren Wind kommen.

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Stand des Rennens heute Morgen

Eine kleine Sensation spielt sich aber auch hinter ihnen ab: Clarissse Cremer und Armel Le Cléac'h auf "Banque Populaire" liefern sich als einziger nicht-foilender Open 60 im Verfolgerfeld einen packenden Kampf um Platz 2 mit "PRB" (Kevin Escoffier ujnd Nicolas Lunven) und "11th Hour Racing" (Charlie Enright und Pascal Bidégorry). Die beiden segeln gerade wohl das Rennen ihres Lebens, machen keinerlei taktische Fehler und halten das Boot dem Anschein nach absolut am Limit.

Es mag auf den ersten Blick so wirken, als sei es dem Team Banque Populaire gelungen, aus dem Open 60 des Duos, der alten "SMA" von Paul Meilhat, noch mehr Segelleistung herauszukitzeln und die Vormacht der Foiler in Frage zu stellen. Doch in Wahrheit ist das außergewöhnlich gute Abschneiden von Clarice Cremer und Armel Le Cléac'h wohl eher dem ungewöhnlichen Wetter der diesmaligen Transat geschuldet.

Es wurde bei diesem Rennen sehr viel gekreuzt, fast bis zu den Kanaren, Bedingungen, bei denen die Foiler langsam sind, weil viele ihre Schwerter nicht völlig in den Rumpf einziehen können und sie schwerer sind als Non-Foiler. Als dann endlich, kurz vor den Kanaren, raume Winde kamen, waren diese vom Winkel für die Foiler nicht ideal, sie mussten viele Halsen fahren, während "Banque Populaire" sehr tief fahren konnte und exzellent mithielt. Erst kurz vor den Kapverden, als die Bedingungen für die Foiler günstiger wurden, konnte das Duo mit "Charal", "Apivia" und auch "11 Hour Racing" nicht mehr mithalten und verlor Boden. In den ausgeprägten Doldrums segelte der Nicht-Foiler dann wieder heran und sogar vorbei, nur "Apivia" konnte mit einer sehr glücklichen Passage des Schwachwindgürtels enteilen.

Ob Cremer und Le Cléac'h ihren zweiten Platz bis ins Ziel halten können, bleibt jetzt die spannende Frage. Die Bedingungen dafür scheinen gar nicht so schlecht: Bis ins Ziel müssen die Boote in mäßigen Wind teils am Wind segeln. 

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Rotlicht-Cockpit: Boris Herrmann schickte gestern dieses Nachtbild von Bord der "Malizia"

Weiter hinten im Feld segelt Boris Herrmann mit Co-Skipper Will Harris konstant in einer Gruppe um Platz 15. Allerdings kämpften sie heute Morgen mit nicht einmal 5 Knoten Fahrt in den Doldrums, während einige Boote im Westen schneller sind. Mit 430 Seemeilen Rückstand zur Spitze geht es aber sowieso nur noch um Ergebniskosmetik für den Deutschen.

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Stand des Rennens heute Morgen

Mittlerweile ist auch das erste Boot über die Ziellinie vor Brasilien gegangen: Der 50-Fuß Tri "Groupe GCA" mit Gilles Lamiré und Antoine Carpentier ging heute Morgen um kurz vor 5 Uhr über die Linie. 

Das Rennen der Class 40 wird nach wie vor von dem in einer eigenen Liga segelnden Ian Lipinsky und Adrien Hardy mit ihrer "Crédit Mutuel" bestritten. Der Skipper, der den Zirkus der Minis mit drei Transat-Siegen seit Jahren dominiert, gelingt das Kunststück nun wohl auch nahtlos bei den Class 40, er führt das Rennen seit Langem an und hat einen Vorsprung von 65 Seemeilen auf die Verfolger Fabien Delhaya und Sam Goodchild mit ihrer "Leyton". Allerdings erreichen die Boote nun auch bald die Doldrums, und man darf gespannt sein, ob sie weiter so aktiv sind und das Ranking kräftig durcheinander wirbeln.

Darauf dürften der Deutsche Jörg Riechers und sein Co-Skipper Cedric Chateau vielleicht hoffen, die recht konstant segeln auf Platz 7, aber den Speed der Spitzen-Boote nicht mitgehen können und mittlerweile 257 Seemeilen Rückstand haben. In ihrem kleinen Privatrennen um Platz 6, das sie sich seit gut einer Woche mit Kito de Pavants "Made in Midi" liefern, hat der Franzose jedenfalls gerade mit etwa zehn Meilen Vorsprung die Nase vorn.

Ebenfalls sehr konstant segeln die Brüder Arnt und Sönke Bruhns mit ihrer "Iskareen", sie liegen auf Platz 16 und passieren heute die Kapverden.

Andreas Fritsch am 08.11.2019

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