Atlantic Anniversary Regatta

Aufbruch und Abschied

Tolles Szenario im AAR-Finale: Für "Line Honors"-Sieger Boris Herrmann war es ein Schritt auf Kurs Vendée Globe, für Jens Kellinghusen ein Abschied mit Wehmut

Tatjana Pokorny am 18.07.2018
Atlantic Anniversary Regatta
Andreas Lindlahr

Boris Herrmann und "Malizia – Yacht Club de Monaco" haben sich die "Line Honors" der AAR 2018 gesichert

Versöhnlicher hätte das packende AAR-Duell um den Sieg kaum ausgehen können: Die einen belohnten sich für ihr gelungenes Transatlantik-Rennen mit den "Line Honors" für das erste Schiff im Ziel, die anderen dürfen damit rechnen, zu den Gesamtsiegern nach berechneter Zeit gekürt zu werden. Kein Wunder, dass sowohl die Crew um "Mailizia – Yacht Club de Monaco"-Skipper Boris Herrmann als auch Jens Kellinghusens "Varuna VI"-Team nach knapp zehn Tagen auf See im Ziel vor Cuxhaven feierten und sich gegenseitig gratulierten. Nach dem Aus für die Top-Favoritin "Rambler 88", die bereits zwei Tage nach dem Startschuss in Folge der Kollision mit einem "Ufo" (Kürzel aus dem Englischen: "Unknown floating object", d. Red.) ihr Backbord-Ruder verloren hatte und aufgeben musste, hatten die beiden deutschen Mannschaften ihre Chance genutzt und die Jubiläumsregatta zum 150-jährigen Bestehen des Norddeutschen Regatta Vereins (NRV) mit ihrem Zweikampf geprägt.

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First ship home: "Malizia – Yacht Club de Monaco" mit Boris Herrmann und seiner Crew

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Daumen hoch: Boris Herrmann und "Malizia – Yacht Club de Monaco" im Ziel der AAR 2018

Für die Veranstalter von der Alster gab es damit doppelten Anlass zum Jubel, denn beide Skipper sind Mitglied im NRV, auch wenn Boris Herrmann auf Kurs Vendée-Globe-Teilnahme im Jahr 2020 unter der Flagge des Yacht Club de Monaco segelte, der intensiv seine Pläne unterstützt, als erster Deutscher an der härtesten Solo-Nonstop-Regatta um die Welt teilzunehmen. Für Boris Herrmann markierte die geglückte AAR-Teilnahme mit Claus und Christopher Löwe sowie Tim Müller und Christoph Enge einen weiteren wichtigen Schritt auf seinem Vendée-Kurs. Die silberfarbene Yacht wird nun bis zum 29. Juli im Hamburger Sandtorhafen zu bewundern sein. Als "Malizia – Yacht Club de Monaco" um 5.54 Uhr und 16 Sekunden nach 9 Tagen, 12 Stunden, 14 Minuten und 16 Sekunden auf See die Ziellinie vor Cuxhaven kreuzte, hatten sich die Gewitterwolken im Morgengrauen gerade verzogen. Feuerrot waren im Ziel nicht nur die Foils der Imoca-Rennziege weithin zu sehen – auch das Leuchtfeuer der Sieger hatte im Finale einer der historisch schnellsten Atlantik-Überquerungen für Gänsehautstimmung gesorgt. Nur 54 Minuten und eine Sekunde später schoss Jens Kellinghusens Regatta-Rakete "Varuna VI" über die Ziellinie.

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Konzentriert bis zum Schluss: Jens Kellinghusen am Steuer seiner "Varuna VI"

"Das war ein Duell auf Messers Schneide", so Boris Herrmann, "bis kurz vor Schluss waren wir uns nicht sicher, ob der Vorsprung reichen würde." "Varuna VI"-Eigner Kellinghusen erklärte: "Uns ist am vorletzten Tag das Spinnakerfall gebrochen. Das hat uns die entscheidenden Seemeilen gekostet." Kellinghusen dürfte es verschmerzen, wird er doch voraussichtlich mit dem etwas kleineren Schiff nach berechneter Zeit durch Handicap-Faktor den Bug in der Gesamtwertung am Ende vorn haben.

