Vendée-Arctique-Les Sables

Boris Herrmann: "Nach dem Sturm ist vor dem Sturm"

Der 39-jährige Skipper aus Hamburg hat sich im neuen laufenden Arktis-Rennen einen starken vierten Platz erobert, muss sich aber gegen weibliche Attacken wehren

Tatjana Pokorny am 07.07.2020
Vendée-Arctique-Les Sables d'Olonne
Team Malizia

Anbord-Impression von der "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco"

Die Premiere des neuen Arktis-Rennens Vendée-Arctique-Les Sables d'Olonne läuft auf Hochtouren. An der Spitze der Flotte der nach den Ausfällen von Sébastien Simon ("Arkéa-Paprec"), Damien Seguin ("Groupe Apicil") und inzwischen offenbar auch Armel Tripon ("L'Occitane en Provence") 17 verbliebenen Boote hat sich ein Trio leicht abgesetzt: Jérémie Beyou führte am Dienstagmorgen um 10 Uhr auf "Charal" knapp vor Charlie Dalin ("Apivia"). Das Spitzen-Duo trennte zu dem Zeitpunkt nur viereinhalb Seemeilen. Knapp dahinter lag mit elf Seemeilen Rückstand Thomas Ruyant auf "LinkedOut", der das Feld die ersten Tage angeführt hatte.

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Aus der Perspektive von Jérémie Beyou auf der führenden "Charal"

Vendée-Arctiques-Les Sables d'Olonne

Führte die Flotte am Morgen des vierten Renntages an: Jérémie Beyou auf "Charal"

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Boris Herrmann

In starker vierter Position kämpfte Boris Herrmann an diesem vierten Renntag seit dem Start am vergangenen Samstagnachmittag um Anschluss an das Top-Trio, während er sich gleichzeitig Angriffen von hinten erwehren musste. Das tat Herrmann am Dienstagmorgen als teilweise schnellstes Boot der Flotte mit 23 Knoten Speed zunächst sehr erfolgreich. Hinter dem Wahl-Hamburger machte die Deutsch-Französin Isabelle Joschke auf "MACSF" Druck. Ihr Boot ist mit Schwester-Foils von Boris Herrmanns neuen Tempomachern auf "Seaexplorer - Yacht Club de Monaco" ausgerüstet. Rund acht Seemeilen trennten Herrmann und Joschke am Dienstagmorgen. Als zweite Skipperin in den Top Ten lag die Britin Sam Davies mit "Initiatives – Cœur" auf Platz sieben hinter Kévin Escoffier auf "PRB". Von der 3600 Seemeilen langen Erstauflage des Nordatlantik-Rennens wird die Imoca-Flotte zwischen dem 14. und 16. Juli im Ziel vor Les Sables-d'Olonne zurückerwartet.

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Die Zwischenstände am 7. Juli (10 Uhr). Boris Herrmanns Position haben wir rot markiert. Sein Boot ist in der Animation das graue

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Die Deutsch-Französin Isabelle Joschke jagt aktuell Boris Herrmann, liegt mit ihrer Imoca "MACSF" nur knapp hinter der "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco"

Seine ersten Eindrücke hat Boris Herrmann in einer Nachricht von Bord bereits am Montagabend (6. Juni) zusammengefasst:

"Der Ozean ist gerade sehr, sehr blau. Kalt bei klarer Luft. Warm im Schutz des Cockpits. Die Sonne macht alles leichter hier draußen. Für mich heute: Sie trocknet die Haut und die Segel nach dem gestrigen Kampf mit dem Wind. Da sind die Nerven ziemlich angespannt, wenn das Boot hart in die Wellen knallt und Böen mit über 30 Knoten kommen. In einem Rennen um die Welt ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du niemals im dritten Reff und niemals in einem so hässlichen Szenario unterwegs bist. Ich bin es ruhig angegangen, habe das Boot verlangsamt. Ich habe mich neben den Autopiloten gesetzt. Jedes Mal, wenn das Boot zu foilen beginnen wollte, habe ich es höher an den Wind gesteuert, um es zu verlangsamen und dieses scheußliche Knallen in die Wellen zu verhindern.

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Boris Herrmann teilt hier seine Gedanken auf See mit den Lesern von YACHT online

Ich kann die Anspannung noch spüren. Die entweicht nur langsam aus dem Körper. Normalerweise wird das von einer Spur Melancholie und dem Gefühl des Alleinseins begleitet. Doch heute ist es besser als normalerweise. Da ist mehr Ungeduld. Ich will schnell und bald wieder zuhause bei meinem Baby sein. Mental fühlt es sich leichter an als sonst – eher wie ein Küstentraining. Der nächste Wegpunkt liegt nur noch drei Tage entfernt. Das wirkt mental sehr machbar. Ich werde bis dahin ganz im Rhythmus und auf hoher See an Bord angekommen sein.

Die Wende hat lange gedauert. Es hat mit einer Reihe von Routings begonnen, um den besten Zeitpunkt zu ermitteln. Dann noch das ganze Umstauen, danach in den neuen Modus kommen und schließlich das Klarieren des Durcheinanders der Schoten.

Danach blieb nichts mehr als zu schlafen, um Energie zu tanken und die Sinne wieder zu schärfen. Ich würde sagen, dass ich jetzt wieder bei 60 Prozent bin. Jede Aktivität braucht etwas länger. Das Gehirn arbeitet langsamer. Aber ich werde mich über den Tag hinlegen. Ich weiß nicht warum – es gilt auf so viele Details zu achten. Obwohl ich bislang nicht wirklich viel geschlafen habe. Und noch kein Mal vom Wecker geweckt wurde. Ich bin immer kurz vorher aufgewacht. Oft nur zehn Minuten davor. Ich checke das AIS, das Radar, die Geschwindigkeiten der anderen… habe unglücklicherweise die Führungsgruppe auf dem AIS verloren. Aber glücklicherweise bin ich raus aus dem küstennahen Zeug... und auf dem echten Ozean.

Heute Morgen bin ich nahe der irischen Küste gewendet. Es hätte mir gut gefallen, eine dieser kleinen Buchten zu erkunden, zu ankern und zur nächsten Destillerie zu wandern. Es ist ein so schönes Gefühl, nach einem so harten Tag des Stampfens auf glattem Wasser zu segeln!

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Boris Herrmann auf "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco"

Es herrscht immer noch einiger Wellengang hier draußen auf dem Meer. Was das Boot davon abhält, mehr Geschwindigkeit zu gewinnen.

Doch sie hat ihren Frieden wiedergewonnen. Am Foil ist ein leises Summen zu hören. Ein sanftes Rollen mit der Dünung. Es sind nur ein paar Stunden, bis wir auf das nächstes Tief mit starken Winden ab Mitternacht treffen. Es wird aber nur bis 5 Uhr morgens anhalten. Danach bleiben zwei weitere Wenden und Amwind-Segeln in leichten bis mittleren Winden. Ich freue mich auf den Morgen nach dem Sturm und hoffe, ein paar Meilen auf die führende Gruppe gutmachen zu können. Bin aber nicht geneigt, irgendetwas zu riskieren. Wir brauchen dieses Boot noch! Haben wir einmal die kommenden beiden Nächte überstanden, befinden wir uns in einem Revier, das ich den Norden nennen würde. Also über den Verläufen der typischen Tiefs. Mit sehr kurzen Nächten. Ich freue mich darauf. Ich werde in meinem Traum mit den Göttern des Nordens sprechen."

Hier geht es zum Tracker und den Zwischenständen.

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Isabelle Joschkes Imoca-Geschoss "MACSF"

Tatjana Pokorny am 07.07.2020

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