Segeln olympisch

Comeback-Coup: Polgar und Werner starten Olympiakampagne

Von Olympiasieger Santi Lange inspiriert: Johannes Polgar und Carolina Werner foilen zusammen im Nacra17. Die Mixed-Crew hat Enoshima 2020 im Visier

Tatjana Pokorny am 01.08.2017
Nacra17 in Action
Pedro Martinez/Sailing Energy/EM Kiel

Nacra17-Action auf den voll foilenden Katamaranen

Johannes Polgar und Florian Spalteholz im Tornado

Johannes Polgar und Florian Spalteholz im Tornado

Neun Jahre ist es her, dass Johannes Polgar und Florian Spalteholz im olympischen Finale von Qingdao eine Medaille im Tornado verpassten. Sie segelten damals im chinesischen Algen-Revier im Medaillenrennen auf Bronzekurs, bevor die Kollision mit einem Stück Treibholz den deutschen Katamaran außer Kontrolle geraten ließ. "Wir sind mit gebrochenem Leeruder gekentert und schwammen hinter unserem Boot hinterher, statt eine Medaille zu gewinnen. Das war unglaublich brutal und traurig", erinnert sich Johannes Polgar. Die verpasste Bronzemedaille gewann übrigens damals der Argentinier Santi Lange, der 2016 weltberühmt werden sollte...

Polgar setzte seine olympische Karriere nach 2008 im Starboot fort, weil der Tornado für 2012 aus dem Programm gestrichen worden war. Mit Markus Koy wurde er Europameister, unterlag aber in der nationalen Olympia-Qualifikation den späteren Olympiasechsten Robert Stanjek und Fridtjof Kleen. Nach 2012 wurde auch das Starboot aus dem olympischen Programm gestrichen. Polgar beendete seine olympische Karriere und konzentrierte sich auf seine Aufgaben im Automobilkonzern Audi, dessen Sportmarketing-Koordinator er heute ist, heiratete Olympiaseglerin Kathrin Kadelbach und blieb dem Segeln in anderen Feldern wie der Segel-Bundesliga oder der Star Sailors League treu. Das olympische Kapitel schien abgehakt.

SSL Finale 2014

Johannes Polgar und Markus Koy zählen zu den regelmäßigen Startern in der Star Sailors League

Johannes Polgar/Markus Koy

Johannes Polgar mit Markus Koy im Starboot

Doch dann kam die olympische Wiederauferstehung des Katamaransegelns! Die Premiere der Mixed-Teams auf den Nacra17-Geschossen erlebte Polgar in Rio de Janeiro als zunehmend begeisterter Beobachter selbst mit. Dabei verfolgte er auch die Kieler Paul Kohlhoff und Carolina Werner im Nacra17-Einsatz. Das spektakuläre olympische Finale der Nacras 2016 gewann Santi Lange an der Seite von Ceci Carranza-Saroli. Lange war mit 54 Jahren nicht nur der älteste Olympiasegler in Rio. Seine Erfolgsstory ging auch um die Welt, weil ihm vor den Spielen in Folge einer Krebserkrankung ein Lungenflügel hatte entfernt werden müssen. Sein Sieg – trotz zwei Penalties im Finale (!) – bewegte Menschen weltweit. Und Polgar. Es war Lange, der den Deutschen im Gespräch zu ersten Comeback-Gedanken inspirierte und ihn fragte, warum er nicht auch wieder einsteige. "Ich werde diese Tage in Rio nie vergessen", sagt Polgar, "mein olympisches Feuer brannte danach wieder lichterloh."

Testregatta Rio 2015

Dynamisch und erfolgreich: Nacra17-Vorschoterin Carolina Werner – hier noch mit Paul Kohlhoff im Einsatz

Johannes Polgar und Santi Lange

Wegweisendes Wiedersehen bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro: Polgar traf dort den neuen Nacra17-Olympiasieger – seinen ehemaligen Tornado-Rivalen und Wegbegleiter Santi Lange

Die Mannschaft Kohlhoff/Werner, in Deutschland als junges Team nach ersten internationalen Erfolgen als "German Wonder Kids" bekannt geworden, trennte sich nach den Olympischen Spielen 2016. Für beide aber stand fest, dass sie mit neuen Segelpartnern eine weitere Olympiakampagne bestreiten wollen. Im Herbst 2016 sprach Caro Werner Johannes Polgar erstmals auf die Möglichkeit einer gemeinsamen Kampagne an. Der war beeindruckt von diesem aktiven Schritt. Ein gemeinsamer Segeltag verlief vielversprechend, die Hürden für ein Comeback aber schienen zunächst hoch.

