Atlantic Anniversary Regatta

Boris Herrmann über seine Einhand-Überführung nach Bermuda

Er ist der einzige Teilnehmer am Jubiläums-Transat, der seine Yacht solo in den Starthafen segelt. Aber die Fahrt dient auch als Quali für größere Aufgaben

Jochen Rieker am 28.06.2018
Transat Jacques Vabre 2017
Jean-Marie List/ALeA

Neun Tage solo. Boris Herrmann an Bord seines Imoca 60 "Malizia"

Eigentlich wollte Boris Herrmann seinen Imoca 60 "Malizia" mit einem Freund und Mentor über den Atlantik segeln. Doch aus dem Double wurde nichts, also ging der Hamburger solo in See. Das erste lange Einhand-Stück auf diesem Boot war kein leichtes. Und vielleicht ist das gut so. Denn es dient als Qualifikation für die Route du Rhum im Herbst, den Saisonhöhepunkt im Regattakalender des Hochsee-Profis. Und die wiederum ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Vendée Globe. 

Für YACHT online schrieb Boris Herrmann heute Nachmittag, zwei Tagesetappen von Bermuda entfernt, wie sich das Solo-Transat vor dem am 8. Juli startenden Atlantic Anniversary Race des Norddeutschen Regatta Vereins anfühlt und wie er mit "Malizia" klarkommt. 

Boris Herrmann nimmt auf "Malizia" erstmals Am TJV teil

"Eins mit dem Schiff geworden"

Neunter Tag auf See. Es ist böig, und ich habe zwei Dünungsrichtungen, die sich kreuzen. Kommen Schwell von Lee und eine Bö zusammen, springe ich auf, um wenn nötig den Baumniederholer aufzuwerfen, damit wir nicht aus dem Ruder laufen. Es ist so eine Art Hebeleffekt, wenn der Bug in einer Welle feststeckt und dann die andere Dünungswelle und die Bö von achtern nachschieben. Dazwischen liegen lange Passagen mit eleganten Foiling-Surfs und 23 Knoten Speed über viele Minuten.

Ich habe heute Morgen zu einem grandiosen Sonnenaufgang gehalst und segele nun auf Backbordbug fast genau auf Bermuda zu. Noch 770 Seemeilen. Im vollen Surf steht da eine verbleibende Restzeit von 35 Stunden auf dem Bildschirm, und ich bemerke mit einem Lächeln, dass sich dieses mir bisweilen unendlich lang vorkommende Seestück tatsächlich einem Ende nähert.

In den Momenten der Ungewissheit, weit im Süden des Großkreiskurses, in einer Wüste aus Blau, ohne eine Wolke, aber auch oft ohne Wind und ohne funktionierendes Wettermodell kam ich mir verloren vor, ohne Raum und Zeit – und ohne Mitsegler.

Die Versuchung war groß, einen Freund oder einen Techniker mitzunehmen, doch im November wartet die Route du Rhum, und die ist nunmal einhand. Der Regattaleiter hatte mir an sich erlaubt, für diese Fahrt einen "Passagier" an Bord zu holen und sie dennoch als Qualifikation für die vorgeschriebenen 1500 Seemeilen solo anzuerkennen. 
Viel wichtiger war mir aber, mich in eine echte Situation zu begeben und auch das Alleinsein zu üben, was mir durchaus zu Beginn der Reise manchmal schwer fällt. 

Seit gestern bin ich nun offiziell für die Route du Rhum qualifiziert. Und nach gut einer Woche auf See bin ich auch angekommen, hier mit mir und dem Schiff eins geworden. Alles fühlt sich natürlich an, ich bin entspannter und selbstbewusster, ich fange an, mit dem Wind und dem Boot zu reden, und denke weniger nach, treffe beim Trimmen die Schotposition manchmal "spot on" und freue mich dann. Ich gehe ja vor den Wind für Segelwechsel, und um Zeit zu sparen, winscht man die Segel dann schon raumschots dicht für den eigentlich geplanten Windwinkel. Erst danach luvt man wieder an.

Technisch kenne ich "Malizia" bereits über 30.000 Seemeilen. Es ging mir bei diesem Training vor allem um unsere Beziehung. Ich bin sicher, dieses Routinegefühl – "Malizia" und ich – am 4. November zum Start der Route du Rhum abrufen zu können und auf der Basis dann sofort volle Kraft voraus zu segeln, möglichst lange an dem verrückten Yann Eliès dranzubleiben. Denn wie der Gas gibt, konnte ich beim Transat Jacques Vabre letzten Herbst erleben.

Es ist ja immer, auch auf dieser Überführung, eine Frage der Zielsetzung: Vollzeug oder Vernunft? Riskante Kurswahl und haarige Manöver standen definitiv nicht auf meiner To-do-Liste für diese Reise. Bei einer Trainingsfahrt steht an allererster Stelle, sicher anzukommen. Ich wollte meinem kleinen Shore-Team und mir in der kurzen Vorbereitungswoche auf die Atlantik Anniversary Regatta, die am 8. Juli in Bermuda startet, keinen unnötigen Stress einbrocken.

Das hat bisher – toi, toi, toi! – gut geklappt. Jetzt hab ich vor mir einen Tag Halbwindkurs, der langsam in Amwind übergeht. Bei zunehmender Böigkeit nähern wir uns dann wahrscheinlich mit einem Reff und der Genua 2 einer alten, recht unangenehmen Front: Sie bringt Gewitter und Böen bis 35 Knoten. Anschließend muss ich wenden. Das Schwierigste ist dabei immer, in dem bockenden Vorschiff die bis zu 90 Kilo schweren Segelsäcke von der einen auf die andere Seite zu wuchten. Danach sollte es mit leichten bis moderaten Winden auf Steuerbordbug bis Bermuda gehen, Ankunft Sonntagmittag, mit dem Heck an die Pier des Royal Bermuda Yacht Club. Und dort ein kühles Bier bitte. Gilt das dann als Transat?

Tim Müller und Hans Christoph Enge von unserer Crew werden schon da sein, Claus und Christopher Löwe komplettieren die fünfköpfige Mannschaft im Laufe der Woche.  Was für ein Kontrast wird das sein!

Zu fünft sind wir sehr gut besetzt auf diesem Einhand-Renner. Wir haben das allerdings schon ausprobiert, und es hat gut hingehauen, daher mache ich mir keine Sorgen. Im Gegenteil: Ich freue mich auf Kameraderie, gemeinsamen Spaß und Sport auf dem langen Weg nach Hamburg, für den wir zwölf Tage ansetzen.

Hinterher werden wir beim Gin Tonic in Hamburg mit den anderen Crews der AAR unsere gemeinsamen Geschichten zum Besten geben können. Das wird ein rarer Moment für mich. Meine Rennen, meine Boote und Mannschaften finden selten in Deutschland statt. Das war auch eine große Motivation, am AAR teilzunehmen, noch dazu ein Rennen, das uns in unsere Heimatstadt führt. Dem Norddeutschen Regatta Verein sei Dank, hier die deutsche Seesegelszene auf grandiose Weise zusammenzubringen."

Jochen Rieker am 28.06.2018

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