Segeln olympisch

"Der größte Aussetzer meines Lebens"

Philipp Buhl strahlt bei der WM auch ohne Medaille. Surfer Toni Wilhelm dagegen agierte mit Brett vor dem Kopf statt unter den Füßen

Tatjana Pokorny am 18.09.2014
Laser-Weltmeister Nicholas Heiner

Laser-Weltmeister Nicholas Heiner aus Holland verdrängte mit einem entfesselten Finallauf noch Tom Burton von Platz eins und freute sich entsprechend

Der eine strahlte auch ohne Medaille, dem anderen war zum Weinen zumute. Die Gefühlswelten von Lasersegler Philipp Buhl und RS:X-Surfer Toni Wilhelm hätten am Donnerstag im spanischen Santander nicht unterschiedlicher aussehen können.

WM 2014 Santander

Bei dieser WM blieben beide trotz großer Leistungen ohne Medaille: Philipp Buhl und Robert Scheidt

Philipp Buhl hatte zwar im Medaillenfinale der besten zehn Lasersegler die angestrebte Medaille knapp verpasst, hinterließ dabei aber einen bärenstarken Eindruck und keinerlei Zweifel, dass mit ihm in der Laserklasse auch in Zukunft zu rechnen ist. Buhl ist und bleibt der Hoffnungsträger Nummer eins in einem bei dieser WM insgesamt schwach segelnden deutschen Team.

Philipp Buhl kurz vor dem Start

Philipp Buhl kurz vor dem Start bei der WM in Santander

Eine falsch getroffene 50:50-Entscheidung am letzten Tor hatte Buhl nach gelungenem Rennauftakt um die Chance gebracht, vor Tausenden Zuschauern auf den Tribünen im Segelstadion von Santander noch in den Kampf um die Medaillen eingreifen zu können. Der Allgäuer, der im Medaillenrennen extrem schnell über die Linie schoss und zwischenzeitlich auf der ersten Kreuz sogar in Führung lag, war aber auch ohne Medaille am Donnerstagabend ein erfolgreicher Sportler: "Es stimmt, ich wollte diese zweite Medaille sehr gern haben, aber ich bin auch ohne sie glücklich. Wenn man bedenkt, dass ich vor ein paar Tagen hier nur 19. war, dann ist mir doch danach ein gutes Comeback gelungen. Die Arbeit geht jetzt weiter, denn mein Ziel bleibt unverändert: "Ich will 2016 in Rio eine Medaille gewinnen." Weltmeister wurde der Niederländer Nicholas Heiner vor dem Australier Tom Burton und dem Briten Nick Thompson.

Laser-Weltmeister Nicholas Heiner

Der neue Laser-Weltmeister Nicholas Heiner flog für die Holländer über den Kurs und und kreuzte die Ziellinie im Medaillenrennen mit riesigem Vorsprung

Laser-Radial-Weltmeisterin Marit Bouwmeester

Laser-Radial-Weltmeisterin Marit Bouwmeester aus Holland

Für die Niederlande hatte zuvor im ersten WM-Medaillenfinale der Laser-Radial-Steuerfrauen Marit Bouwmeester bereits Gold vor der Zweitplatzierten Schwedin Josefin Olsson und Evi van Acker aus Belgien gewonnen. Die deutsche Überraschungs-Europameisterin Svenja Weger hatte im spanischen WM-Revier nicht an ihre zuletzt gezeigten Leistungen anknüpfen können und beendete die Serie auf Platz 33. Auch die deutschen 470er-Frauencrews agierten ohne Fortune: Keine konnte sich für die Goldflotte qualifizieren. Im 49er FX lagen Tina Lutz und Susann Beucke nach fünf Wettfahrten als bestes deutsches Team auf Platz 14. Leonie Meyer und Elena Stoffers, die bereits einen Tagessieg ersegelt hatten, starten als 19. in die kommenden Rennen.

Der unglücklichste Athlet im Audi Sailing Team Germany, möglicherweise sogar im gesamten WM-Hafen, war am Donnerstagabend aber Toni Wilhelm. Dem RS:X-Surfer aus Dogern war an Land vor Beginn der letzten drei Wettfahrten der Surfer bis zu ihrem Finale am Freitag ein so dramatischer und nicht wiedergutzumachender Fehler unterlaufen, dass der Olympia-Vierte in der Folge den Einzug in das Medaillenrennen der besten zehn Surfer verpasste.

Wilhelm hatte am Vormittag zum falschen Surfbrett gegriffen, dem Board eines Konkurrenten, und nicht das eigene gewählt. Mit diesem RS:X-Brett war er ins erste Rennen gestartet, bevor ihm der Fehler auffiel. Entsetzt gab Wilhelm das Rennen sofort auf, hatte dabei vor allem João Rodriguez aus Portugal im Kopf, dessen Brett er unter den Füßen hatte. "Es tat mir unendlich leid für ihn", sagte Wilhelm, "ich musste auch seinetwegen und aus Fairplay-Gründen aufgeben." Wilhelm raste zurück in den Hafen, tauschte das Board gegen sein eigenes und kam noch rechtzeitig zum Start für die nächsten beiden Rennen. Doch der Schock über das unfassbare Missgeschick saß zu tief – es reichte für Wilhelm nicht mehr zum Einzug in das am Freitag stattfindende Medaillenrennen der Surfer, dem er nun entgegen aller Prognosen zuschauen muss. Schlimmer noch: Auf dem Papier hat Toni Wilhelm als WM-Zwölfter seinen Kaderstatus verloren. Ihm droht der komplette Entzug der Förderung, obwohl er zu WM-Beginn gewohnt souverän in den Top Fünf platziert war und zu den aktuell nur sehr wenigen Weltklassesportlern in der Segel-Nationalmannschaft zählt. "Es ist ein Drama", sagte Wilhelm selbst, "da bin ich schnell unterwegs, das Niveau stimmt, und dann passiert mir die größte Dummheit meines Lebens."

DSV-Präsident Andreas Lochbrunner sagte auf Anfrage von YACHT online: "Ich glaube, dieser Fauxpas ist im Spitzensport einmalig, und niemand ärgert sich so sehr darüber wie Toni Wilhelm. Aber abgesehen von seinem Brett-Aussetzer hat er auch bei dieser WM sehr gute Leistungen abgeliefert. Er gehört zu den wenigen Deutschen, die in der Weltspitze dabei sind. Er ist und bleibt eine unserer Medaillenhoffnungen für die Olympischen Spiele 2016 in Rio. Deshalb ist es selbstverständlich, dass wir uns mit ihm zusammensetzen und gemeinsam einen Weg finden, wie wir ihn unterstützen können. Wir werden Toni sicher nicht fallen lassen."

Sympathische Unterstützung für Wilhelm kam auch vom niederländischen Olympiasieger Dorian van Rijsselberge: "So ein Fehler wie der von Toni sollte nicht, kann aber passieren. Die Bretter sehen ja alle gleich aus... Toni ist mit oder ohne Medaillenrennen in der Weltspitze etabliert und ich rechne für die Olympischen Spiele 2016 fest mit ihm als Konkurrenten im Kampf um die Medaillen." Van Rijsselberge hatte am Abend nach drei mittelmäßigen Rennen unter seinem Niveau entdeckt, dass seine schnelle Lieblingsfinne gebrochen war.

Dorian van Rijsselberge und Toni Wilhelm

Dorian van Rijsselberge und Toni Wilhelm bei den Olympischen Spielen 2012: Ihren Kampf um die Medaillen wollen der Olympiasieger und der Olympia-Vierte 2016 noch einmal austragen

Tatjana Pokorny am 18.09.2014

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