22. Mini-Transat

Der Atlantik ruft: zwei deutsche Skipper im Mini-Transat

Ein Berliner und ein Düsseldorfer wollen den Atlantik bezwingen: Hendrik Witzmann und Morten Bogacki stehen vor ihrer Mini-Transat-Premiere

Tatjana Pokorny am 17.09.2019
Mini-Transat La Boulangère 2019
Breschi / Mini-Transat La Boulangère 2019

Mini-Transat La Boulangère 2019: Hendrik Witzmann vom Verein Seglerhaus am Wannsee ist bei der 22. Auflage des Solo-Klassikers auf seiner Pogo 3 "Sunovation" einer von zwei deutschen Startern

Offshore Team Germany

Solo-Profi Jörg Riechers

Der Startschuss fällt am 22. September um 14:15 Uhr. 87 Seglerinnen und Segler aus zwölf Nationen gehen dann auf den Kurs von La Rochelle nach Las Palmas auf Gran Canaria. Es ist die erste von zwei Etappen, die die Solisten über insgesamt rund 4000 Seemeilen über den Atlantik nach Le Marin auf Martinique führen. Der Einhand-Klassiker wird seit 1977 ausgetragen. Damals wurde das auch als Poor Man’s Race bezeichnete Rennen für ambitionierte Solosegler mit keinen oder kleinen Budgets aus der Taufe gehoben. Wolfgang Quix sorgte bei der Premiere mit seiner Waarship 570 „Waarwolf“ vor 42 Jahren dafür, dass auch die deutsche Flagge wehte. Erfolgreichster deutscher Teilnehmer in der Mini-Transat-Geschichte ist der Hamburger Segelprofi Jörg Riechers, der 2011 Platz fünf und 2017 sogar Platz zwei in der Proto-Wertung belegte.

Mini-Transat La Boulangère 2019

Hendrik Witzmann

Mini-Transat La Boulangère 2019

Morten Bogacki

Jetzt stehen wieder zwei deutsche Skipper vor ihrer Mini-Transat-Premiere: Der Berliner Hendrik Witzmann und der Düsseldorfer Morten Bogacki bereiten sich auf den Härtetest für Mensch und Material vor. Keiner der beiden zählt in seiner Division zu den Top-Favoriten, beide aber gehen mit viel sportlichem Ehrgeiz ins Rennen. Trotz begrenzter Vorbereitung, die ihm in diesem Jahr oftmals von schwerem Wetter und in dessen Folge ausgefallener oder verkürzter Trainingsrennen schwer gemacht wurde, sagt Hendrik Witzmann: „Ich würde gern in die Top Ten der Serienwertung segeln.“ Damit hat sich der Mini-Novize die Messlatte hochgelegt. Der 46-Jährige gibt sich selbst den Takt vor: „Ich ziehe das jetzt durch. Ich will gut segeln, kann aber das Niveau der Flotte fürs Rennen selbst aufgrund meiner eigenen begrenzten Vorbereitungsmöglichkeiten schwer einschätzen.“

Mini-Transat 2019

Hendrik Witzmann in der Vorbereitung auf seinem Pogo 3 "Sunovation"

Mini-Transat La Boulangère 2019

Hendrik Witzmann vor dem Start ins Mini-Transat La Boulangère 2019: "Ich bin selber gespannt, wie es läuft. Du musst die Kiste permanent pushen!"

Als „sehr guten Segler“ bezeichnete die französische Co-Favoritin Amélie Grassi den Berliner, den sie in La Rochelle schon gut kennengelernt hat. Doch der kennt auch seine Schwächen: „Meine Defizite liegen eher in den Bereichen Seemannschaft oder könnten körperlicher Natur sein. Gegen die mögliche Seekrankheit habe ich viel Vitamin C und Pflaster dabei. Wichtig sind in diesem Solorennen deine Multitasking-Fähigkeiten. Und die musst du richtig und gut verteilt einsetzen. Was hilft es, wenn du ein super Segler bist, aber andere Bereiche nicht gut genug abdeckst?“ Witzmann startet mit seiner Pogo 3 „Sunovation“ erstmals ins Mini-Transat. Wie die meisten Pogo-3-Skipper ist auch der Deutsche gespannt darauf, zu was die neuen Maxi-6.5-Plattbug-Boote imstande sein werden: „Sie sind beim Reachen etwa einen Knoten, also sehr viel schneller als ein Pogo 3. Dafür sind sie beim VMG-Fahren, also auf tiefen Vorwindkursen langsamer. Es wird spannend.“

PROLOG VERSCHOBEN!

