Route du Rhum

Brief von Boris: »Ein kurzer Augenblick des Glücks«

Der Hamburger über seine "höchst unsichere taktische Position", die Besessenheit eines Soloskippers und seinen größten Wunsch: ein Tag ohne Überraschung

Jochen Rieker am 10.11.2018
Route du Rhum 2018
Jean-Marie Liot

Freitagnacht erreichten uns diese Zeilen von Boris Herrmann – sein zweiter ausführlicher Bericht von Bord. Heute Abend will er sich erneut melden, dann mit einer ausführlichen Analyse seiner Wetterstrategie und wie er seine Chancen gegenüber der Spitzengruppe im Süden einschätzt:

»Daheim in Hamburg ist es schon seit drei Stunden dunkel und kalt. Winter, dem ich gerade entkommen bin, denke ich. Seit heute Morgen trage ich kurze Hosen und trage keine Schuhe mehr. Ein weiterer schneller Sonnenuntergang der – im Vergleich zu Hause –niedrigen Breitengrade.

Ich sehe eine lila Linsenwolke im Norden in einem ansonsten klaren Himmel mit verschwommenen Horizonten. Es ist die Insel Santa Maria vor den Azoren. Ich war noch nie dort, möchte aber. Ich stelle mir vor, dass sie grün ist und ruhig mit unberührter Natur.

Ich wundere mich, dass es jetzt nicht mehr Vögel gibt. Ich habe bei dieser Reise bisher kaum welche gesehen. Und wenn doch, genieße ich den Anblick jedes Mal. Als der Wind noch stark wehte, begleitete mich eine Art Sturmvogel eine halbe Stunde lang. Elegant glitt er hinter dem Boot über die riesigen langen Seen, die vielleicht sechs Meter hoch gingen. Es war ein kurzes Augenblick den Glücks.

Viele Momente in diesen letzten Tagen erinnern mich an mein intensivstes Segelerlebnis bisher: die achtmonatige Fahrt um die Welt mit Felix (Oehme; beim Portimao Global Ocean Race 2008/09, das die beiden auf "Beluga Racer" gewannen; die Red.). Ich hatte auf See eine Art inneren Frieden gefunden, der so kostbar und schwer zu erreichen ist an Land oder auch sonst, wenn man auf See ist.

Wir hatten oft Hunderte Meilen Abstand (zu unseren Wettbewerbern) und waren bis zu 40 Tage auf See, so dass wir in einen bestimmten Rhythmus eintauchen konnten. Ich erinnere mich an zwei Fälle: Im tiefen Süden, als wir  Albatrosse hinter dem Boot beobachteten und im Südatlantik nach Norden zurückkehrten, um aus der Kälte herauszukommen; da spürte ich wieder die erste Wärme. Ich erinnere mich an diesen Moment in leichter Brise, die Lichtsrahlen Sonne direkt von achtern, die sanft durch das Innere des Bootes wanderten.

Ich habe die Dinge anders wahrgenommen, beim Kaffeekochen war es so, als würde ich den Duft zum ersten Mal riechen. Wir hörten Musikund sagten nichts. Wir waren gerade dabei, von unserem größten Abenteuer zurückzukehren, dem Südpolarmeer, auf einem kleinen Boot, und wir lagen bei der Rundung von Kap Horn in Führung (die wir später verlieren sollten, 45 Minuten vor dem Ziel in Brasilien, in einem Gewitter!).

Der Verstand kann auf einem Boot ja ständig was zu tun haben: Sollte ich auf das größere oder kleinere Segel wechseln? Dreht der Wind so, wie ich es erwartet hatte? Bin ich schnell genug? Wo werde ich in der Wertung landen? Verliere ich Meilen oder mache ich Strecke gut? Bin ich hier am falschen Fleck?

Ich sollte mal die Batterien checken, den Motor, wie viel Diesel übrig ist, die Leinen im Cockpit klarieren, mit dem Schwamm Wasser aus der Bilge lenzen, den kaputten Sensor (für die Mastrotation, die Red.) reparieren, das kaputte Tauwerk, sollte die Strategie eingehend untersuchen, ein paar Videos machen und besser essen. Schließlich sollte ich mich auch ausruhen – und dann immer wieder von vorn ganz oben auf der Liste anfangen. Selbst während ich versuche zu schlafen, wird mein Verstand ständig mit dem Rennen beschäftigt sein.

Bei wechselhaftem Wind kann man bei Trimm und Segelwahl nie 100 Prozent Perfektion erreichen. Man kann nie aufhören, es ist eine endlose Suche, und ich fühle mich sehr nervös und unruhig deshalb. Tage vergehen wie eine Stunde, und das bisherige Rennen ist nur eine unscharfe Erinnerung. Ein Kampf. Ein Ringen auch mit der Unsicherheit, die immer mit von der Partie ist.

Zum Glück gibt es auch die Möglichkeit, das Boot manchmal einfach laufen zu lassen. Wie gestern, als ich diesen Moment des Innehaltens während des Sonnenuntergangs gefunden habe. Ich erkannte, dass ich nicht mehr im Sturm bin und die Bedingungen deutlich besser sind. Ich segle immer noch am Wind, auf einer höchst unsicheren strategischen Position. Grund genug eigentlich, mich aufzuregen, aber ich kann für diesen kurzen Moment Ruhe finden und mich vom Rennen distanzieren.

Sicherlich wird mein Geist in wenigen Minuten wieder anfangen, um die oben genannten Fragen zu kreisen. Total  besessen. Ich habe offenbar ein Stimmungsmuster entwickelt: am Abend und bei Sonnenuntergang friedlich und dankbar, nachts cool und ruhig, morgens einsam und besorgt, tagsüber nervös und ein bisschen überambitioniert. 

Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass die letzten drei Tage mit kleinen Katastrophen am Morgen begonnen haben, die mein Adrenalin so weit anheben, dass ich wahrscheinlich den ganzen Tag brauchte, um es wieder abzubauen. Gestern Fürh hat meine Satellitenverbindung nicht funktioniert und ich fand das Elektronikfach unter Wasser. Heute scheiterten die WIndinstrumente, und ich fand mich in der Dunkelheit auf einem hüpfenden Vordeck unter Wasser, um die Mastrotation zu fixieren.

Beides zu verlieren oder auch nur die Satcom oder nur den Windgeber wäre für mich ein Horror. Daher wünsche ich mir für die nächsten 24 Stunden offiziell ... keine böse Überraschung!

Ich werde in diesem Zeitraum Klarheit über die Strategie gewinnen und morgen darüber schreiben. Es ist übrigens an der Zeit, dass ein Nicht-Franzose das 40 Jahre alte französische Transat gewinnt. Alex (Thomson) segelt ein tolles Rennen und ich bin froh, dass er in einer so starken Position ist. 

Jetzt ist es Zeit für meine abendliche Wetterstunde. Gute Nacht und guter Start ins Wochenende. Bis morgen!«

Boris

Jochen Rieker am 10.11.2018

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