Vendée-Arctique-Les Sables

Anruf vom Nordatlantik: Herrmann "erschöpft, aber zufrieden"

Das erste Drittel der Vendée-Arctique-Premiere ist absolviert. Boris Herrmann holt nach der Rundung des Wegepunkts IOC Unesco bei Island auf

Tatjana Pokorny am 09.07.2020
Vendée-Arctique-Les Sables-d'Olonne 2020
Charlie Dalin / Apivia

Die schöne Aussicht von Bord der "Apivia" mit Spitzenreiter Charlie Dalin

Vendée-Arctique-Les Sables-d'Olonne 2020

Ein Fan schrieb zu diesem Anbord-Bild von Boris Herrmann: "Du siehst schon aus wie ein echter Nordmann!"

"Ich bin bereit für die Vendée Globe." Das ist Boris Herrmanns wichtigste Zwischenbilanz nach dem absolvierten ersten Drittel des neuen Nordatlantik-Einhandrennens Vendée-Arctique-Les Sables-d'Olonne. "Es ist vom Gefühl her sogar schon mehr als ein Drittel", sagte Boris Herrmann im Telefonat von See mit YACHT online am Donnerstagnachmittag, "weil es zu Beginn eines solchen Rennens immer schwer ist reinzukommen. Weil anfangs in Küstennähe mehr Verkehr herrschte. Und weil wir starken WInd in der Irischen See hatten". Sicher auch, weil die Flotte nun wieder aus dem nördlichen Atlantik auf Kurs Süd segelt und den zweiten Wegepunkt Gallimard ansteuert, bevor es zurück in den bretonischen Start- und Zielhafen Les Sables-d'Olonne geht. Die Führung hat sich inzwischen Charlie Dalin auf "Apivia" erobert. Aus dem tagelang währenden Dreikampf mit den knapp dahinter liegenden Thomas Ruyant ("LinkedOut") und Jérémie Beyou ("Charal) entwickelte sich am sechsten Tag auf See ein Sechskampf, in dem sich auch Boris Herrmann auf der "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco" mit weniger als zehn Seemeilen Rückstand auf den Spitzenreiter zurückmeldete.

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Keine zehn Seemeilen trennten Boris Herrmann am sechsten Tag auf See noch vom Spitzenreiter

Den Film schickte der "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco"-Skipper am 8. Juli vom Atlantik

Hier das Interview mit dem 39-jährigen Wahl-Hamburger, das wir am Nachmittag des 9. Juli mit ihm bei etwa 62° nördlicher Breite und 25° westlicher Länge im Nordatlantik geführt haben:

Herr Herrmann, wie fällt Ihre Zwischenbilanz nach dem ersten Drittel der Regatta aus?

Ich bin ziemlich erschöpft, aber zufrieden. Die Ansteuerung an die Bahnmarke hat über ein paar Stunden jegliche Pause verhindert. Nach unserem Gespräch steht eine halbe Stunde Schlaf auf dem Programm.

Sie sind zuletzt wieder dichter an die führenden Boote herangerückt. Was ist sportlich noch drin?

Ich denke, "Apiva" und "Charal" sind vom Niveau her noch ein bisschen voraus, haben allerdings auch signifikant mehr in ihre Projekte investiert. Jérémie (Red.: Beyou) ist der Meister der Erfahrung. Es wird seine vierte Vendée Globe. Charlie ist jünger und eines dieser seltenen französischen Talente, die total in diese Kultur eingebettet sind. Dazu wird er von einem der größten Segelteams der Welt – dem von François Gabart – unterstützt. Für mich ist wichtig, dass ich sportlich alles gebe und möglichst viel lerne. Mit Blick auf meine Karriere wird am Ende keiner sagen: Oh, der hat mal das Arktis-Rennen gewonnen!. Das Wichtigste ist, hier alles rauszuholen und am Ende eine perfekte Hausaufgaben-Liste für unseren Boat Captain Stuart und auch für mich selbst zu haben, was bis zum Vendée-Start noch zu tun ist.

Wer oder was hat Sie bislang bei dieser Premiere beeindruckt?

Alle, die vor mir liegen. Aber auch die hinter mir liegenden Isabelle Joschke und Yannick Bastaven. Isabelle ist eine kleine zierliche Frau, die das Boot auch in harten Bedingungen hart gespusht hat. Das ist stark.

