WM 49er, 49erFX, Nacra 17

Knapp an der Sensation vorbei: WM-Silber für Heil/Plößel!

Beinahe hätten die Berliner Vizeweltmeister Erik Heil/Thomas Plößel sogar die Olympiasieger Burling/Tuke in deren Heimatrevier vom Thron geschubst

Tatjana Pokorny am 08.12.2019
Weltmeisterschaft 49er, 49erFX, Nacra 17 2019
Weltmeisterschaft 49er, 49erFX, Nacra 17 2019 / Sailing Energy

Starkes Finale nach gelungenem WM-Auftritt: Erik Heil und Thomas Plößel sind Vizeweltmeister im olympischen 49er

Wer das 49er-Finalrennen der Weltmeisterschaft vor Auckland über Nacht verfolgt hat, den hat es kaum auf dem Stuhl gehalten. Der Kampf zwischen den Top-Favoriten und Olympiasiegern Peter Burling/Blair Tuke und den Berlinern Erik Heil/Thomas Plößel ging so packend zu Ende, wie er begonnen hatte. Am Ende segelten Heil/Plößel zwar knapp an der Sensation vorbei, jubelten aber nach einem meisterlich bestrittenen Medaillenrennen mit gutem Grund über ihr WM-Silber. Die Crew vom Norddeutschen Regatta Verein hat stark am Thron der 49er-Dominatoren aus Neuseeland gerüttelt und die Kiwis beinahe deren fünfte WM-Goldmedaille noch vor der Nase weggeschnappt.

Weltmeisterschaft 49er, 49erFX, Nacra 17 2019

Nach Bronze bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro freuten sich die neuen Vizeweltmeister Erik Heil und Thomas Plößel in Auckland über ihre erste WM-Medaille

Weltmeisterschaft 49er, 49erFX, Nacra 17 2019

Wie knapp sie ihr WM-Gold im Ringen mit den angreifenden Deutschen festhalten konnten, wussten auch die Kiwis. Entsprechend mischten sich nach dem Zieldurchgang im neuseeländischen Coach-Boot Erleichterung und Freude zu überschäumendem Jubel bei Peter Burling und Blair Tuke

Der 30-jährige Steuermann Erik Heil und sein 31-jähriger Vorschoter Thomas Plößel waren knapp dran, die schon 19 Jahre währende titellose WM-Zeit der deutschen Olympiasegler zu beenden. Das letzte WM-Gold der Olympiasegler gewannen Roland Gäbler und René Schwall 2000 in Sydney im Tornado. Dass sich Heil/Plößel ihren Rivalen Burling/Tuke nach insgesamt 17 Rennen und dem Final-Thriller mit nur sechs Zählern Rückstand geschlagen geben mussten, schmälert die Leistung der im Tegeler Segel-Club groß gewordenen Segelpartner und Jugendfreunde nicht. "Wir sind stolz auf unsere Leistung, wollen uns aber nicht darauf ausruhen", sagte Heil bei der Siegerehrung in Auckland trotz des verpassten Sieges. Die Rio-Bronzemedaillen-Gewinner waren nach fast einjähriger studienbedingter Pause erst in diesem Spätsommer wieder in ihre Olympiakampagne eingestiegen. Dass sie nur kurze Zeit später bei der Weltmeisterschaft so stark würden auftrumpfen können, das hatten auch sie selbst in dieser Form kaum für möglich gehalten. "Wir wollten mal schauen, was geht und wo wir stehen", sagte Heil. Sie stehen stark.

Die Welttitelkämpfe gingen im America's-Cup-Revier vor Auckland mit einem packenden Finaltag zu Ende. Zunächst waren Heil/Plößel den neuseeländischen Spitzenereiter mit einem Tagessieg im letzten Rennen der Hauptrunde am Sonntagmorgen noch einmal nähergekommen. Die Ausgangssituation war klar: Bei acht Punkten Vorsprung der Kiwis mussten Heil/Plößel im Medaillenfinale mindestens drei Boote zwischen sich und Burling/Tike bringen, um noch nach dem Titel greifen zu können. Entsprechend angriffslustig eröffnete das deutsche Duo den Showdown mit einem dominanten wie überzeugenden Start. Die Taktik der Neuseeländer war ebenso klar: Dranbleiben an den Deutschen, keine Boote dazwischen kommen lassen. Doch Heil/Plößel konnten die Kiwis dank herausragender Positionierung im Verlauf des ersten Kursabschnitts und überragendem Speed auf die linke Seite zwingen und zunächst selbst der favorisierten rechten treubleiben.

Was dann geschah, hat man bei den stets nervenstarken Neuseeländern noch nicht erlebt: Peter Burling rutschte aus den Fußschlaufen und ging für ein paar Sekunden über Bord. Glück im Unglück für das Team auf dem Skiff mit der Segelnummer NZL 77: Burling konnte sich blitzartig wie eine Katze zurück an Bord hieven. Als die Kiwis nach dem Schreck wieder in Fahrt kamen, waren sie bis auf Rang zehn zurückgefallen, während Heil/Plößel in den Top Drei segelten. Für einige Minuten durften die deutschen Fans an den Bildschirmen bei der Live-Übertragung träumen, denn dieses Szenario hätte den WM-Titel für Heil/Plößel bedeutet. Die Freude währte aber nicht lange, denn Burling/Tuke spielten im weiteren Verlauf des Rennens ihre ganze Klasse aus und rückten der Spitze Platz für Platz näher. Im Ziel reichte ihnen Rang vier hinter den drittplatzierten Deutschen zum fünften WM-Titel ihrer Erfolgskarriere. Die Freude darüber war so unbändig wie sonst selten einmal. Burling und Tuke wussten, dass sie ihr Gold ausgerechnet im Heimatrevier beinahe verloren hätten.

Weltmeisterschaft 49er, 49erFX, Nacra 17 2019

Der Screenshot von der TV-Live-Übertragung zeigt den für Peter Burling unglücklichen Moment, als er den Halt verlor und für einige Sekunden über Bord ging

Erik Heil und Thomas Plößel segeln seit 18 Jahren in einem Boot. Die Medaillen-Premiere bei ihrer neunten Weltmeisterschaft beflügelt sie auf Kurs Olympia 2020. Die Medaillen-Premiere bei einer WM spornt das Team nun für die laufende Olympia-Ausscheidung an, für die sie mit Silber satt punkten konnten. "Es war eine Woche, die uns mit ihren vielseitigen Bedingungen als Allrounder in die Karten gespielt hat"; sagte Heil. Zur Besiegbarkeit der Neuseeländer meint der Steuermann: "Dieses Mal wäre es ohne unseren Ruderbruch zu Beginn der WM möglich gewesen. Es ist also möglich." 49er-Bundestrainer Marc Pickel lobte seine Top-Crew: "Ich bin stolz auf Erik und Thomas. Peter Burling und Blair Tuke sind die besten Segler der Welt. Vielleicht können wir den Sieg nächstes Jahr nachholen. Dafür arbeiten wir jetzt." Aus dem fernen Kiel gab es für Heil/Plößel einen besonderen Glückwunsch: Deutschlands erster international erfolgreicher 49er-Steuermann und zweimaliger Olympiateilnehmer Marcus Baur schrieb: "Ich freue mich sehr – für die die Vizeweltmeister und zwei weitere deutsche Teams in den Top 20! Es wird trotzdem Zeit für einen deutschen Weltmeister und Olympiasieger. Dass es möglich ist, ist jetzt klar…"

DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner freute sich mit und über ihre Leistungsträger, sagte: "Das war ein geniales Medaillenrennen von Erik und Thomas. Sie haben eindrucksvoll bewiesen, dass sie auch an den Neuseeländern vorbeiziehen können. Das traue ich ihnen für die Zukunft zu. Die Kiwis so unter Druck zu setzen war stark! Dem German Sailing Team gibt diese Silbermedaille viel Rückenwind. Das war ein mehr als dickes Ausrufezeichen der 49er-Segler, die bei dieser WM mit insgesamt drei Teams in die Top 20 gesegelt sind."

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Nach Lutz/Beucke kenterten auch die brasilianischen Olympiasiegerinnen Martine Grael (r.) und Kahena Kunze spektakulär und verloren damit den Kampf um WM-Gold

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Am Ende trotz "verlorener" Medaille versöhnt mit ihrer sehr guten Leistung bei dieser WM: Tina Lutz und Susann Beucke

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Die Kenterung kam für Lutz/Beucke zur denkbar unglücklichsten Zeit: Sie hatten das Feld im Medaillenfinale nach herausragendem Start angeführt (siehe Ergebniseinblendung oben links), als ihr 49erFX kippte. Am Ende reichte es nach weiteren Kenterungen der Konkurrentinnen noch zu Platz acht im Finale

Mit einem Schreckmoment und einem kleinen Dämpfer endete die Weltmeisterschaft für die stark segelnden Tina Lutz und Susann Beucke in der WM-Flotte der Skiffseglerinnen. Die 49erFX-Akteurinnen waren als Gesamtdritte im roten Trikot und mit Medaillenhoffnungen ins Finale gestartet. In Führung liegend aber kenterten sie genau wie auch die brasilianischen Olympiasiegerinnen Martine Grael und Kahena Kunze in den starken Winden mit 20 Knoten und in Böen auch noch mehr und beendeten die Serie als Fünfte. Ihr wichtigstes Ziel erreichten Lutz/Beucke und auch Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer im Nacra 17 aber souverän: In beiden Disziplinen sicherten die Starter des German Sailing Teams den Nationenplatz für die olympische Regatta in Enoshima 2020.

Susann Beucke sagte nach der finalen Achterbahnfahrt: "Die Kenterung war sehr, sehr unglücklich. Dabei sind wir weder nervös noch aufgeregt ins Medaillenrennen gestartet. Im Gegenteil: Wir haben uns mental sehr gut und ruhig gefühlt. Wir waren stolz, das rote Trikot für Deutschland zu tragen. Für uns bedeutet die WM-Platzierung am Ende aber einen krassen Erfolg nach dem kleinen Leistungstief im letzten Jahr." Im Nacra 17 verpassten der erst 24-jährige Paul Kohlhoff und seine 21-jährige Vorschoterin Alica Stuhlemmer (Kieler Yacht-Club) als jüngstes Team im DSV-Olympiakader zwar das Finale der besten zehn Teams, haderten damit aber nicht lange. Steuermann Paul Kohlhoff sagte: "Das große Ziel für diese Weltmeisterschaft war die Sicherung des Nationenstartplatzes für Olympia. Das haben wir erreicht. Insgesamt erwarten wir mit Blick auf die Platzierungen aber in Zukunft deutlich mehr von uns."

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Die Siegerehrung mit den drei besten 49er-Crew und neuseeländischen Segelkindern

Tatjana Pokorny am 08.12.2019

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