Segeln olympisch

"Eine unglaubliche Situation, die aber auch Chancen bietet"

Die Corona-Krise beschert Olympioniken viele Herausforderungen, aber auch Zeit für Reflexion und technische Detailarbeit, sagt 49erFX-Vorschoterin Susann Beucke

Tatjana Pokorny am 27.04.2020
Weltmeisterschaft 49erFX in Auckland 2019
Sailing Energy/World Sailing

Regattaszenen wie diese werden nicht nur für Olympiasegler noch eine Weile auf sich warten lassen: Tina Lutz und Susann Beucke im 49erFX

Weltmeisterschaft 49er, 49erFX, Nacra 17

Tina Lutz und Susann Beucke

Weltmeisterschaft 49er, 49erFX, Nacra 17

Vicky Jurczok und Anika Lorenz

Ohne Corona-Pandemie wäre die nationale Olympia-Ausscheidung im 49erFX der Frauen jetzt entschieden. Doch der finale Showdown zwischen den in der Ausscheidung mit 28:16 Punkten führenden Tina Lutz/Susann Beucke (Chiemsee Yacht-Club/Hannoverscher Yacht-Club) und den Berliner Jägerinnen Vicky Jurczok/Anika Lorenz (Verein Seglerhaus am Wannsee) ist auf unbestimmte Zeit vertagt. Eine Neuansetzung für diese eine von so vielen noch offenen internationalen Qualifikationen und nationalen Wettstreiten steht in ungewissen Zeiten aus. Klar ist lediglich: Die bislang ersegelten Ergebnisse behalten auch für die auf den Sommer 2021 verschobenen Olympischen Spiele ihre Gültigkeit.

Susann Beucke

Sanni, die Baumeisterin: Der eigene Bus ist nach wochenlangem Ausbau nun bewohnbar

Damit behalten Laser-Weltmeister Philipp Buhl und die 49er-WM-Dritten Erik Heil und Thomas Plößel ihre frühzeitig gesicherten Olympiafahrkarten in der Tasche. Doch viele andere müssen nun warten, bis Regatten neu angesetzt und Qualifikationspläne neu gemacht sind. Wann das sein wird, kann aktuell niemand verbindlich sagen. "Das ist eine unglaubliche Situation, die aber auch Chancen bietet. Vom Gefühl her denken wir, dass es nicht vor September, Oktober wieder losgeht", sagt 49erFX-Vorschoterin Susann Beucke. Die Seglerin aus Strande hat die vergangenen Wochen für ein persönliches Projekt genutzt und ihren Bus "mit Strom, Wasser und allem Drum und Dran" in Eigenregie ausgebaut, sodass sie darin nun sogar wohnen kann und das auch tut. Weil ihre Steuerfrau Tina Lutz in Innsbruck lebt, dort ihre Master-Arbeit schreibt und zwischenzeitlich auch vom österreichischen Lockdown betroffen war, trainiert das 49erFX-Duo aktuell noch nicht wieder gemeinsam. Sportsoldatin Beucke geht "ab und zu mal mit jüngeren Seglern raus", bereitet sich aber ab heute vor allem auf den Ausbau des neuen 49erFX für ihr Team vor. "So viel Zeit wie jetzt hatten wir dafür noch nie. Das wird mit viel Liebe ausgebaut. Die Möglichkeiten dafür sind trotz Krise sehr gut. Da hat der DSV am Bundesstützpunkt Kiel vieles möglich gemacht."

Ehrung Buhl, Heil und Plößel im NRV

Diese drei Top-Segler von Norddeutschen Regatta Verein müssen nicht mehr bangen. Erik Heil (l.), Philipp Buhl (M.) und Thomas Plößel hatten sich ihre Olympia-Tickets im 49er und im Laser frühzeitig gesichert

Susann Beucke

Die Krisenzeit fürs persönliche Bus-Projekt genutzt: Susann Beucke beim Ausbau ihres Vans, in dem sie aktuell auch lebt

Abwechselnd und unter Einhaltung der Abstands- und Hygiene-Regelungen können die DSV-Kadersegler vom German Sailing Team in Kiel-Schilksee an Land und – dank erwirkter Ausnahmegenehmigung – auch auf dem Wasser arbeiten. Auf dem Wasser sind Trainingsgruppen mit maximal zwei Booten und einem Trainer erlaubt. Beucke durchlebt aktuell wie viele Teamkameraden den Zwiespalt zwischen dem Aktivitätsanspruch eines Leistungssportlers und den beschränkten Bedingungen ohne Regatten, aber mit reichlich Ungewissheit. "Als Sportler denkst du oft, oh Gott, du musst ja weitermachen, trainieren, was tun. Man will immer alles planen, aber genau das geht momentan kaum. Ich hatte dazu in der vergangenen Woche ein sehr gutes Gespräch mit unserer Mentaltrainerin, die beispielsweise auch eine Reihe Volleyballer betreut. Sie kennt überhaupt nur zwei Leistungssportler, die gerade voll Sport machen. Alle anderen lassen es ruhiger angehen. Man entspannt sich, und das muss auch mal sein. Uns fehlen mangels Deadlines aktuell die Regatta-Ziele, auf die wir sonst hinarbeiten. Aber so geht es ja allen. Und tatsächlich tun wir ja momentan das, was wir sonst auch auf dem Wasser machen: Wir passen uns jeweils neuen Situationen bestmöglich und schnellstmöglich an, justieren mit neuen Entwicklungen."

Aufgefallen ist Susann Beucke in ihrem Umfeld "eine andere, bessere Stimmung im Land". Die meisten Menschen in ihrer Umgebung hätten die Krise angenommen, gingen rücksichtsvoll und freundlich miteinander um. "Natürlich gibt es Menschen, die gesundheitlich oder finanziell stark getroffen sind", sagt Beucke, "aber das allgemeine Bemühen darum klarzukommen, das kann man schon spüren." Für die Skiff-Seglerin birgt die Verschiebung der Olympischen Spiele um ein Jahr noch ein weiteres Spannungsfeld, denn sie erwägt den anschließenden Umstieg in die für 2024 neu ins Olympia-Programm aufgenommene Mixed-Offshore-Disziplin. Das neue Programm muss allerdings noch vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) sanktioniert werden. Diese Entscheidung war ursprünglich für Ende 2020 nach den Olympischen Spielen vorgesehen. Ob sie nun auch verschoben wird, das bleibt abzuwarten. World-Sailing-Präsident Kim Andersen bestätigte YACHT online, dass es diesbezüglich noch keine neuen oder anders lautenden Informationen gäbe. Susann Beucke richtet ihren Fokus vorerst ein weiteres Jahr voll auf das Skiff. Das mögliche olympische Offshore-Engagement ist vertagt. "Wir können und wollen uns als Team auf eine Sache konzentrieren, und das ist der FX."

Weltmeisterschaft 49erFX in Auckland 2019

Warten wie viele auf die Neuansetzung von olympischen Qualifikationsregatten: Tina Lutz und Susann Beucke im 49erFX

Tatjana Pokorny am 27.04.2020

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