Vendée-Arctique-Les Sables

Comeback auf See: Boris Herrmann greift wieder an

Er hatte das Aus schon vor Augen, doch nach gelungener Reparatur auf See hat sich Herrmann wieder in die Spitzengruppe katapultiert – mit Exklusiv-Video!

Tatjana Pokorny am 12.07.2020
Vendée Globe 2020/2021
Andreas Lindlahr / Team Malizia

Boris Herrmanns Vendée-Globe-Gefährtin "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco" ist nach erfolgreicher Reparatur auf See wieder zurück im Vendée-Arctique-Spiel

Vendée Arctique

Die Zwischenstände am 12. Juli um 13 Uhr. Die Flotte nähert sich dem zweiten Wegpunkt Gallimard. Für Montag werden dort sehr flaue Winde erwartet

Am Sonntagvormittag hat sich der Hamburger Soloskipper Boris Herrmann mit der phasenweise höchsten Bootsgeschwindigkeit von mehr als 17 Knoten im Feld Platz sechs in der Flotte der 17 Imoca-Yachten zurückerobert. Drei Konkurrenten der ursprünglich 20 gestarteten Boote sind bislang ausgeschieden, weitere kämpfen wie die Deutsch-Französin Isabelle Joschke mit den Folgen von Materialversagen: An Bord von Joschkes "MACSF" ist der Baum gebrochen.

Was Boris Herrmann über die aufregenden letzten 24 Stunden zu berichten hat

Hinter dem 39-jährigen Herrmann, der erst vor vier Wochen Vater geworden ist, liegt ein Wechselbad der Gefühle: Noch am Freitag hatte er die Flotte einen Tag lang angeführt und das Potenzial seines Bootes demonstriert. Am Samstag war sein Großsegel nach Materialbruch von oben gekommen. Die Regatta schien für den Skipper der «Seaexplorer – Yacht Club de Monaco» gelaufen. So dachte er zunächst auch selbst. Dann aber gelangen binnen elf Stunden die Reparatur auf See und das erstaunliche Comeback. Inzwischen steht das Großsegel wieder ohne die anfänglichen Reffs, und Herrmann kämpft um ein gutes Ergebnis im für ihn noch rund 850 Seemeilen entfernten bretonischen Zielhafen Les Sables-d'Olonne, wo die Boote zur Wochenmitte zurückerwartet werden.

Die Flotte wurde am Vormittag des neunten Renntages vom Franzosen Charlie Dalin auf "Apivia" angeführt, der mit Jérémie Beyou auf "Charal" bei der Annäherung an den zweiten Wegpunkt Gallimard um die Spitzenposition rang. Für die Teilnehmer markiert die laufende Langstrecke Vendée-Arctique-Les Sables d'Olonne die Generalprobe für die Einhand-Nonstop-Weltumsegelung Vendée Globe ab 8. November, an der Boris Herrmann als erster Deutscher teilnehmen will.

Vendée-Arctiques-Les Sables d'Olonne

Boris Herrmann führt im Gespräch durch die bewegten letzten 24 Stunden auf dem Atlantik und gibt einen Ausblick auf die finale Phase des neuen Nordatlantik-Rennens

Aktuelles Interview mit Boris Herrmann von Sonntag, 11 Uhr:

Herr Herrmann, Sie haben in den vergangenen 24 Stunden eine heftige "Achterbahnfahrt" hingelegt, sind aber jetzt wieder auf Kurs. Ihre Einschätzung der Lage?

Ich denke, dass in diesem Rennen wieder alles möglich ist. Wir erwarten eine große Flaute beim zweiten Wegpunkt Gallimard. Dort wird möglicherweise die ganze Flotte zusammentreffen. Ich kann mir vorstellen, dass wir dort morgen Abend alle gemeinsam herumdümpeln werden. So ganz genau kann man das natürlich mit Blick auf die verschiedenen Wettermodelle nie sagen. Es könnte auch sein, dass die ersten Boote dort durchs Nadelöhr schlüpfen und wegdüsen und wir anderen dort rumdümpeln. Da ist noch ein Rest Unsicherheitsfaktor. Danach ist es nur noch ein langer Backbordbug nach Hause. Da wird sich nicht mehr viel tun. Keine Halse, keine Wende. Da geht es nur noch um puren Speed. Aber die Passage der Flaute wird spannend. Insofern bin ich voll motiviert und gebe alles.

Sie hatten nach Ihrem Bruch zunächst das Aus vor Augen, dachten an Aufgabe…

Ja, im ersten Moment, als das Großsegel runtergerauscht ist, da dachte ich, das Rennen ist vorbei. Ich habe nicht sofort nach technischen Lösungen gesucht, sondern mich an den Computer gesetzt und die Optionen für den besten Heimweg gecheckt. Die Wettermodelle ergaben dabei, dass ich ohnehin in die gleiche Richtung weitersegeln muss, damit ich durch die Front komme. Also dachte ich mir: Gut, dann segeln wir erst einmal weiter und fahnden in Ruhe nach einer technischen Lösung.

