Segeln olympisch

Die Entscheidung: So wird 2024 um Olympia-Medaillen gesegelt

Aus 56 Vorschlägen für die zehn olympischen Segeldisziplinen 2024 hat das Council des Weltseglerverbandes überraschend schon am Montagabend einen ausgewählt

Tatjana Pokorny am 15.05.2018
Jonas Hogh Christensen
onEdition

Es war am Ende des langen Tages der Vorschlag des rumänischen Segler-Verbandes, der sich bei der Council-Abstimmung des Weltseglerverbandes über die Segeldisziplinen für die Olympischen Spiele 2024 durchsetzte. Man darf ihn als Kompromiss im Tauziehen zwischen den radikalen Erneuerern und den Verfechtern der klassischen Segeldisziplinen interpretieren. Und auch ein wenig als "Schummelpaket", denn wer genau hinschaut, der wird feststellten, dass es unter dem Strich zwar auch in sechs Jahren zehn Disziplinen geben soll. Hinter denen werden sich aber aufgrund von Kombinationen mehr Flotten als bislang verstecken.  

Nicht durchsetzen konnten sich die Befürworter einer Kielboot-Disziplin, womit ein attraktiver und großer Bereich des internationalen Segelsports seit dem Aus für das Starboot auch künftig von Olympia ausgesperrt bleibt. Statt wie bislang einer soll es in sechs Jahren vier Mixed-Disziplinen geben. Die Kiter bekommen zunächst eine gemeinsame männlich-weibliche Disziplin, deren Format noch offen ist. Und sowohl die traditionsreichen Finnsegler als auch die 470er-Segler behalten voraussichtlich und auf unterschiedliche Weise ihren Olympiastatus – wenn auch beide nicht mehr so wie bislang bekannt. Die einen wie die anderen müssen sich in unterschiedlichen Mixed-Kombinationen und Formaten neu erfinden.

Doch der Reihe nach zu den Ereignissen bei der Halbjahres-Versammlung des Weltseglerverbandes im Londoner Chelsea Football Club, wo am Montag ursprünglich nur die Anträge zu den angestrebten Veränderungen des olympischen Programms diskutiert und am Dienstag abgestimmt werden sollte. Tatsächlich ging dann alles viel schneller als erwartet, weil die ganz großen Diskussionen bereits im Vorfeld und hinter den Kulissen stattgefunden hatten. So konnte World-Sailing-Präsident Kim Andersen den Abstimmungsprozess bereits am Montagabend einläuten und auch zum Abschluss bringen.

Und das steht im Antrag M22-18 des rumänischen Segler-Verbandes, der sich durchsetzen konnte:

Fünf bereits bekannte Disziplinen bleiben erhalten. Es sind:

1) Ein-Personen-Jolle Männer – Laser (*) (**)

2) Ein-Personen-Jolle Frauen – Laser Radial (*) (**)

3) Skiff Männer – 49er

4) Skiff Frauen – 49erFX

5) Zwei-Personen-Mixed-Mehrrumpfer – Nacra 17

Und diese fünf Disziplinen sollen dazu kommen:

6) Windsurfen Männer – neue Ausrüstung (*) (**)

7) Windsurfen Frauen – neue Ausrüstung (*) (**)

8) Ein-Personen-Jolle Mixed – ggf. Finn & eine neue Frauen-Jolle in kombinierter Wertung (**)

9) Zwei-Personen-Jolle Mixed – 470er (**)

10) Kiten Mixed – neue Ausrüstung (**)

(*) = diese Bootsklassen werden in Abgleich mit dem internationalen Kartellrecht noch überprüft

(**) = über die Boote/Ausrüstung dieser Klassen wird erst bei der Jahreshauptversammlung des Weltseglerverbandes entschieden. 