SSL City Grand Slam 2016 Hamburg

Grünes Licht für eine Nacra17-Kampagne: Johannes Polgar

In dieser Zeit wurde der Nacra17 für die nächsten Olympischen Spiele noch einmal modernisiert. Aktuell ist der rasante Katamaran als Voll-Foiler im Stile der großen America’s-Cup-Yachten bei seiner Regatta-Weltpremiere im Rahmen der Europameisterschaft vor Kiel in aller Munde.

Der für den Norddeutschen Regatta Verein und das NRV Olympic Team startende Polgar schildert seine Entscheidungsfindung zu Jahresbeginn: "Ich habe Caro erst abgesagt, dann aber wieder gedacht, dass ich eine solche Chance nur einmal bekomme. Mit den foilenden Nacras starten alle mehr oder weniger bei null. Es war ein harter Kampf, logistisch und organisatorisch alles auf die Beine zu stellen, doch nun geht es mit der Unterstützung meiner fantastischen Frau Kathrin, unseren Familien, einer guten Job-Konstellation dank meines modern denkenden Arbeitgebers Audi und eines starken Teams drum herum so richtig los." Seinen Job wird Polgar nicht aufgeben ("Den liebe ich!"). Aber er wird aus der intensiv-operativen Rolle mit vielen Reisen auf eine mehr strategische Ebene wechseln.

Carolina Werner und Johannes Polgar

Schnappschuss vom ersten gemeinsamen Segeleinsatz: Carolina Werner und Johannes Polgar

Der neue Nacra17 des Duos Polgar/Werner ist am vergangenen Mittwoch in Deutschland angekommen und wird aktuell auf der Werft von Marc Pickel ausgebaut und optimiert, die Foils nivelliert. Die Arbeiten sollen bis Ende dieser Woche abgeschlossen sein. Am Wochenende geht es für Polgar und die 23-jährige Carolina Werner in der Strander Bucht erstmals mit dem neuen Kat aufs Wasser. Während sich Polgar in den letzten Monaten auch physisch wieder in Richtung Hochleitungsniveau gearbeitet hat und sich "körperlich topfit" fühlt, hat die dynamische Caro Werner die Nacra17-Pause mit Einsätzen auf der schwedischen TP52 "Rán" in der 52 Super Series und weiteren Engagements auf Profi-Niveau überbrückt. Auch sie fiebert dem Neustart entgegen.

52 Super Series 2017 vor Miami: Carolina Werner segelt auf "Rán"

Auf der schwedischen "Rán" regelmäßig in der 52 Super Series im Einsatz und vor Porto Cervo auch siegreich: Carolina Werner

Die für den Seglerverband Schleswig-Holstein antretende Vorschoterin sagt über ihren neuen Steuermann: "Als ich mit Jojo das erste Mal segeln war, hat vieles auf Anhieb gut geklappt. Er hat viel Erfahrung, und es passt auch menschlich sehr gut." Polgar sagt über Werner: "Für mich war es ein wichtiges Zeichen, dass die Initiative von Caro kam. Sie hat das gleiche Feuer wie ich, agiert an Bord wie eine Maschine, ist topfit und kennt keine Furcht."

Zusammen freuen sich Polgar und Werner auf die Arbeit mit den anderen deutschen Teams ("Super, dass sich im German Sailing Team nun Mannschaften und Kompetenzen bündeln"), wollen sich aber auch intensiv international fortbilden. "Wer eine Olympiamedaille will, der muss sich mit den Besten messen", weiß Polgar mit Blick auf geplante Trainings, beispielsweise mit den Crews des Olympiasiegers Santi Lange und des Spaniers Fernando Echávarri. Ob das Ziel eine olympische Medaille ist? "Keine Frage!", sagt Polgar, "das ist für mich immer noch 'unfinished business'." Neben Polgar/Werner arbeiten auch die Flensburger Jan Hauke Erichsen/Ann-Kathrin Wedemeyer und Paul Kohlhoff nach Abschluss des Youth America’s Cup und einem weiteren Crew-Wechsel in neuer Konstellation mit Alicia Stuhlemmer für das Ziel einer olympischen Medaille.

Nacra17 in Action

Ein aktuelles Bild von der Nacra17-Europameisterschaft vor Kiel – in dieser Flotte werden Polgar und Werner bald mitmischen

Tatjana Pokorny am 01.08.2017

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