Vendée-Arctique-Les Sables-d'Olonne 2020

Isabelle Joschke scheint an Bord ihrer "MACSF" bester Dinge

Können Sie uns die Geräuschkulisse beschreiben, der Sie an Bord ausgesetzt sind?

Momentan ist die Geräuschkulisse ganz angenehm. Man hört das Foil leicht summen, das Wasser rauschen. Manchmal bollert der Bug etwas über die Wellen. Die See ist recht ruhig. Das klingt alles sehr schön. Wenn das Boot schneller fährt, so wie gestern Nacht mit 20 Knoten Speed bei 13 Knoten Wind, dann wird es auch mal spektakulär. Vor allem, wenn es bis 26, 27 Knoten Speed hochgeht. Dann ist da ein hohes Heulen von Foil und Kiel. Da braucht es schon starke Nerven. Man gewöhnt sich daran, aber es kann so schreiend laut sein, dass ich mir phasenweise Ohropax in die Ohren stecke. Nicht die ganze Zeit, aber beim Schlafen. Am Ende ist der Krach immer ein gutes Zeichen, weil es dann schneller vorangeht.

Vendée-Arctique-Les Sables-d'Olonne 2020

"LinkedOut"-Skipper Thomas Ruyant

Der japanische DMG-Mori-Skipper Kojiro Sharaishi hatte Ihnen vor dem Start den heiteren Tipp gegeben, sich doch ein paar Bilder Ihrer schon bald vier Wochen alten Tochter Marie-Louise aufzuhängen, weil ein Spi sich dann schneller hochziehen ließe…

(Lacht). Ja, mit Kojiro habe ich vor dem Start noch ein paar Grüße per WhatsApp ausgetauscht. Die Bilder habe ich seinetwegen aufgehängt, hätte das sonst vielleicht vergessen. Da schaue ich öfter drauf. Das beruhigt mich, ist echt klasse.

Genießen Sie das Gefühl, dass es nach Rundung der nördlichen Bahnmarke nun schon wieder nach Süden in Richtung Zielhafen geht?

Sehr. Ich freue mich darauf, wieder nach Hause zu meiner Familie zu kommen. Während wir sprechen, steht hier auf meinem Bildschirm: noch fünf Tage und 18 Stunden.

Es geht auf dem Kurs teilweise eng zu. Es kommt immer wieder zu Duellen oder auch Dreikämpfen. Haben Sie Spaß daran?

Sehr viel sogar. Das macht es spannend. Und ich betrachte die Konkurrenten als Referenz. Wenn ich Kévin Escoffier in Luv habe und er etwas schneller wird, dann weiß ich, dass ich in fünf Minuten eine Bö bekomme. Geht seine Nase runter, kann ich aus dem Bett springen und die Schot fieren. Es motiviert mich grundsätzlich, die anderen zu sehen. Kévin ist ein sehr guter Sparringspartner (grinst). Was mich übrigens auch sehr motiviert, sind viele Freunde und langjährige Partner, die mir Nachrichten schicken. Das ist eine nette Gruppe, deren Kommentare mir Spaß machen. Es ist also manchmal Segeln mit dem Handy in der Hand. Dadurch fühle ich mich überhaupt nicht allein.

Sie können Ihr Boot via Autopilot auch aus der Koje steuern?

Genau. Da habe ich eine Computermaus und kann den Computer-Bildschirm gut einsehen und bedienen. Ich kann den Autopiloten steuern, das Radargerät bedienen und auf die Lasten-Alarme reagieren. Das hatte ich letzte Nacht ein paar Male. Da wurde die Rigg-Last zu groß. Der Alarm ist irre laut. Und es stresst einen, wenn man dann erst aufstehen muss. So kann ich aus der Koje einmal genau hinschauen. Ich habe zum Glück recht gute Augen und kann die Details auch aus zweieinhalb Meter Distanz erkennen, den Alarm kurz bestätigen und in Ruhe schauen, ob ich etwas umstellen muss. Meisten ist nur das Backstag etwas anzuziehen. Dadurch reduziert man die Last auf den Wanten ein wenig.

Vendée-Arctique-Les Sables-d'Olonne 2020

In der Koje, von wo aus er das Boot steuern und kontrollieren kann: Boris Herrmann

Wir danken sehr für das besondere atlantische Gespräch und wünschen Ihnen nun eine gute halbe Stunde Schlaf!

Tatjana Pokorny am 09.07.2020

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