81. Bol d'Or Mirabaud

Die Bol-d'Or-Bilanz: gebrochen, gekentert, gesunken

Bei der 81. Auflage des Schweizer Klassikers war gute Seemannschaft gefragt. Das Veranstalter-Resümee fällt trotz "apokalyptischer Verhältnisse" dankbar aus

Tatjana Pokorny am 19.06.2019
Bol D'Or
Loris van Siebenthal/Bol D'Or

81. Bol d'Or: im Sturm auf dem Genfer See

Als die Bol d'Or 1939 erstmals unter ihrem Namen "Tour du Lac des Faces Pâles" ausgetragen wurde, hat sich kaum jemand vorstellen können, auf dem meist beschaulichen Genfer See einmal ein solches Sturmrennen wie bei dieser 81. Auflage zu erleben. Der Schweizer Klassiker, den auch America's-Cup-Legende Dennis Conner 1989 schon einmal mit seinem revolutionären Katamaran "Stars and Stripes" am schnellsten absolvieren konnte (allerdings aufgrund der Überschreitung der maximalen Maße für Boote auf dem Genfer See nicht als Gewinner registriert wurde), findet in aller Regel in eher ruhigen Winden statt. Nicht so in diesem Jahr. Dramatische Sturmbilder und Mastbrüche in Serie machten die Regatta 2019 zu einem noch denkwürdigeren Ereignis in Überlebensbedingungen als bei der letzten stürmischen Auflage 2013. Dass Schlimmeres verhindert werden konnte, ist auch den sehr präsenten und umsichtigen Rettern zu verdanken.

Bol D'Or

Düstere Szenarien wie dieses spielten sich bei der 81. Bol d'or nach Einsetzen des Sturms ab

Das Video dauert knapp acht Minuten und zeigt über die Anbord-Kamera auf der Grand Surprise "Morpho", wie sich der Sturm entwickelt – bis zum Mastbruch, der die rasende Fahrt auf dem Genfer See beendet

Die Veranstalter haben jetzt ihre Bilanz veröffentlicht. Zwar war der Sturm, der über das Regattafeld hinwegfegte, von Météo Suisse vorhergesagt worden – viele Teams aber erwischte er in seiner Härte dennoch heftig. Dem zunächst angenehmen Nachmittags-Segeln in leichter südwestlicher Sonntags-Brise waren am vergangenen Wochenende auf dem Genfer See ein sich radikal verdunkelnder Himmel und – so von einigen Teilnehmern und auch den Veranstaltern beschrieben – "apokalyptische Verhältnisse" gefolgt: Sturmböen mit 50 Knoten und mehr fielen über die Flotte her. Dazu prasselte bei extrem eingeschränkter Sicht Hagel auf die Decks. Météo Suisse zeichnete im weiteren Verlauf sogar Windspitzen von über 60 Knoten auf – mehr als 110 Stundenkilometer. In der Folge gingen in einem "Feuerwerk von Notsignalen" Segler über Bord, brachen Masten und Crews das Rennen ab; die Organisatoren registrierten 212 Rennaufgaben. Die Anzahl der gebrochenen Masten wurde inzwischen offiziell auf 40 geschätzt. Mehrere Boote sanken, darunter "Toucans Baloo" und "Ex-Psaros". Die Top-Favoritin "Realtime" verlor ihren Mast, fünf M2-Boote kenterten. Und schließlich kenterte auch die Libera "Principesa", deren Crew jedoch unverletzt geborgen werden konnte.

Auch dieser Clip bezeugt die harschen Bedingungen bei der 81. Auflage der Bol d'Or

Die Rettungsteams waren von der gastgebenden Société Nautique de Genève aus koordiniert worden. Der Club, der mit Ernesto Bertarellis Team Alinghi zweimal den America's Cup gewinnen konnte, leistete in Koordination mit den Rettern ganze Arbeit. Rodolphe Gautier, Präsident des Organisationskomitees, erklärte: "Météo Suisse hatte die Situation ziemlich präzise vorhergesagt und den Teilnehmern Infos zur Verfügung gestellt. Insofern waren die Leute vorbereitet, als die starken Winden einsetzten, und haben die Situation gut gemeistert. Sie sind den Instruktionen auch in den extremsten Situationen gefolgt. Aus diesem Blickwinkel hat das Sicherheitssystem gut funktioniert. Die verantwortlichen freiwilligen Helfer haben entschlossen gehandelt, ohne überlastet zu sein. Vor ihnen ziehen wir den Hut."

Gewonnen haben das Sturm-Rennen Yann Guichard und sein Team auf "Ladycat powered by Spindrift Racing". Der Glückwunsch der Veranstalter richtete sich jedoch an alle Teams, die mit dem Ausnahme-Wetter konfrontiert waren und mit guter Seemannschaft für einen glimpflichen Ausgang des Rennens gesorgt haben. Der schnelle Katamaran absolvierte den Kurs in 10 Stunden, 36 Minuten und 21 Sekunden. Drei Minuten später kreuzte "Yllian Comptoir Immobilier" mit Bertrand Demole am Steuer als zweites Boot die Ziellinie. Weitere drei Minuten später eroberte Ernesto Bertarellis "Alinghi" den dritten Podiumsplatz. Schnellste Einrumpfyacht war die Libera "Raffica". In der größten Klasse der 101 (!) Surprises setzte sich "Moi Non Plus" mit Lorenz Kausche durch. Den Gesamtsieg nach berechneter Zeit sicherten sich in der Handicap-Wertung Lionel Maret und seine Crew auf der eher kleinen Modulo 93 "Matière Grise".

Bol D'Or

Im Sturm gekentert

Tatjana Pokorny am 19.06.2019

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online