Transat Jacques Vabre 2019

Boris Herrmann: "super holperig", aber langsamer als erhofft

Gestern hatte es sich schon abgezeichnet. Jetzt steht fest: Der weite Schlag nach Westen wird sich für den "Malizia"-Skipper und seinen Co nicht auszahlen

Jochen Rieker am 01.11.2019
Transat Jacques Vabre 2019
TJV

Während die Open 60 im Süden – wie hier Sam Davies' "Initiatives Cœur" – mit 20 Knoten Richtung Kanaren preschen, hadern die Verfolger im Nordwesten

Es war eine kuriose Eröffnung dieses Transatlantik-Klassikers – mit einem Split zweier Gruppen von mehr als 600 Seemeilen Lateralabstand. So etwas ist selten geworden im Hochsee-Rennsport, macht aber – wenn es denn passiert – den taktischen Reiz von Langstreckenregatten aus.

Bis gestern Früh war unklar, ob sich der Ausflug einiger Top-Teams, darunter Alex Thomson und Neal McDonald auf der neuen "Hugo Boss" sowie Boris Herrmann und Will Harris auf "Malizia", tatsächlich auszahlen würde. Gut zwei Tage waren sie mehr oder weniger stur Kurs 270 Grad gesegelt, weit weg vom übrigen Feld, das derweil die portugiesische Küste hinunter nach Süden kreuzte – dem Nordost-Passat entgegen, aber auch einer Hochdruckbrücke, die anfänglich wie eine Straßenblockade aussah.

Transat Jacques Vabre 2019

Nicht ausgezahlt: Westkurs von "Malizia" & Co.

Inzwichen ist klar: Die Schwachwindzone vor der Küste Marokkos war gar keine, sodass die Führungsgruppe im Süden ungehindert Richtung Kanaren durchkam. Dafür baut sich derzeit eine neue auf, die morgen wohl den Abenteurern im Westen den Weg versperrt.

Boris Herrmann sah es gestern Mittag bereits auf den Grib-Files seines Bordrechners kommen. Kurz vor 12 Uhr europäischer Winterzeit gab er an die YACHT-Redaktion durch: 

"Spannend, was aus dem split wird… sieht ja nicht so gut aus für uns im moment… 

Da waren er und sein erst 25 Jahre alter Co-Skipper, der Brite Will Harris, den einige noch als Co-Moderator und Regatta-Experte aus dem TV-Studio des letzten Volvo Ocean Race kennen, bereits auf Südkurs gegangen, am Rande eines Tiefs, das bis zu 30 Knoten Wind und anfangs zwei bis drei Meter Welle brachte. Die Bedingungen kommentierte der 38-jährige Hamburger so knochentrocken, wie sich der Ritt auf dem Imoca anfühlen muss:

"Ist normal rau und ruppig hier... grau..."

Seither hat die See zugenommen, dafür scheint die Sonne, und allmählich steigen auch die Temperaturen. Vor wenigen Minuten kabelte er durch:

"Super holperig. die nacht war anstrengend. aber alles gut hier an bord..."

Na ja, fast alles! Was nicht so gut aussieht, sind die Perspektiven, wieder zur Spitze aufzuschließen. Tatsächlich könnte der Vorsprung der Führenden sogar noch deutlich zunehmen, denn die passieren in Kürze die Kanaren im Norden und haben im Passat schnelle Meilen auf Raumschotskurs vor sich. Möglich, dass hier schon eine Vorentscheidung gefallen ist, auch wenn die an Position 1 der Imoca-Klasse liegende "Charal" von Jérémie Beyou und Christopher Pratt noch gut 2800 Seemeilen vor dem Bug haben.

Transat Jacques Vabre 2019

Schwer ranzukommen: Spitzengruppe der Imocas

Beeindruckend nach wie vor die Konstanz, mit der sich Armel Le Cléac’h und Clarisse Cremer in der Top-Gruppe halten – denn ihre "Banque Populaire X" hat im Gegensatz zu "Charal", "Apivia" und "Initiatives Cœur" keine Foils. Sie haben bisher von den teils leichteren, teils sehr stark achterlichen Winden profitiert. Auf dem Tracker lässt sich in hohen Zoom-Stufen erkennen, dass sie derzeit zwar ein bis zwei Knoten langsamer unterwegs sind, aber raumschots stets um fünf bis sieben Grad tiefer fahren und damit auf direkterem Winkel zur Kurslinie als die moderneren Konstruktionen ihrer Konkurrenz. Solange das so bleibt, sollten sie Anschluss halten können. Nur bei Halbwind, also spitzeren Kursen, sollte der Foil-Vorteil nicht mehr zu kompensieren sein – auch nicht für einen Top-Profi wie Cléac'h, der als Vendée-Sieger zu den Besten der Imoca-Klasse zählt.

In deutlich aussichtsreicherer Position als Boris Herrmann liegt ein anderer Hamburger: Jörg Riechers mit Cedric Château auf "Linkt". Er hält sich mit seinem 2018er-Owen-Clark-Design beharrlich in Schlagdistanz zur Spitze der Class 40. Um einen Platz auf Rang 6 zurückgefallen, hat er nur rund 30 Seemeilen Rückstand zu den dominierenden Franzosen Aymeric Chapellier und Pierre Leboucher auf "Aina". Auf fast dem gleichen Breitengrad segelnd wie diese, aber weiter im Osten, haben Riechers und Château den etwas spitzeren Winkel zum Wind und könnten in der Nacht etwas zurückfallen.

Zumal aus Westen sehr ernstzunehmende Konkurrenz anrückt: Mini-Seriensieger Ian Lipinski und Adrien Hardy auf der brandneuen "Crédit Mutuel" haben sich in den vergangenen Tagen Position um Position verbessert. Sie dürften im Kampf um Sieg oder Podium definitiv eine Rolle spielen. Es bleibt also spannend beim Transat Jacques Vabre!

Helloween auf "Malizia"

Maskerade an Bord von "Malizia" – zum Vertreiben böser Geister?

Kurios war übrigens nicht nur der Auftakt. Auch gestern Nacht trugen sich lustige Dinge zu. Jörg Riechers bekam Besuch von einem Vogel, der sich "das 5-Sterne-Domizil" von "Linkt" als Rastplatz ausgesucht hatte. Auf Malizia hielt sogar kurz Helloween Einzug. Oder war's nur eine Fotomontage von Boris und Will? Wir werden versuchen, es rauszufinden.

Hier geht's zur englischsprachigen Homepage des TJV, hier direkt zum Tracker!

  

Jochen Rieker am 01.11.2019

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