Sie haben am Sonntagvormittag während unseres Gesprächs noch ein Stück abgebrochene Mastschiene an Deck gefunden, das Ihnen zusätzlichen Aufschluss darüber gegeben hat, was genau am Samstag geschehen ist, als das Großsegel von oben kam …

Ja, genau. Es scheint, als sei das Segel in den Schraublöchern der normalen Mastschiene eingerastet. Und nicht da, wo das Mastschloss ist. Ich schätze also, ein Stück über oder unter dem eigentlichen Mastschloss. Denn die Mastschiene – da wo die Einrastpunkte sind –, die ist aus Titan. Die ist unzerstörbar. Der Rest der Mastschiene ist aus Alu, so wie man es bei dem abgerissenen Stück sieht. Irgendwie haben sich offenbar die Zähne meines Mastschlittens an der falschen Stelle verhakt. Vermutlich eben in den Schraublöchern der Schiene. Dann saß der Schlitten erst einmal fest. Vermutlich 20 Zentimeter über dem Mastschloss oder ähnlich. Da kam dann volle Last drauf. Und dann hat es einfach diesen Flansch der Mastschiene abgerissen. Also Glück im Unglück. Es hätte schlimmer kommen können. Und es ist interessant zu sehen. Ich muss also in Zukunft beim Einrasten des Mastschlosses prüfen: Sitzt es wirklich an der richtigen Stelle? Wir haben übrigens alle den gleichen Mast. Die ersten zehn Schiffe der Flotte haben genau diesen Mast, diesen Mastrutscher und das Mastschloss. Das ist ein OneDesign-System und kein Teil, das wir im Speziellen unterdimensioniert hätten. Es kann also maximal ein Einstellungsfehler zugrunde liegen.

Vendée Arctique 2020

Beweisstück bei der Ursachenforschung: Das abgebrochene Stück Mastschiene fand Boris Herrmann am Sonntag an Deck

Und dafür sind die Lasten dann zu groß…

Man muss es sich so vorstellen, dass man auf den Imocas nicht einfach die Segel am Fall hochzieht und lossegeln kann. Das Fall ist nur dafür da, das Gewicht des Segels anzuheben. Anschließend muss das Segel mit seinem nun gebrochenen Schlitten in ein Mastschloss einrasten. Dort wird die Last dann übernommen. Das sind gut zehn Tonnen. Mein Fall kann nur drei Tonnen halten. Ich kann also nicht mit der Last auf dem Fall segeln. Das ist die Herausforderung. Der Schlitten muss einrasten.

Wie haben Sie das Problem beheben können?

Ich habe eine Eigenkonstruktion mit Gummibändern gefertigt. Das hat bereits im ersten Versuch erstaunlich gut funktioniert. So bin ich etliche Stunden im zweiten Reff gesegelt, bis der Wind wieder abflaute. Dann wollte ich das ganze Großsegel wiederhaben. Ungerefft. Also musste ich versuchen, an dem Abschnitt mit der beschädigten Mastschiene vorbeizukommen. Das war etwas risikobehaftet, denn wenn der Schlitten dort steckengeblieben wäre, hätte ich in den Mast klettern müssen. Was ich keinesfalls wollte. Also habe ich in kleinen Schritten weitergewinscht, immer ein paar Zentimeter höher. Irgendwann ist es an der beschädigten Stelle vorbeigerutscht, und ich konnte das Großsegel ganz setzen. Ich denke, ich würde es auch wieder runterkriegen, aber das wird voraussichtlich nicht mehr nötig sein. Wir werden bis ins Ziel wohl keine Winde mehr erleben, die höher sind als geeignet.

Können Sie unseren Lesern schon etwas zu Ihrer erwarteten Ankunftszeit sagen?

Nach aktuellen Berechnungen sollten wir die Ziellinie vor Les Sables-d'Olonne in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli erreichen. Angesichts der verlorenen Meilen und der bevorstehenden Flaute kann sich das aber nach hinten verschieben.

Sie haben sich inzwischen auf Platz sechs zurückgekämpft. Was geht noch für Boris Herrmann und die "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco"?

Ein Platz in den Top Sechs wäre schon okay. Damit wäre ich nach allem auf jeden Fall zufrieden. Ich bin auch sonst zufrieden, da wir eine wichtige Schwachstelle aufdecken konnten. Es wäre mein schlimmster, schlimmster Albtraum, einen solchen Bruch in der Vendée Globe zu erleben. Ich bin fast dankbar, dass es hier und jetzt passiert ist und dass ich nun in normalem Zustand weitersegeln kann, nicht tagelang verzögert mit kleinen Segeln herumdümpeln muss. Ich will ja auch zurück zu meiner kleinen Familie."

Hier geht es zu den Zwischenständen.

Vendée-Arctiques-Les Sables d'Olonne

Wieder Herr über sein Boot: Boris Herrmann auf "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco"

Tatjana Pokorny am 12.07.2020

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

    ANZEIGE

    Das könnte Sie auch interessieren

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online