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Gesamtsieg in Sicht: die "Varuna VI"-Crew im Ziel vor Cuxhaven

"Wir sind hochzufrieden mit dem Ausgang, denn über weite Strecken mussten wir mit achterlichen oder raumen Winden schräg von hinten vorliebnehmen", berichtete Herrmann weiter. Immer wenn genug Halbwind von der Seite wehte, wurde die "Malizia – Yacht Club de Monaco" auf ihren Foils angehoben und war – ganz im Stile eines rassigen Rennpferds – nicht mehr zu halten. 34 Knoten über Grund bedeuteten zwischenzeitlich die absolute Höchstgeschwindigkeit. Das sind immerhin 70 Stundenkilometer! "Dreimal hat es uns platt auf die Seite gedrückt, nachdem das Boot in Böen aus dem Ruder gelaufen war", erzählte Crewmitglied Claus Löwe, "und es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis wir wieder aufrecht segelten." Die Schrecksekunden überstanden Mensch und Material ohne Blessuren, ein Beleg für die Robustheit der "Malizia – Yacht Club de Monaco", die in gut zwei Jahren um den Globus segeln soll.

Vater Moritz Herrmann war mitten in der Nacht aufgestanden, um beim Zieleinlauf seines 37-jährigen Sohns dabei zu sein. Als stiller Genießer staunte der Papa nicht schlecht, als die "Malizia" die letzten Meter mit 45 Grad Krängung zurücklegte. Eine feste Umarmung nach der erneuten Ozeanüberquerung des Filius und "ein so großer Stolz, dass ich den kaum noch selbst tragen kann", ließen Fahrtensegler Herrmann über den weiteren Meilenstein seines Sohnes strahlen.

Der Bremer Christoph Enge beschrieb ein einzigartiges Wettkampferlebnis, "obwohl einem im Nebel vor Neufundland schon mulmig" werden konnte. "Wir hatten eine Sichtweite von nur einer Bootslänge. Das war manchmal wie ein Blindflug." Alle lagen sich in den Armen, als sie die Kugelbake bei der Alten Liebe vor Cuxhaven passiert hatten. Tim Müller entzündete die rotglühende Seenotfackel, und Christopher Löwe kam aus dem Schwärmen nicht mehr heraus: "Es war ein harter wie traumhafter Ritt, von dem ich keinen Meter vergessen werde."

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Schöne Szenen hinter der Ziellinie: Die Teams von "Malizia – Yacht Club de Monaco" und "Varuna VI" zollen sich Respekt und feiern ihren Transatlantik-Erfolg zusammen

Ebenso geht es Jens Kellinghusens "Varuna VI"-Crew und vor allem dem Eigner selbst, der sich nach langer erfolgreicher Offshore-Karriere voraussichtlich mit einem letzten großen Sieg von seiner Lieblingsbühne, den internationalen Top-Langstrecken, verabschiedet. "Ich habe zur Erinnerung sogar Bilder der Wellen und Geräusche aufgezeichnet", sagte Kellinghusen mit etwas Wehmut in der Stimme. Der so oft siegreiche und mehrfach ausgezeichnete Hamburger Kaufmann will künftig mit einem Klassiker vor allem im Mittelmeer aktiv sein. Er zog nach seiner Abschiedsgala glücklich Bilanz: "Es hat viel Spaß gemacht, Boris und die 'Malizia' bei uns in der Nähe zu haben."

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Erschöpft, aber glücklich: Jens Kellinghusen und seine Crew

Boris Herrmann stieg nach dem Zieldurchgang vor Cuxhaven noch auf den Seenotrettungskreuzer "Anneliese Kramer" um, der dort über die Sicherheit auf der Nordsee wacht. "Die Arbeit der DGzRS ist für uns Hochseesegler von unermesslich wichtiger Bedeutung", dankte der geborene Oldenburger der Besatzung stellvertretend für ihren Einsatz rund um die Uhr und rief seine Fans zu Spenden zugunsten der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger auf. Das Race Village (Regattadorf) der Atlantic Anniversary Regatta öffnet am 19. Juli seine Tore. In unmittelbarer Nähe zur Elbphilharmonie wird sich dort auch das Team Malizia vom Yacht Club de Monaco mit Herrmanns Segelfreund Pierre Casiraghi präsentieren, der als Vizepräsident und Botschafter seines Heimatvereins in die Hansestadt reist.

Tatjana Pokorny am 18.07.2018

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