Route du Rhum

Binnen des Bruchteils einer Sekunde außer Kontrolle

"Malizia 2"-Skipper Boris Herrmann hat eine harte Nacht hinter sich, ist aber wieder auf gutem Kurs. Sein Bericht lässt ahnen, was hätte passieren können…

Tatjana Pokorny am 13.11.2018
Route du Rhum 2018
Boris Herrmann Racing / Malizia 2 – Yacht Club de Monaco

Blick von "Malizia 2 – Yacht Club de Monaco" auf den düsteren Atlantik

Viele Fans haben sich gefragt, warum der Segelkurs von Boris Herrmanns "Malizia 2 – Yacht Club de Monaco" in der Nacht auf Dienstag eine seltsame Kurve aufwies. Ob es Manöverprobleme gab? Ja! Das schreibt der Skipper in seinem Bericht von Bord:

Route du Rhum 2018

Eine schwere Nacht hat Boris Herrmann auf "Malizia 2 – Yacht Club de Monaco" hinter sich

Um es vorwegzunehmen: Das Segel hat keinen Kratzer abbekommen. Es ist in seiner Tasche und an seinem Platz. Doch das war ein über eine beängstigende Stunde lang nicht anzunehmendes Ende des Szenarios. Unglücklicherweise habe ich viele Meilen verloren. Wenn auch nicht alle aufgrund des Vorfalls. Wir befanden uns immer noch im Übergang in die stärkeren Passatwinde, welche die Spitzenreiter schon eine Weile genießen. Gestern segelten wir die meiste Zeit bei viel Schwell und ohne echte Beschleunigungsmöglichkeiten für "Malizia" in unangenehm unbeständigen und leichten Passatwinden. Als die Nacht anbrach, habe ich ein Video mit dunklen Regenwolken im Hintergrund geschickt, bevor alles um uns herum pechschwarz wurde. 

Ich habe mich also auf meinem Sitzsack im Cockpit eingerichtet, um dort mit der Spischot in der Hand ein wenig zu schlummern. Der durchschnittliche Wind schien ideal für den Spinnaker: etwa 19 Knoten. Dazwischen gab es ein paar Böen mit 24 Knoten. Ich habe die Segel etwas aufgefiert, bin etwas abgefallen, und alles war bestens unter Kontrolle. Ich döste wieder ein und wartete auf die nächste Bö. Es begann wieder von vorn. Doch nach einer Weile ging es auf 26, manchmal auch 28 Knoten hoch. Zu diesem Zeitpunkt stand ich mit der Schot im Cockpit, immer noch entspannt und mit langsamem Herzschlag, erwartete, dass die Bö in wenigen Minuten wieder nachlassen würde. Doch dann hat uns die unvermeidliche Kombination aus Schwell und Bootsgeschwindigkeit – wir waren vielleicht langsam oder in einem hohen Winkel unterwegs – binnen des Bruchteils einer Sekunde außer Kontrolle geraten lassen.

Das Ruder zieht Luft, und das Boot bewegt sich gewaltsam in den Wind. Weil ich alle Segel sofort gefiert habe, krängt das Boot noch nicht einmal besonders stark. Der kritische Moment besteht dann immer darin, beim Zurücksteuern auf den alten Kurs keine Crash-Halse hinzulegen. Hat das Ruder erst einmal wieder Griff, überreagiert der Autopilot oft und würde uns direkt in eine Halse schicken – mit dem hochgezogenen Backbordruder zu diesem Zeitpunkt keine schöne Vorstellung.

Route du Rhum 2018

Blick ins Cockpit von "Malizia 2 – Yacht Club de Monaco"

So weit so normal. Doch mein Jockey Pole (bringt die Holepunkte für die Schoten weiter nach außen) ist aus dem Beschlag gesprungen und schlägt jetzt wie wild gegen das Deckshaus und seine Fenster. Anstatt die Schoten dichtzunehmen, habe ich sie weiter aufgefiert, um dem Jockey Pole Lose zu geben. Das war fatal für den Trimm des Spinnakers. Ich staue den Jockey Pole also weg und fixiere ihn in Sicherheit.

Der Wind bläst immer noch mit 26 Knoten, und ich beginne die Leine des Bergesystems für den Spinnaker runterzukurbeln. Ich wechsle die Gänge der Winsch sehr vorsichtig, weil ich die Leine nicht zum Reißen bringen will. Sie scheint blockiert. Es ist immer noch so dunkel, dass ich nur einen kleinen Radius vom Boot mithilfe meiner Kopflampe sehen kann. Ich benutze eine starke Taschenlampe, um die Mastspitze erkennen zu können – und um zu sehen, warum das Bergesystem des Spinnakers nicht herunterkommt. Mein Herz setzt fast aus, als ich sehe, dass der Spinnaker ums Vorstag herumgewickelt ist. 