World Sailing Halbjahresversammlung 2018

Der Vorschlag aus Rumänien setzte sich im Tauziehen um die olympischen Segeldisziplinen für 2024 durch

Von den 56 Anträgen waren am Montag in der Ratsversammlung des Weltsegler-Verbandes nach überraschend wenigen Diskussionen zunächst alle jene aus der Abstimmung eliminiert worden, die außer dem Antragsteller keine weiteren Unterstützer fanden. Danach waren noch etwa ein Dutzend Anträge zum künftigen Olympia-Programm geblieben, die vom Council Wahlschritt für Wahlschritt weiter reduziert wurden, indem jedes Council-Mitglied seinen Favoriten wählte und immer die Anträge gestrichen wurden, die keine Stimmen erhielten oder den jeweils niedrigsten Stimmwert aufwiesen. In der letzten Kampfabstimmung setzte sich mit dem rumänischen Vorschlag eine Kombination durch, die viele Segler, doch längst nicht alle glücklich stimmte und so viele Fagen offen ließ, wie ein Sieb Löcher hat. Die meisten werden erst im November beantwortet werden können. Wenn überhaupt.

470er Frauen Frederike Loewe / Anna Markfort

2020 in Japan voraussichtlich zum letzten Mal in rein weiblicher oder rein männliche Besetzung unterwegs: der 470er soll künftig von Mixed-Teams gesegelt werden

Kieler Woche 2016

Der international aufstrebende Kieler Finn-Segler Max Kohlhoff überlegt sich vielleicht schon, mit welcher Seglerin er am für 2024 geplanten Mixed-Wettbewerb für Ein-Personen-Jollen teilnehmen kann. Doch zunächst bleibt abzuwarten, welche Bootsklasse für die Frauen in dieser Konstellation ausgewählt wird. Im Gespräch sind unter anderem Motten

Fragen wie beispielsweise diese treiben jetzt die Sportler und ihre nationalen Verbände um: Welches Boot werden die Frauen in der Mixed-Disziplin der Ein-Personen-Jollen parallel zu den voraussichtlich "geretteten" Finn-Dinghys segeln? Könnte es die Motte werden? Wie soll die zusätzliche Bootsklasse, die zwar Teil einer noch genauer zu definierenden Mixed-Disziplin sein wird, aber doch eigenständiges Training erfordert, finanziert werden? Wie wird wohl die Mixed-Disziplin der Kiter aussehen, und welche Ausrüstung passt dazu? Auf welchen Boards werden die Surfer 2024 übers französische Olympiarevier brettern – hat das RS:X wirklich ausgedient? Ab wann erhält der 470er-Nachwuchs die Chance, das zu trainieren, was 2024 gefragt sein wird (Mixed-Segeln), wenn sich die Top-Teams der Länder, aktuell und bis 2020 noch in Männer- und Frauen-Teams aufgeteilt, auf die Olympischen Spiele 2024 vorbereiten müssen?

Der Weltseglerverband hatte zunächst angekündigt, die Abstimmung live übertragen zu wollen, diese gute Idee dann aber doch nicht umgesetzt. Das Video-Material soll aber nachgeliefert werden. Die Veröffentlichung der genauen Stimmverteilungen bei den Wahlgängen sowie weitere Details und Kommentare kündigte World Sailing ebenfalls an. Das wahlberechtigte Council bilden der dänische Präsident Kim Anderson, sieben Vize-Präsidenten, darunter DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner, zwei Ehren-Beauftragte (ohne Stimmrecht), 28 gewählte Mitglieder, die jeweils eine regionale Ländergruppe von Segelnationen vertreten und außerdem Repräsentanten aus dem Offshore-Komitee, dem Klassen-Komitee, der Athleten-Komission und einer Frauen-Repräsentantin.

YACHT online wird in den kommenden Tagen weiter über die Entscheidungen und die Reaktionen darauf berichten. Denn eines ist in der Vergangenheit immer wieder vorgekommen: olympische Entscheidungen, die doch noch einmal auf den Kopf gestellt werden.

World Sailing Halbjahres-Versammlung 2018

Der Vorschlag der Internationalen Fireclass Class Association zu den olympischen Disziplinen für 2024 erschien wie ein heiterer Versuch, dem Ringen um die "richtigen" Segeldisziplinen für die olympische Zukunft ein Ende zu bereiten: einfach alles so lassen, wie es ist

Tatjana Pokorny am 15.05.2018

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