Der zweite deutsche Segler im Spiel ist Morten Bogacki. Sein Prototyp ist die „Lilienthal“, mit der Jörg Riechers bei der letzten Auflage Zweiter wurde. Dem Neueinsteiger und seinem Bertrand-Design mit der Bugnummer 934 ist einiges zuzutrauen. Wenige Tage vor dem Start fühlt er sich „gut vorbereitet“, hat die meisten Hausaufgaben erledigt und verspürt „ein wenig Lampenfieber, etwa wie vor einer Prüfung“. Bogacki berichtete im Gespräch mit YACHT online am Dienstag, dass die Veranstalter den für Mittwoch geplanten Prolog aufgrund vorhergesagter starker Winde bis 30 Knoten bereits auf Freitag verschoben haben. Es ist auch nicht völlig ausgeschlossen, dass sich der eigentliche Mini-Transat-Start noch verschiebt.

Mini-Transat La Boulangère 2019

 Blickt seiner Premiere im Mini-Transat La Boulangère 2019 entgegen: Morten Bogacki

Der 33-jährige 505er-Juniorenweltmeister Morten Bogacki, der für den Düsseldorfer Yacht-Club und den Kieler Yacht-Club startet, hat bereits eine 470er-Olympiakampagne hinter sich und will nun – beflügelt vom Offshore Team Germany und dem bewährten Boot – im Mini-Transat zeigen, was er offshore draufhat. Dabei reist auch die von Bogacki ins Visier genommene mögliche Kampagne in der für 2024 neu ins olympische Programm aufgenommene Disziplin Mixed-Offshore im Hinterkopf mit. 

Mini-Transat La Boulangère 2019

Der Blick zu Morten Bogacki unter Deck: Viel Lebensraum haben Mini-Segler nicht

Zu den letzten Anschaffungen Bogackis zählten kurz vor dem Start noch ein neuer Klettergurt und ein extralauter neuer Wecker. Das Schlafmanagement habe er gut im Griff und zu dem Thema reichlich Literatur gewälzt. Die „Power Naps“ des Arztes dauern in der Regel zwölf bis 14 Minuten an. Regelmäßig kommen 45-Minuten-Schlafeinheiten dazu. Für 700 Euro hat er Gefriergetrocknetes („gutes Zeug“) eingekauft. Etwas Parmesan, Olivenöl und Salami sollen die karge Kost hin und wieder aufpeppen. Auch der zweimalige Silverrudder-Gewinner und Rekordhalter in der Mini-Klasse hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesteckt, hält eine Mini-Transat-Platzierung in den Top Fünf nicht nur für erstrebenswert, sondern auch für möglich.

Mini-Transat La Boulangère 2019

Würde gerne in die Top Fünf segeln: Morten Bogacki mit seinem Mini mit der Bugnummer 934

Die Essenz des Rennens ist heute für alle Teilnehmer noch die gleiche wie bei der Premiere vor 42 Jahren: In einer Welt, in der Kommunikation alles ist, müssen die Teilnehmer darauf weitgehend verzichten. An Bord der Minis gibt es keine Computer, keine Satellitenverbindungen, keine Verbindungen zu Live-Medien, keine Möglichkeit, Fotos oder Videos von Bord zu senden. Die Seglerinnen und Segler können keine Grüße an die Liebsten daheim schicken. Ihr einziger Kontakt zur Außenwelt besteht darin, den täglichen Wetterbericht der Wettfahrtleitung (aktuell und 48-Stunden-Vorhersage) über SSB-Radio (Kurzwelle) zu hören und die verbleibenden Distanzen der Konkurrenz zur Ziellinie zu erfahren. Außerdem können die Starter über Funk in einem Radius von rund zehn Seemeilen miteinander kommunizieren. Gerade auf der ersten Etappe tauschen sich die Segler auf dieser Basis regelmäßig aus. Komplizierter wird es auf der zweiten Etappe, weil sich die Boote auf Kurs Martinique weiter über den Atlantik verteilen und sich die für die erste Etappe typischen Gruppen stärker auflösen. Dann kann es dazu kommen, dass die Skipper über Tage oder sogar Wochen mit niemandem auch nur ein Wort sprechen.

Hier geht es zur Info-Seite, auf der ab dem Start auch der Tracker zu finden sein wird.

Mini-Transat La Boulangère 2019

In La Rochelle laufen die letzten Vorbereitungen für Morten Bogacki. In den Tagen vor dem Start ist es dort aktuell bei rund 30 Grad Celsius sommerlich heiß, was Arbeiten unter Deck schon zur Qual machen kann

Tatjana Pokorny am 17.09.2019

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