Imoca-Training

Boris Herrmann: "Erschöpft, aber sehr glücklich!"

Am Wochenende hat der deutsche Profi-Skipper erstmals seinen modifizierten Imoca "SeaExplorer" gegen Top-Konkurrenten wie "Charal" segeln können. Die Bilanz

Jochen Rieker am 24.06.2020
Erstes Training für Boris Herrmanns modifizierten Imoca 60 "Seaexplorer"
YACHT/J. Rieker

Erstes Training für Boris Herrmanns modifizierten Imoca 60 "Seaexplorer"

Eine der vielen Talente, die Boris Herrmann auszeichnen, ist es, selbst in Momenten großer Anspannung Ruhe zu bewahren. Manchmal wirkt er dann fast abwesend, so sehr kann er Stress abstrahieren. Für einen Solo-Skipper, der vom 8. November an als erster Deutscher eine Tragflügel-bewehrte 60-Fuß-Carbon-Rakete um die Welt steuern will, keine ganz unwesentliche Eigenschaft.

Doch in der Nacht von Donnerstag auf Freitag, im Team-Bus mit dem großen "Malizia"-Aufkleber unterwegs von Hamburg nach Port-la-Fôret in der Bretagne, klappt das mit dem Abschalten nicht so recht.     

Der Hamburger, vor drei Tagen erst Vater geworden, springt von einem Gespräch zum Nächsten, schickt WhatsApp-Nachrichten an sein Team, organisiert einen Elektronik-Spezialisten, der vor dem Start zur ersten Trainings-Regatta dieses Jahres noch rasch das Überwachungssystem Oscar im Mast-Topp checken soll, das alle 30 Sekunden Alarm auslöst, palavert 40 Minuten mit einem Freund (und Konkurrenten). Bis zehn, elf geht das so, pausenlos. Dann verzieht er sich endlich nach achtern, auf die Koje. Nur um dort weiter ins iPad und iPhone zu schauen. 

Es ist die letzte Nacht vor dem ersten großen Test nach dem Umbau, der aus seiner "Malizia" die neue, hoffentlich noch schnellere und chancenreichere "SeaExplorer" gemacht hat, mit mächtigeren Foils, verstärktem Rumpf, mit Myriaden von Lastsensoren und einer Autopilot-Steuerung, die noch das Letzte aus dem Gesamtpaket herausholen soll.

Eigentlich wäre jetzt der Zeitpunkt, die Augen zu schließen und eine Mütze Schlaf zu nehmen. Der aber kommt nicht. Zu viel los gerade. Zu viele Fragezeichen. Vielleicht auch zu viel Druck?

Als er am nächsten Morgen in Port-la-Fôret aus dem Bus steigt, liegt Müdigkeit in seinem Blick, die Augen leicht gerötet. Das war nicht die Erholung, die er dringend gebraucht hätte. Um 10:30 Uhr soll das Skippers Briefing im Pôle Finistère beginnen, eine Art genossenschaftlich organisierte Kaderschmiede für Hochseesegler. An der Wand im Eingangsbereich hängen die Porträts der Mitglieder. Michel Desjoyeaux ist darunter, Yann Eliès, Jérémie Beyou – die ganz großen Namen der französischen Einhand-Elite. Und Boris Herrmann – "L'allemand", der Deutsche.

Es ist 8:30 Uhr. Ein kleiner Puffer bleibt noch. Sein Team ist bereits da, das Boot liegt draußen in der Bucht an einer Muringtonne. Die Gegend ist ihm vertraut wie eine zweite Heimat. Hier hat er schon oft gesegelt, hat sich im Rennstall von Roland Jourdain aufs Barcelona World Race vorbereitet, bei dem er mit Ryan Breymaier Fünfter wurde. Hier findet er Ruhe – und verzieht sich nach einer Schale Müsli gleich nochmal für eine Stunde in den Van, Schlaf nachholen. Er wird ihn brauchen.

