America's Cup

Streit im America's Cup: Jetzt spricht Coutts

Die ergraute Eminenz des America's Cup schlägt zurück: Russell Coutts wehrt sich in einer persönlichen Stellungnahme gegen "Dauerfeuer" aus Neuseeland

Tatjana Pokorny am 25.03.2017
Russell Coutts
Rick Tomlinson

Russell Coutts

Dass die amerikanischen Verteidiger im 35. America's Cup an der Herausfordererrunde teilnehmen, ist ein schon länger bekannter und umstrittener Fakt. Dass sie nun auch noch gemeinsame Vorab-Testserien mit einigen Herausforderern durchführen, bringt mindestens das Emirates Team New Zealand auf die Palme. Entsprechend hagelte es Kritik aus Neuseeland, inklusive kritischer journalistischer Berichterstattung. Das wiederum brachte nun den erfolgreichsten Cup-Segler der Geschichte aus der gewohnten Ruhe: Russell Coutts, heute Boss der Cup-Veranstaltungsagentur namens ACEA (America's Cup Event Authority), ist der Kritik und des Dauerfeuers aus seiner Heimat überdrüssig und "schießt" nun zurück.

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Oracle Team USA und Artemis beim Testen vor Bermuda

Auf seiner eigenen Facebook-Seite veröffentlichte Coutts ein Statement in nie dagewesener Überlänge. Darin schreibt er: "Es scheint, dass die verrückte Saison wieder begonnen hat. Sie wird gesteuert von einigen wenigen Pressevertretern, die es offenbar schwierig finden, Fakten von Fiktion zu unterscheiden – oder eine ausgewogene Story vernünftig zu recherchieren, zum Nutzen ihrer Leser." Darüber hinaus greift Coutts insbesondere die neuseeländische Reporterin Dana Johannsen vom "New Zealand Herald" persönlich an, schreibt, ihre Artikel ließen "oftmals sowohl Genauigkeit als auch Ausgewogenheit vermissen" und deswegen sei es so, "dass viele Menschen ihre Artikel verwerfen". 

Mit seiner harschen und persönlichen Kritik wendet sich Coutts vor allem gegen einen Beitrag aus der vergangenen Woche, in dem Johannsen die Teilnahme der Cup-Verteidiger vom Oracle Team USA an der Herausfordererrunde als "nacktes Eigeninteresse" bezeichnet und auf "eigennützige Regel-Änderungen" der Verteidiger hinweist. Er, Coutts, würde sich deshalb genötigt sehen, auf den Artikel zu antworten und auf "zumindest einige Torheiten in ihrer Geschichtenerzählerei hinzuweisen". 

Russell Coutts

Wehrt sich gegen Medienkritik: Russell Coutts

Unter anderem schreibt Coutts: "Dana scheint vergessen zu haben, dass das Emirates Team New Zealand tatsächlich die gleiche Herausfordererrunde in Neuseeland austragen wollte, wo das Oracle Team USA gegen alle anderen Teams angetreten wäre. So, wie sie es jetzt vor Bermuda tun." In der Realität, so schreibt Coutts weiter, sei es doch sehr schwierig, akkurat vorherzusagen, wer von gemeinsamen Segeleinsätzen wirklich profitieren würde. Und es sei nun wirklich keine Neuerung, dass der Verteidiger an Rennen oder Trainingseinsätzen mit Herausforderern teilnehmen könne.

Ein Besuch der Basis-Camps von See – wo die Mannschaften zwei Monate vor Beginn des America's Cup beheimatet sind und arbeiten

1987 habe "Kiwi Magic" vor dem Cup-Finale mit den australischen Verteidigern auf "Kookaburra" trainiert. Anschließend hätten die Verteidiger das Finale verloren. 1992 dagegen hätte der Verteidiger sich geweigert gegen die Herausforderer zu segeln und den Cup erfolgreich verteidigt. 1995 handelten die Verteidiger nach der gleichen Strategie und – verloren.

Für das Beispiel aus dem Jahr 2000 nimmt Coutts Bezug auf die damals noch von ihm gesteuerte neuseeländische Kampagne: "Wir waren offen dafür, gegen die Herausforderer zu segeln, doch einzig die Nippon Challenge hat unser Angebot angenommen. Im Rückblick hätten die Herausforderer wohl mehr von dem gemeinsamen Training profitieren können als wir, denn wir gewannen 5:0."

Mit Blick auf das Cup-Jahr 2003 erklärt Coutts: "Team New Zealand weigerte sich gegen die Herausforderer zu segeln. Sie glaubten, dass sie mit ihrem 'Hula' schneller wären als alle anderen. Natürlich hat die Geschichte sie eines Besseren belehrt. Alinghi gewann damals 5:0." Also segelte das Emirates Team New Zealand vor dem (nächsten) Finale 2007 gegen Alinghi, und das Ergebnis war wesentlich enger, obwohl sie das Duell trotzdem noch mit 2:5 verloren." Die Vorstellung, dass gemeinsame Rennen mit dem Verteidiger irgendwie die Verteidiger bevorzugen würde, erscheine deswegen doch irgendwie lächerlich, fast schon arrogant. "Die Wahrheit ist: Es könnte so sein. Oder eben auch nicht."

Russell Coutts

Russell Coutts in Hamilton

Anschließend erklärt Coutts noch den Sinn der Ein-Boot-Regel im laufenden America's Cup und deren Auswirkungen. "In vergangenen America's Cup haben wir erlebt, dass sowohl Verteidiger als auch Herausforderer zwei Boote gebaut haben und damit interne Rennen abhalten konnten. Sie haben über weite Strecken der Vorbereitung über Jahre isoliert trainiert. Das hatte ein teures, nicht effizientes Wettrüsten zur Folge und brachte den Team-Sponsoren nahezu keinen kommerziellen Nutzen während dieser Vorbereitungsphase."

Um diese Art des Wettrüstens bei laufenden Auflage zu verhindern und den Teams wie ihren Partnern mehr kommerziellen Nutzen zu bescheren, so Coutts, "wurde entschieden, alle Teams am Rennen zu beteiligen". Die unterschiedliche Herkunft der Teams, das Interesse der Medien und Menschen in den jeweiligen Heimatländern, würde laut Coutts allen Teams helfen. Sein Fazit: "Die meisten Teams scheinen das in Zukunft zu wollen, ob sie nun Verteidiger oder Herausforderer sind. Und ich bin ziemlich sicher, dass – sollte Neuseeland diese Auflage gewinnen – seine Sponsoren inklusive der neuseeländischen Regierung das auch wollen!"

Coutts weist noch einmal darauf hin, dass das neue Format die Teams vor einer Reihe unnötiger Kosten bewahrt habe und allen mehr Aufmerksamkeit bescheren wird. Alle Teams hätten nur ein Boot gebaut. Auch der Verteidiger. Alle hätten weniger Mitarbeiter und daher dank der neuen Regeln ebenfalls weniger Kosten. "Es ist ein Gewinn für alle." Coutts behauptet, das Oracle Team USA hätte seinen Mitarbeiterstab im Vergleich zum 34. America's Cup um ein Drittel gekürzt. Gleichzeitig weiß man aber, dass die großen Teams wie Land Rover BAR durchaus mit rund 100 Mitarbeitern arbeiten und die Zahl jenen aus dem 34. America's Cup ähneln.

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Rennstallbesitzer Larry Ellison und sein Skipper Jimmy Spithill wollen die SIlberkanne erneut verteidigen

Der in seiner Heimat nicht umumstrittene Denker und Lenker hinter den Cup-Kulissen greift in seiner umfangreichen Analyse auch sein ehemaliges Team an: "Obwohl sie sich als unterfinanziertes kleines Team darstellen, haben sie tatsächlich eine der größten Einheiten und die besten Resourcen. