Meet & Greet

Boris Herrmann: "10.000 Stunden Arbeit für die neue Saison"

Bei seinem Gastauftritt in der YACHT-Redaktion gab Boris Herrmann gestern vor 50 Lesern exklusive Einblicke in den Alltag eines Profi-Skippers

Jochen Rieker am 18.04.2019
Boris Herrmann beim Meet & Greet in der YACHT-Redaktion
YACHT/J. Rieker

Boris Herrmann beim Meet & Greet in der YACHT-Redaktion

Anderthalb Stunden waren geplant, gut zweieinhalb Stunden dauerte das Treffen des Hamburger Ausnahmeseglers mit Lesern der YACHT. So viele Fragen galt es zu beantworten, so viele Themen zu beleuchten.

"Total interessant", befand Silvia Frank, die eigens aus Oldenburg angereist war, um Boris Herrmann zu erleben. Und Jan Budden, der die Karriere des Solo-Skippers vor gut 15 Jahren als einer der ersten Sponsoren bei dessen Mini-Transat-Projekt gefördert hatte, sagte: "Boris ist einfach unheimlich smart. Es macht immer wieder Spaß, ihm zuzuhören."

Herrmann hatte sich unmittelbar nach Abschluss des umfassenden Winter-Refits an seinem Imoca 60 "Malizia" Zeit genommen für diesen Gastauftritt in den Hamburger Redaktionsräumen des Delius Klasing Verlags, in dem auch seine Bücher erschienen sind. Es ist die letzte Ruhepause vor einem vollen Trainings- und Regattakalender. 

Wie Boris Herrmanns Teammanagerin Holly Cova und die internationale "Malizia"-Crew ihre erste Ausfahrt auf dem frisch überholten Imoca 60 erlebte

In seiner Präsentation berichtete er von den unermesslichen Mühen, eine der schnellsten Hochseeyachten weltweit zu überholen. "Wir haben rund 10.000 Stunden Arbeit für die neue Saison reingesteckt", sagte der 37-jährige. In den letzten zwei Monaten war das Team von morgens halb 8 bis abends um 9 zugange, unterbrochen nur durch eine kurze Mittagspause, auch am Wochenende. Dies sei "die Kehrseite des Traums", mit einem solchen Boot einhand zu segeln. 

Um den enormen Lasten gewachsen zu sein, wurden alle wichtigen Komponenten komplett zerlegt und auf Verschleiß untersucht, vieles ausgetauscht. Zwei Zahlen lassen erahnen, warum es bei einem Imoca 60 im Winterlager nicht mit einem neuen Antifouling-Anstrich getan ist: Die Lager des Neigekiels, der hydraulisch um bis zu 38 Grad zu beiden Seiten geschwenkt werden kann, müssen bis zu 80 Tonnen Last verkraften, die Foils bis zu 9 Tonnen. 

"Malizia" zählte bereits bei der vorigen Vendée Globe, damals noch unter dem Namen "Gitana", zu den schnellsten und modernsten Imocas. Gezeichnet von VPLP und Guillaume Verdier, war sie von Beginn an für den Einsatz von Tragflügeln konzipiert. Auch jetzt, so Herrmann, sei sie voll wettbewerbsfähig. Im Gegensatz zu den Yachten der jüngsten Generation, von denen die meisten erst dieses Jahr fertig werden, segle er ein voll erprobtes und optimiertes Boot. Deshalb sieht er gute Chancen, bei der Neuauflage des Solo-Nonstop-Rennens um die Welt in der Spitze mithalten zu können.

Ausführlich ging er bei seinem Vortrag auf die neu installierte Solaranlage ein, die es ihm auch an Tagen mit bedecktem Himmel erlauben soll, den Energiehaushalt von "Malizia" zu decken. Sie wiegt inklusive Verkabelung und Regulatoren nur rund 40 Kilogramm, spart aber an anderer Stelle weitaus mehr Gewicht ein. "Statt 200 Liter Diesel werde ich bei der Vendée Globe nur 50 Liter mitnehmen. Eigentlich könnten wir auch ganz auf den Einbaudiesel verzichten, aber der ist nach den Klassenregeln vorgeschrieben."

Boris Herrmann will zeigen, dass es möglich ist, vollkommen ohne fossile Energieträger um die Welt zu segeln. Es ist ein Baustein in seinem Bemühen um Nachhaltigkeit, das er auch an anderer Stelle dokumentiert: "Malizia" ist der erste Imoca 60, der ein kleines Labor für die Messung des CO2-Gehalts im Meer installiert hat, um wissenschaftliche Messwerte auch von den Teilen der Ozeane zu liefern, die kaum oder gar nicht von Handels- und Forschungsschiffen befahren werden.

Um junge Menschen für den Schutz der Meere zu sensibilisieren, hat er gemeinsam mit dem Fürstentum Monaco und seiner Partnerin Birte Lorenzen das Projekt "MyOceanChallenge" ins Leben gerufen. Die Initiative wurde im Januar auf der boot Düsseldorf mit dem Ocean Tribute Award ausgezeichnet.

Boris Herrmann beim Meet & Greet in der YACHT-Redaktion

Andrang für ein Autogramm: YACHT-Leser Matthias Kröger mit Boris Herrmann

Viele Teilnehmer am Meet & Greet in der YACHT-Redaktion zeigten sich beeindruckt von Herrmanns großem Engagement. Monika Modner, die mit ihrem Mann Andreas von Freiburg nach Hamburg kamen, um den Profiskipper live zu erleben, sagte: "Ich finde es toll, das Thema Natur- und Meeresschutz mit in so eine Kampagne einfließen zu lassen."   

Nach einem kurzen Osterurlaub beginnt für Boris Herrmann am 8. Mai die aktive Regattasaison beim Bermudes 1000 Race, einem Solo-Rennen von Douarnenez über Fastnet Rock und Azoren nach Brest. Eine gute Platzierung könnte ihn auf der aktuellen Rangliste der Imoca-Klasse noch weiter nach vorn bringen. Dort belegt er aktuell Rang 4.  

Jochen Rieker am 18.04.2019

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