Das Training ist ein erstes Kräftemessen der Imoca-Skipper. Sieben Boote nehmen teil, darunter einige der neuesten und schnellsten Designs wie Jérémie Beyous Mitfavorit "Charal" oder Charlie Dalins "Apivia". Freitag segeln sie einen Tag auf küstennahen Kursen, üben Starts, Manöver und testen ihr Speedpotenzial auf unterschiedlichen Kursen. Am Samstag soll es zum Fastnet Rock gehen, mitten hinein in eine Kaltfront mit in Böen bis an die 40 Knoten Wind. Wie wird sich die "SeaExplorer" behaupten? Wie schnell wird Boris Herrmann mit seinem umgebauten Boot warm werden?

Zwei Stunden später, mit der Crew an Bord, die ihn heute nur begleiten, ihm aber nicht helfen soll, wird schnell klar: Was immer ihn in der Nacht wach gehalten hatte – seine Sorgen waren unbegründet. Schon im Vorstart, beim Absegeln der Startlinie, bei der Segelwahl, beim Eintrimmen ist der Skipper sofort in seinem Element. Vier Transatlantik-Rennen hat er auf "Malizia" bereits gesegelt, dazu den Überführungs-Törn vorigen Sommer mit Greta Thunberg, der ihn weltberühmt gemacht hat: Da sitzt noch jeder Handgriff wie einstudiert.

Auch der Start klappt wie am Schnürchen. Nur zwei Boote liegen knapp vor der "Seaexplorer": "Charal" und Thomas Ruyants "LinkedOut". Dahinter reihen sich "Apivia", "Banque Populaire", "PRB" und "Initiatives Cœur" auf. Auch die Geschwindigkeit passt: Auf dem ersten langen Schlag kommt bis auf "Apivia" kein Boot nennenswert auf oder vorbei, bis beim Aufrollen des Code Zero das Achterliek nicht sauber wegrollt und Boris abfallen muss. Aber da ist die Nervosität schon lange verflogen. "Wir können gut mithalten", sagt er später zufrieden.

Am Abend, auf dem Raumschotskurs vorbei an den Les-Glenans-Inseln, gelingt es ihm sogar, auf "Charal" aufzuschließen. Eine Erfahrung, mit der er nicht gerechnet hatte, weil das Team von Beyou zu den bestfinanzierten und erfahrensten zählt. Gegenüber "PRB" und "Initiatives Cœur" wirkte die "SeaExplorer" geradezu dominant.

Erstes Training für Boris Herrmanns modifizierten Imoca 60 "Seaexplorer"

"Charal" knapp voraus. Dass es so gut laufen würde für die "Seaexplorer", war dann doch eine kleine Überraschung

Nun muss das nicht viel heißen, weil es nur mit 10 bis 14 Knoten Wind wehte, also moderaten Bedingungen. Und wer weiß schon, ob die Gegner alles gezeigt haben, was sie draufhaben. Doch der Eindruck bestätigt sich am Folgetag bei frischem Wind auf Kurs Fastnet Rock erneut: Boris Herrmann ist vorn mit dabei! "Wir waren erstaunt, wie schnell unser Boot am Wind segelt", sagte er gegenüber YACHT online am Montag nach der Rückkehr in Lorient, seiner Basis. "Wir haben einen ganz neuen Modus gefunden und sind bei 60 Grad wahrem Windeinfallswinkel jetzt so schnell wie der Wind, laufen 18 Knoten bei 18 Knoten Windgeschwindigkeit. Das ist eine ganz neue Art, am Wind zu segeln – und es kracht ordentlich in die Seen."

Sein Resümee nach den Testschlägen: "Wir sind eigentlich auf allen Kursen so schnell wie die Top-Boote." Er verschwieg aber auch nicht, dass die physische Belastung auf einem Boot dieses Kalibers eine Herausforderung darstellt. Nach drei Tagen auf See sei er "ziemlich erschöpft, aber sehr glücklich".

Die Achtung, die ihm unter den anderen Skipper schon vorher entgegengebracht wurde, dürfte dadurch nicht geringer werden, im Gegenteil. Angekommen in der Riege derer, die es zu beobachten gilt, war er schon zuvor. Nun muss man Boris Herrmann zum erweiterten Favoritenkreis zählen.

Jochen Rieker am 24.06.2020

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