Route du Rhum 2018

Boris Herrmann berichtet: »Unmöglich, an Bord zu leben«

Nachdem der Sturm nachgelassen hat, fand der Skipper von "Malizia" erstmals Zeit für einige längere Zeilen – ein packender Report über sein bisheriges Rennen

Jochen Rieker am 08.11.2018
Boris Herrmann auf seinem Imoca 60
Malizia/Herrmann

Boris Herrmann auf seinem Imoca 60

Jetzt sitze ich hier und nehme meinen "Aperitif" alleine. Ein Bier und Groupe-Bel-Käse mit Cracker. Ich versuche, 20 Minuten lang nicht an das Rennen zu denken. Ich denke, es ist wichtig, meinen Geist zu erfrischen, sobald ich anfange, ziemlich müde zu werden. Ein Moment der geistigen Erholung nach den stressigen ersten Tagen.

Ein langer Wellengang treibt uns wie ein sehr tiefer Atemzug vor sich her und stoppt uns dann fast. Das ist der Rhythmus meines Tages. Die Seen messen vier, fünf Meter, aber ihre Periode ist sehr lang. Nicht ideal auf meinem Am-Wind-Kurs, da es deutlich die Durchschnittsgeschwindigkeit senkt. Aber für mein Abendbier ist es beeindruckend anzusehen und ich versuche, es zu genießen.

Der Sonnenuntergang vollzieht sich hier schnell. Als ich mit diesem Text begann, fing er gerade an. Nun ist der Horizont schon lila und grau. Da ich nach Süden segle, kann ich die untergehende Sonne selbst nicht sehen. Sie wird von der hohen Kante "Malizias", die nach Westen zeigt, verdeckt. Ich schaue von meinem Veranda-artigen Cockpit aus nach achtern, nach Nordost. Schnell spüre ich auch die Temperatur fallen. Große Amplitude noch zwischen Tag und Nacht.

Der gestrige Bruch des Segelhalses meiner Fock 3 steckt mir immer noch in den Knochen. Mein Verstand ist auch nicht mehr so ganz unbelastet davon. Immer wieder geht mein Blick am Mast entlang zu den Segeln hich, als ob ich in meinem Vertrauen geschwächt wäre. Vielleicht auch, weil ich Malizia hart rannehme: derzeit unter Fock 2 und mit nur noch einem Reff im Groß bei 22–24 Knoten Wind aus 65 Grad TWA.

Ich vermisse meine Begleiter, die hier normalerweise mit mir sitzen auf all unseren anderen Reisen. Ich denke dankbar an meine Teamkollegen. Ich kann es kaum erwarten, sie in Gouadeloupe wiederzutreffen. Es ist oft schwer, im Geist das Boot auszublenden, im Schlaf nicht weiter zu segeln. Ich versuche dann, mir "Malizia" auf perfekt glattem Meer vorzustellen, wie sie dahingleitet. Ich versuche, mir meine Ankunft in Gouadeloupe vorzustellen, wieder vereint mit meinen Freunden.

Es ist immer noch nicht leicht zu schlafen. Der Wind ist so instabil, dass ich mich nicht entspannen kann. Das Boot ist durchnässt und leidet – ich ebenso. Eigentlich schon seit dem Start. In diesem Sinn kann es nur besser werden.

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Jochen Rieker am 08.11.2018

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