Ich glaube, dass ihr, falls ihr bei Youtube mal nach Segelboot-Fails schaut, schnell ein Beispiel finden werdet: Der typische Mittwoch-Feierabend-Segler hat sein Segel komplett vertörnt und ist nun hilflos dazu verdammt, vor dem Wind weiterzusegeln, bis einer seiner Kumpels in den Mast steigt und alles freischneidet. Mir ist in diesem Moment nicht zum Lachen zumute – ich bin der Dumme. Nur dass ich mitten auf dem Atlantik in viel zu viel Wind für das 400-Quadratmeter-Segel unterwegs bin, das 30 Meter über mir in einer Gewitterbö feststeckt und ich es noch nicht einmal sehen kann. 

Was jetzt passiert, ist verrückt: In meinem Gedanken höre ich eine Melodie. Mein Bewusstsein konzentriert sich  auf meinen Herzschlag, und da ist dieses saure Gefühl im Mund, während mein Kopf die Arbeit eines professionellen Segelteams von fünf Leuten erledigt. Nur von Zeit zu Zeit gibt mein Bewusstsein einige allgemeine Anweisungen an das Team. Ich bleibe dabei nahezu entspannt. Ich empfinde eine echte Trennung zwischen meinem Körper und meinem Geist.

Das Team absolviert die folgenden Schritte in richtiger Reihenfolge: das Luv-Ruder runterlassen, den Mast-Rotationsbeschlag öffnen und anfangs in der Mitte lassen, das Großsegel halb dicht nehmen, den Baumniederholer ein wenig anziehen, das Cunningham und das Achterstag öffnen, halsen (ohne Sonnenschuss mit vollem Großsegel in 26 Knoten, was wie durch ein Wunder glückt), den Kiel etwas auf die andere Seite neigen (Steuerbord), um alles mit der gesamten Ausrüstung und dem Wasserballast auf der Backbordseite auszubalancieren und endlich das Stagsegel einrollen.

Jetzt bin ich bereit für meinen Trick: Ich werde das Boot mit einer Hand an der Pinne fahren und das Segel mit dem Spotlight in meiner anderen Hand anleuchten. Wenn ich den richtigen Winkel zum Wind finde – etwa bei 175 Grad –, dann wird der Abwind hinter dem Großsegel auf eine Weise in den Spinnaker wehen, dass es das ganze Segel um das Vorstag wehen könnte. Das Ganze muss ich viermal machen. Und es gelingt. Jede erfolgreiche Pirouette des Spinnakers ums Vorstag durchflutet mich mit Freude und Erleichterung. Wäre der Spinnaker blockiert geblieben, was passieren kann, dann hätte mich den Mast kosten können. Der große Ballon hat das Rigg in aggressiver Weise durchgeschüttelt, bevor mir die Halse gelungen ist.

Als der Spi vom Vorstag abgewickelt war, habe ich die Schoten wieder angezogen und ihn mit dem Spotlight angeleuchtet. Null Schaden. Erst jetzt konnte ich das Bergesystem runterkurbeln und dem Biest seinen Schlauch überziehen. Ich setzte mich und trank etwas Wasser, nahm ein Kaugummi und schlug mir selbst auf die Schulter. Der Rest war ganz normale Arbeit.

Ich habe dann den Spinnaker in die Vorschiffsluke versenkt, aufgeräumt, den großen Gennaker gesetzt (den ich auch Masthead Zero nenne, ein Rollsegel mit festem Vorliek aus 3Di-Material und kein Nylon-Tuch). Beim Aufräumen entdeckte ich, dass ich den Jockey Pole verloren hatte. Natürlich waren auch alle Schoten um die Foils gewickelt. Ich habe mir die Zeit genommen, alles ordentlich zu klarieren. Das konnte ich mit Blick auf meine massiven Verluste an diesem Morgen auf dem Tracker auch sehen.

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Ergebnisse einer unruhigen Nacht an Bord von "Malizia 2 – Yacht Club de Monaco"

Zum Glück hat uns das keinen Platz gekostet. Abhängig von den noch vor uns liegenden Ereignissen könnte es nun aber schwerer werden, sich noch in den Kampf an der Spitze einzuschalten. Aber seit der Gennaker im Einsatz ist, befinden wir uns wieder in vollem Race-Modus. Stagsegel und Ausrüstung sind an ihrem Platz, der Trimm muss bei jeder Bö verändert werden. Jetzt ist es gerade wieder passiert: Ich hatte einen Anruf von der Wettfahrtleitung, und während ich mit ihnen über meine Nacht sprach, traf uns eine Bö so stark, dass ich erneut die Steuerung verlor – Sonnenschuss! Was aber mit dem gesetzten Gennaker nur halb so brutal ist wie mit dem Spinnaker, dabei kann sich nichts verwickeln. Schon Sekunden später waren wir wieder auf Kurs. Es sieht nach drei sehr intensiven Tagen mit konstanter Trimm-Anforderung aus. Und wir müssen sicherstellen, dass wir nicht zu oft von diesen garstigen Böen erwischt werden. Ich werde so stark pushen wie möglich.

Habt einen guten Tag, Boris"

Tatjana Pokorny am 13.11.2018

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