Vegvisir Race 2019

Deutsches Duo "First Ship Home" beim Vegvisir Race

Vom Schwimmer zum Winner: Franz Schollmeyer, vor einem Jahr über Bord gegangen, schafft ein fabelhaftes Comeback – und gewinnt nicht nur seine Klasse

Jochen Rieker am 18.08.2019
Vegvisir Race 2019
Vegvisirrace.com/P. Brøgger

Als die letzten Boote auf den kleinen Kurs gehen, haben Franz Schollmeyer und Falko Braun schon das Ziel vor Augen – und 152 Seemeilen im Kielwasser

Schon die Tatsache, dass er erneut gemeldet hatte, war eine kleine Sensation. Denn beim Vegvisir Race voriges Jahr war Franz Schollmeyer im Fehmarnbelt aus dem Cockpit seiner Esse 8.50 "Firlefranz" gefallen (YACHT-online-Bericht hier). Alle Versuche seines Co-Skippers Falko Braun, ihn in der aufgewühlten See wieder zu finden, blieben erfolglos. Ein Rettungshubschrauber machte sich damals bereits auf den Weg. Schollmeyer beschloss unterdessen, an Land zu schwimmen – und war in Sicherheit, bevor der SAR-Heli im Einsatzgebiet war.

Es muss ihn einiges an Überwindung gekostet haben, diese Erinnerung hinter sich zu lassen und ein neues Kapitel zu schreiben. Das ist ihm wahrlich gelungen!

Am Freitag, als nach 18 Uhr noch die letzten Startgruppen für den kürzesten der drei ausgeschriebenen Kurse des Vegvisir Race 2019 über die Linie vor dem Hafen von Nykøbing-Falster gingen, segelten Franz Schollmeyer und Falko Braun bereits einem phänomenalen Finish entgegen. Am Vortag gestartet, besiegten die beiden damit nicht nur die Schatten des Vorjahres eindrucksvoll. Sie holten mit dem eigentlich für Binnenreviere konzipierten Sportboot aus der Schweiz auch den Ehrenplatz als erste Yacht im Ziel.

Vegvisir Race 2019

Falko Braun und Franz Schollmeyer siegten überzeugend – über die eigenen Dämonen und die Konkurrenten in ihrer Klasse

Etwas müde von den Strapazen des 152 Seemeilen langen Kurses – der Mittelstrecke der Regatta für Einhand-Skipper und Zweihand-Crews –  nahm Schollmeyer die Champagnerflasche aus den Händen von Regatta-Organisator Morten Brandt-Rasmussen entgegen. Dieser begrüßte die Crew, die 2018 schwer gezeichnet vom MOB-Fall in Nykøbing angekommen war, vor laufenden Kameras und großer Kulisse. "So ein Finish habe ich noch nie erlebt", schwärmte Falko Braun und kündigte an, dass sie in einem Jahr direkt wiederkommen wollen. 

Die Regatta, die sich in nur zwei Jahren einen festen Platz im Kalender vieler Segler in Dänemark, Deutschland und darüber hinaus erobert hat, erwies sich – wieder einmal – als äußerst anspruchsvoll.

Zwei Tiefs bescherten den Teilnehmern wechselhafte, teils fordernde Bedingungen, die viele Segelwechsel erzwangen. Statt des ursprünglich befürchteten Starkwind-Rennens blieb es flau bis frisch; in der Spitze wehte es mit 5 bis 6, in Böen auch mal mit 7 Beaufort aus Süd bis West. Dazwischen immer wieder heftige Regenschauer, aber auch partiell traumhafter Sonnenschein und Vollmond. "Ein typisch dänischer Sommer", kokettierte Wettfahrtleiter Jørgen Bojesen.

Vegvisir Race 2019

Kein reines Zuckerschlecken. Vegvisir Race 2019

Außer Franz Schollmeyer und Falko Braun rehabilitierten sich auch Michael Höfgen und Jasper Marwege auf der in Ungarn gebauten Code 8 "Lightworks". Das Vorgänger-Boot gleichen Typs und gleichen Namens hatte vor einem Jahr nahe des nördlichsten Punkts des Kurses seinen Kiel aufgrund eines Baufehlers verloren. Daraufhin orderte Eigner Höfgen einen Neubau, diesmal mit Neigekiel, um das fehlende Crew-Gewicht auf der Kante zu kompensieren.

Der wurde jedoch erst spät fertig. "Wir konnten bisher erst eine einzige Regatta segeln", sagte Höfgen gegenüber YACHT online. Mit seinem Co-Skipper zusammen war er bereits vier Tage vor dem Start am Basteln – und musste sich schweres Werkzeug borgen, um das Steckschwert in seine Führung zu zwingen, das bei nach Luv gekipptem Kiel die Abdrift verhindert. Noch kurz vor dem Start montierte die "Lightworks"-Crew fieberhaft die letzten Curryklemmen und taufte das Boot. Als Patin fungierte die 12-jährige Adelina, die Monate nach der Havarie am Strand von Agersø die Brieftasche von Jasper Marwege gefunden hatte (s. Kielwasser YACHT 7/2019).

Vegvisir Race 2019

Taufe mit einer famosen Patin. Code-8-Crew Jasper Marwege, Michael Höfgen und Adlina Hillerup aus Agersø

Nachdem die beiden Segler zunächst konservativ unter Code Zero segelten, wechselten sie kurz nach der Linie bereits auf den riesigen asymmetrischen Spinnaker, um dann durchs ganze Feld zu stürmen. Es sah beeindruckend aus – und nach einem Start-Ziel-Sieg.

Doch schon vor der Brücke in Guldberg, noch im engen Fahrwasser des Sunds, misslang eine Halse, weil der Kiel noch auf der falschen Seite stand. Zuvor schon hatte sich der Spi hinterm Großsegel verfangen. Da merkte man, wie fordernd das Rennen für die Crew werden würde – denn die Code 8 wird sonst mit fünf Mann bewegt. Dass Höfgen und Marwege am Ende Platz zwei in ihrer Klasse erreichten, ist daher aller Ehren wert. Vom DNF im Vorjahr zum Podiumsplatz 2019 ist jedenfalls eine deutliche Steigerung – und ein fast ebenso märchenhaftes Comeback wie das von Franz Schollmeyer und Falko Braun.

Insgesamt holten deutsche Yachten das Gros der Top-Platzierungen, darunter allein neun Klassensiege. Hier geht es zu den Ergebnislisten. Den ausführlichen Bericht über das Vegvisir Race 2019 lesen Sie in YACHT 20.

Jochen Rieker am 18.08.2019

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