Transat Jacques Vabre

"Charal" parkt ein: Flaute oder Probleme?

Scheinbar ungefährdet führte der Franzose Jeremy Beyou gestern noch fast 100 Meilen vor dem Feld. In nur einer Nacht verlor er nun 125 Seemeilen

Andreas Fritsch am 06.11.2019
Charal Open60 Defi Azimut 2018 PR_AZIMUT_210918_0406
Yvan Zedda/Defi Azimut

"Charal" – in den Doldrums steckengeblieben oder Probleme an Bord?

Souverän hatte der große Favorit auf den Sieg bis gestern geführt, konnte scheinbar nach Belieben eine Schippe drauf legen, wenn die Konkurrenz mal näher zu kommen schien. Es war zwar klar, dass sich das Feld den Doldrums nähert, aber noch gestern verkündete der Meteorologe des Rennens, dass die Doldrums nicht sehr aktiv sind und die Crews wohl relativ wenig Probleme haben dürften, den Kalmengürtel um den Äquator zu durchdringen.

Und nun das: Gestern Morgen lagen Beyou und Christopher Pratt mit ihrer "Charal" gut 100 Meilen vor dem Zweitplatzierten, Charlie Dalin und Yann Eliès auf "Apivia", doch im Laufe der Nacht holte der Konkurrent nicht nur den gesamten Rückstand auf, sondern ging auch noch mit rund 30 Meilen in Führung. Mit der Rückspul-Funktion des Trackers kann man gut verfolgen, wie "Charal" immer langsamer wird, die Kursrichtung immer wieder ändert und dann teilweise im Kreis zu fahren scheint. Normalerweise ist das ein klares Zeichen entweder für ein technisches Problem an Bord oder ein dramatisches Ereignis wie Kollision oder Mastbruch, wie zuletzt bei "Hugo Boss".

Transat

Gut zu erkennen: das Flauten-Drama von "Charal" (schwarzes Boot)

Aber weder auf der Twitter-Seite von Beyous Team noch auf der Transat-Homepage findet sich eine Meldung, was eher ungewöhnlich wäre, sollte so etwas passiert sein. Sollten die Franzosen tatsächlich nur in der Flaute des "Pot au Noir" hängengeblieben sein, wie die Franzosen die Doldrums nennen? Das wäre ein Fall von wirklich sensationell ungewöhnlichem Wetterpech, zumal "Apivia" etwa 25 Meilen östlich schon wieder zeitweise mit 16 Knoten segelt, während "Charal" noch immer mit knapp 3 bis 5  Knoten dahindümpelt. Man darf also gespannt sein, ob die nächsten Stunden eine verhängnisvolle Meldung von Bord der bisher Führenden kommt oder die beiden einfach nur ein Riesenpech haben.

Das Rennen wird so ohne Frage noch einmal richtig spannend. Denn hinter "Charal" naht mit großen Schritten das Trio "11th Hour Racing", "PRB" und "Banque Populaire", die nur wenige Meilen trennen. Derzeit sind sie mit knapp unter zehn Knoten unterwegs, machen also pro Stunde locker fünf bis sieben Meilen auf "Charal" gut. Geradezu sensationell hält sich in der Gruppe Clarice Cremer mit Armel Le Cléac'h mit "Banque Populaire", dem einzigen nicht-foilenden Open 60 im vorderen Feld.

Malizia

Drohnenbild von "Malizia" im Nordostpassat

Für den Deutschen Boris Herrmann, der im MIttelfeld auf Platz 14 fährt, ist die Spitze mitlerweile rund 150 Seemeilen entfernt. Er ist Schlusslicht einer Fünfergruppe, die in einer weiten West-Ost-Aufsplittung um Platz 10 kämpft. Vielleicht ist da mit einer glücklichen Doldrums-Passage noch etwas drin, aber letztlich geht es nur noch um Ergebnis-Korrektur, nachdem sich die Westroute des Deutschen als gewaltiger Nachteil entpuppt hat. Dafür schickten er und Co-Skipper Will Harris gestern von Bord ihrer "Mailizia" sehr schöne Drohnenbilder von dem Open 60, der zeitweise mit rund 28 Knoten unterwegs war.

Besser läuft es für Jörg Riechers, der bei den Class 40 mit seiner "Linkt" sich einen Platz verbessern konnte und nun Sechster ist. Seit Tagen liefert er sich ein spannendes Duell mit dem Duo Kito de Pavant und Achille Nebout auf "Made in Midi". Immer wieder halsten beide Boote im Nordostpassat, und Riechers passierte im Kielwasser des Franzosen, doch zurzeit hat er die Nase vorn.

Die Brüder Arnt und Sönke Bruhns liegen mit ihrer "Iskareen" derweil im letzten Drittel des Feldes auf Platz 17.

An der Spitze segelt unangefochten das Duo Ian Lipinsky und Adrien Hardy, die mit ihrer "Crédit Mutuel" mit schon 70 Meilen Vorsprung zum Zweitplatzierten Fabian Delahaya und Sam Goodchild (Leyton). Das Feld der Class 40 erreicht heute die Kapverden und kann sich in den nächsten Tagen auf die Passage der Doldrums einstellen. 

Andreas Fritsch am 06.11.2019

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

    ANZEIGE

    Das könnte Sie auch interessieren

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online