Olympische Spiele

Kieler-Woche-Sportchef appelliert ans IOC: "Jetzt handeln!"

"KiWo"-Segelboss und Top-Manager Dirk Ramhorst empfindet das IOC-Festhalten am Termin für die Olympischen Spiele als "ignorant" und zeigt Alternativen auf

Tatjana Pokorny am 21.03.2020
Kieler Woche
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Eine Impression von der Kieler Woche 2019. Für 2020 wurde die Mutter aller großen Regattawochen auf September verschoben

Dirk Ramhorst

Kieler-Woche-Sportchef Dirk Ramhorst

Im Berufsleben dirigiert Dirk Ramhorst als Manager mehrere 100 Mitarbeiter. Auch deswegen hat er sich schon vor Monaten damit auseinandergesetzt, wie die Arbeit im einem und vor allem in seinem Unternehmen in "Worst Case"-Szenarien bestmöglich aufrecht erhalten werden kann. Das ist bisher so gut gelungen, wie es in einer weltweiten Krise nur möglich ist. Die Arbeit funktioniert mit der Mehrheit der Mitarbeiter im Homeoffice erfolgreich. Parallel war Ramhorst als sportlicher Organisationsleiter der Kieler Woche ebenfalls stark gefordert. Ins traditionelle Frühjahrstreffen mit den ehrenamtlichen Mitarbeitern aus der schleswig-holsteinischen Region sowie aus Berlin und Hamburg waren Ramhorst und das Team um Point-of-Sailing-Geschäftsführer Sven Christensen vor zwei Wochen in Kiel-Schilksee noch mit der Ziel gegangen, die Kieler-Woche-Austragung zum angestammten Juni-Termin anzustreben. Dann aber veränderte sich die Dynamik der Corona-Pandemie schon immer stärker.

"Es ergab sich über die Absagen von der Trofeo Princessa Sofia im Revier von Mallorca, des Weltcups in Genua, des Tauziehens um die Regatten der America's-Cup-Weltserie eine neue Dynamik", erklärt Ramhorst, "und wir haben überlegt: Wollen wir an der Kieler Woche festhalten, dann müssen wir sie aktiv bewegen, denn wir brauchen Verlässlichkeit." In mehreren Telefonaten mit dem Welt-Seglerverband war die Kieler Woche auch Thema als mögliche alternative Qualifikationsregatta für die Olympischen Spiele, als Ersatz für die gestrichene Weltcup-Regatta in Genua. Das IOC hatte den Zeitraum für die ausgefallene Qualifikation in der wachsenden Krise immerhin schon auf den 30. Juni erweitert. Die Kieler Woche hätte mit ihrem ursprünglichen Termin Ende Juni als Alternative hineingepast. Hätte. Doch ihre Macher waren am Ende nicht mehr überzeugt, dass sich bis zum Sommer irgendeine große Sportveranstaltung wird austragen lassen. "Das Festhalten am klassischen Termin war nicht mehr tragbar. Andererseits ist eine totale Absage natürlich der möglichst zu vermeidende Worst Case", beschreibt Ramhorst die komplizierten gedanklichen Planspiele.

Kieler Woche 2014

Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer bei einem Segeleinsatz während der Kieler Woche

Von diesem Grundsatz geleitet, entschied sich das Kieler-Woche-Team im enger Absprache mit der Stadt Kiel zur Verschiebung, um die Austragungschancen zumindest stark zu erhöhen. Im unbürokratischen Zusammenspiel mit Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer, der gerade in seine zweite Amtszeit gestartet ist, Stadtpräsident Hans-Werner Tovar und dem Kieler-Woche-Stadtbüroleiter sowie nach Rücksprache mit den an der Ausrichtung beteiligten Clubs, dem Norddeutschen Regatta Verein und dem Verein Seglerhaus am Wannsee, zogen Ramhorst und Christensen durch. Und Ulf Kämpfer gab die Verschiebung in seiner Antrittsrede am Donnerstagmittag bekannt. "Seitdem bekommen wir sehr viel Zuspruch für die entschlossene Verschiebung", erzählt Ramhorst. Auch als Segler ahnt er: "Der Segelsport wird – wenn überhaupt – erst in der zweiten Jahreshälfte wieder durchstarten können. Dann wird es einen sehr hohen Grad an unerfüllten Segelwünschen geben. Für die Stadt Kiel ist die Kieler Woche ein Wirtschaftsfaktor. Den gilt es zu verteidigen. Natürlich bleibt angesichts der aktuellen Lage auch ein Termin im September von einem Restrisiko behaftet, aber es ist aktuell die chancenreichste Möglichkeit. Und dafür sind wir als Segelsportbereich gern der Treiber."

Segel-Weltmeisterschaft Aarhus 2018

Bei der Segelweltmeisterschaft aller olympischen Disziplinen in Aarhus 2017: IOC-Präsident Thomas Bach im Gespräch mit World-Sailing-Präsident Kim Andersen

Das Festhalten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) an der Austragung der Olympischen Spiele im Juli und August kann Dirk Ramhorst nur schwer nachvollziehen. "Wenn man unbedingt will, kann vielleicht weiter über den bestehenden Austragungszeitraum nachdenken, aber Qualifikation und Logistik funktionieren doch schon längst nicht mehr. Dem IOC wird oft nachgesagt, es hätte vor allem die Finanzen im Blick. Selbst, wenn das so wäre, muss man doch jetzt etwas tun. Das aber sehe ich nicht beim IOC und bei Thomas Bach. Daher unsere Botschaft: Man muss jetzt handeln und neue Perspektiven aufzeigen. Das Schlimmste, das passieren kann, ist die Absage. Wir sind aber an einem Punkt, an dem man mit Verschiebung etwas tun kann. Diese Chance wurde bislang vertan."

Ramhorst weiß, dass für die Olympischen Spiele nicht nur ein Fixtermin, sondern ein Austragungszeitraum festgelegt ist. Zwar sind öffentlich Verschiebungen um ein oder zwei Jahre in der Diskussion, aber es gäbe theoretisch auch die Möglichkeit einer Verschiebung in den Herbst 2020, vielleicht sogar in den September. "Das war unser Risiko bei der Wahl eines neuen Termins für die Kieler Woche", sagt Ramhorst, "aber wenn wir denn wirklich stattfinden können, dann feiern wir den Sport eben zusammen. Ich würde dem IOC also als ganz normaler Manager raten, das Worst-Case-Risiko mit der Terminbewegung zu minimieren." Ramhorst hat auf dem Bildschirm verfolgt, wie am Freitag die olympische Flagge in Japan angekommen ist. Ihn haben die Bilder sehr nachdenklich gestimmt: "Klar kann man versuchen, eine normale Situation zu simulieren. Aber es ist ignorant, den Austragungstermin jetzt noch aufrecht erhalten zu wollen. Es muss jetzt darum gehen, Zeit zu gewinnen."

Segel-Weltmeisterschaft Aarhus 2008

IOC-Präsident Thomas Bach und Olympiasieger Santi Lange im Gespräch

Tatjana Pokorny am 21.03.2020

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