Segeln olympisch

Kommentar: Im Dreck an die Spitze

Nie wurde über das olympische Segeln so intensiv berichtet wie jetzt. Die Gründe dafür sind traurig, denn um Sport geht es – noch – nicht

Tatjana Pokorny am 05.08.2016
Olympische Testregatta in Rio de Janeiro 2015

Ein imposantes Bild von der olympischen Testregatta 2015. Die Wasserqualität in der Guanabara-Bucht hat sich seitdem kaum verbessert – so die einhellige Auffassung der Segler

Alle Welt redet über den olympischen Segelsport. Sogar in Deutschland. Dafür haben hierzulande viele Kräfte lange und intensiv gearbeitet. Nicht zuletzt das Audi Sailing Team Germany und seine Athleten, die mit sauberem Sport auf ihrer "Road to Rio" im vergangenen Jahr so oft begeistert haben. Dass sie nun täglich im Rampenlicht stehen, am laufenden Band Interviews geben und einen Bekanntheitsgrad wie selten zuvor erlangt haben, liegt aber bislang leider nicht an den bereits errungenen und noch erhofften Erfolgen.

Erik Heil nach Testregatta in Rio 2015 erkrankt

Eine bakterielle Infektion hatte Erik Heil von der Testregatta 2015 mitgebracht

Ein verseuchtes Olympiarevier, eine kleine, gemeine Stechmücke namens Zika mit beängstigender Wirkung, Doping-Skandale, zu hinterfragende Reaktionen des IOC auf das russische Staatsdoping und eine zerrissene Olympiastadt in der Rezession haben dafür gesorgt, dass der Sport bei Olympia bislang in eine Nebenrolle gedrängt wird. Für alle Athleten und im Besonderen die Segler, die ihren Traum innerhalb der Regeln leben, ist das ein Schlag ins Gesicht. Es ist nicht fair, dass sie im stark kritisierten System Olympia zu Spielfiguren auf einem flüssigen Spielfeld gemacht wurden, das auch bescheidenen Qualitätsansprüchen nicht einmal annähernd genügt und den Höchstanforderungen des IOC an seine Olympioniken in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit und Sponsoring arg hinterherhinkt.

Es gibt Journalisten, die aus allen diesen Gründen ihre Akkreditierung zurückgegeben haben und nicht in dieser Form über Olympia berichten wollen. Dafür gebührt ihnen Respekt. Wir von der YACHT haben anders entschieden, werden vor Ort dabei sein und über eine der schönsten olympischen Sportarten der Welt und jene berichten, die sie ausüben. Die Wasserqualität war und bleibt ein Thema, das wir weiter intensiv beobachten werden. Ebenso IOC-Entscheidungen zum Thema Doping und die Verhältnisse in Rio de Janeiro. Wir wollen aber auch über die Seglerinnen und Segler berichten, die in Rio starten und dafür so viel investiert haben. Mit Heiko Kröger wird sogar der schärfste Kritiker unter Deutschlands Seglern bei den Paralympics starten. Den Mund wird er auf dem Wasser möglichst geschlossen halten. An Land wird er ihn sich auch weiterhin nicht verbieten lassen. Wir auch nicht.

Philipp Buhl

Hartes Training, Analyse im Audi-Windkanal und SAP-Analyse statt Doping: Deutschlands Hoffnungsträger Philipp Buhl bei der Arbeit

Der olympische Segelsport zählt traditionell und aus guten Gründen zu jenen hochkomplexen Erfahrungs-Sportarten, in denen Doping wenig bis keinen Sinn macht. Daher gab es auch in den letzten Jahrzehnten keine bei Olympia überführten segelnden Doping-Sünder. Nur im America's Cup hat es 2007 einmal einen neuseeländischen Segler erwischt, dem man die Einnahme von Kokain nachweisen konnte. Er hat bestritten, die Droge selbst eingenommen zu haben, wurde aber gesperrt. 

Philipp Buhls Trainer Thomas Piesker erklärt die Gründe dafür: "In der Regel kann man im Segelsport über eine stärkere Physis nicht automatisch besser segeln. Der große Nachteil von vielen Doping-Mitteln sind die Nebenwirkungen. Die wiederum setzen oftmals – gerade wenn sie dich stärker machen sollen – die Konzentrationsfähigkeit herab: Man kann die Konzentration nicht über zwei Stunden aufrecht erhalten. Die ist aber im Segelsport mitentscheidend. Es geht um Präzision und Feinkoordination. Da gibt es kein mir bekanntes Mittel, das die ganze Bandbreite abdecken würde. Man müsste als Segler für die Vorteile durch Doping deutliche Nachteile in Kauf nehmen. Segler würden sich eher schaden." Piesker weiß auch, dass man Doping nicht einmal mehr im Segelsport zu 100 Prozent ausschließen kann, sagt aber: "Segel- und Surfsport repräsentiert einen bestimmten Lebensstil, in dem sich Doping von allein verbietet. Es ist auch zu wenig Geld im Spiel, dafür aber sehr viel Leidenschaft. Für unsere Segler kann ich die Hand dafür ins Feuer legen, dass hier niemand wissentlich dopt, um sich einen Vorteil zu verschaffen." Auch der dreimalige Olympiasieger Jochen Schümann sagt: "Unsere Sporart ist sehr komplex. Die Physis ist zwar wichtig, aber andere Faktoren wie Strategie und Taktik sind wichtiger. Doping hätte kaum Einfluss auf die Leistung und macht deshalb keinen Sinn. Das Risiko lohnt sich nicht. Dafür ist die Mehrheit der Segler wohl auch zu schlau."

Dass aktuell heftig über die Starterlaubnis für den russischen 470er-Steuermann Pavel Sozykin diskutiert wird, dessen Teilnahme nun doch kurzfristig durch das IOC bestätigt wurde, ist bedauerlich. Er war als einziger Segler im sogenannten McLaren-Report der World Anti Doping Agency (Wada) namentlich genannt worden. Die Umstände dafür sind vielschichtig und nicht nachvollziehbar publik gemacht worden: Sozykin soll einmal positiv auf eine nicht näher benannte Substanz getestet worden sein, deren Einnahme innerhalb von Wettkampfzeiten verboten, außerhalb von Regatten aber gestattet ist. Man könnte auch in diesem Fall auf die Idee kommen, dass Partydrogen im Spiel waren... Dennoch hat der Schlingerkurs des IOC im Umgang mit dem russischen Doping-Skandal das Vertrauen vieler in den effektiven Umgang mit dem Thema erschüttert.

Die YACHT wird trotz allem und gerade wegen allem aus Rio berichten, weil wir es wichtig finden, vor Ort zu sein und den Dingen auf den Grund zu gehen. Wir berichten auch, weil die Segel-Nationalmannschaft eine leistungsstarke, sympathische und saubere Gruppe von Athleten ist, die sich das Interesse und ihre Fans mit viel Arbeit und Hingabe verdient haben. Über unsere Porträts der vergangenen Tage können Sie die Seglerinnen und Segler schon einmal kennenlernen. Ab Montag wollen sie mit Leistung bei der Olympia-Regatta auf sich aufmerksam machen. Dass sie das in einem optisch schönen, aber inhaltlich äußerst bedenklichen Revier tun müssen, haben sie sich nicht selbst ausgesucht.

Philipp Buhl vor Kuhweises Goldmedaille

Angespornt auch durch einstige Erfolge prominenter deutsche Olympiasieger: Philipp Buhl vor Willy Kuhweises Goldmedaille

Tatjana Pokorny am 05.08.2016

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online