Route du Rhum 2018

"Unmöglich, an Bord zu leben", Teil 2 – Chancen und Risiken der nördlichen Route

Jochen Rieker am 08.11.2018

Zum Rennverlauf

Vor 24 Stunden war ich sehr gestresst. Gerade hatte ich es geschafft, die Halsleine der Fock zu reparieren und das Segel wieder auszuprobieren, als ich von einer Reihe von Squalls getroffen wurde, einige bis zu 43 Knoten stark. Mein Gott, was für ein Stress! Jedes Mal denkst du darüber nach, die Fock wegzurollen. Und dann ist plötzlich der Wind wieder normal. 

Später in der Nacht begannen wir, so hart in der Welle zu schlagen, dass es unmöglich wurde, an Bord zu leben. Ich konnte nirgendwo sitzen oder stehen. Ich hatte die Wahl, in den Überführungsmodus zu gehen oder Regatta zu segeln. Aber der einzige Ort, an dem man es aushalten kann, ist in der Rohrkoje, idealerweise schlafend.

Ich denke, ich habe es geschafft, etwas zu dösen, vielleicht nur Minuten. Ich musste mich mit meinen Beinen hart gegen das Schott stemmen, um zu verhindern, dass ich in jeder Welle nach vorn rutsche. Bei jeder Bö hebe ich den Kopf und schaue gespannt auf die Instrumente. Machte einige gute Meilen in dieser Nacht und fand mich heute Morgen dann auf dem zweiten Platz.

Unser kleiner Moment der Herrlichkeit.

Mir ist durchaus bewusst, dass das nicht so bleiben wird. Aber warum nicht genießen, was wir heute geschafft haben?! 

Es hängt alles vom Hoch ab und seiner weiteren Entwicklung. Eine Kaltfront drängt von Westen heran und hilft, ein neues Hoch zu entwickeln. Den Modelle nach sollte ich den perfekten Zeitpunkt erwischen, um davon zu profitieren und durchzurutschen, aber es bleibt höchst unsicher. Die Bildung eines neuen Hoch wird in den Vorhersagen weniger genau abgebildet als ein großes Tiefdrucksystem. Jetzt brauche ich eine große Portion Glück, um am kommenden Montag noch im Rennen zu sein, wenn ich endlich die Passatwinde erreicht habe.

Neben endlosen Studien von Routen und Modellen am Rechner gibt es nun auch den Faktor Schicksal. Es wird so kommen, wie es kommt. Ich bin in meiner besonderen Westposition abseits der Flotte und kann das nicht mehr korrigieren.

Ich werde versuchen, meiner Route weiter zu folgen, direkt nach Südsüdwest. Ich werde nicht Richtung Azoren  kreuzen, wie ich anfangs dachte. Ich bin so müde von dem Schlagen und dem Starkwind, die da oben erwartet werden. Die Routing-Gewinne sind marginal. So ziehe ich es vor, meinen Weg nach Südwesten fortzusetzen auf der Suche nach einem flachen Meer, wo "Malizia" mühelos und in aller Harmonie und Sicherheit weitergleiten kann, ohne zu leiden. Ich erinnere mich an die Momente im Südost-Passat mit Thomas (Co-Skipper Thomas Ruyant; d. Red.) vor genau einem Jahr im Transat Jacques Vabre. Ich erinnere mich, wie beeindruckt er damals von unserer Raumschots-Geschwindigkeit war.

Ich hatte ursprünglich geplant, bei den anderen in der Spitzengruppe zu bleiben. Aber mit einem langen Stopp im zweiten Tief kurz nach dem Start am Montag lag ich plötzlich weit hinten. Ich konnte sehen, wie Paul (Meilhat, "SMA") und Vincent (Riou, "PRB") mit 15 Knoten Geschwindigkeit wegsegelten, während ich mit 2 Knoten Fahrt steckenblieb. Stunde um Stunde. Wie Yann Eliès. Aber dann fand er Wind, und meine Segel schlugen noch weiter. Da war das Urteil über "Malizia" gesprochen, Ich war in meinem eigenen Rennen. Einsam. Es ist so viel schöner, gegen direkte Konkurrenten zu segeln.

Zumindest haben wir heute hier unseren Ruhmesstag auf dem Race-Tracker gehabt. Und etwas Hoffnung für die Zukunft. Ich werde immer wieder so stark wie möglich pushen und vor allem versuchen, jede Gelegenheit, die sich bietet, schlau zu nutzen. Ich werde versuchen, so viel wie möglich mit euch zu teilen und das Rennen zu genießen. Ich habe schon viel für die Vendée Globe gelernt, aber ich will noch nicht darüber sprechen. Diese Regatta ist noch lang, und ich werde alles geben. Will "Malizia" erst über die Ziellinie gleiten sehen – in etwa acht Tagen. 

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Jochen Rieker am 08.11.2018

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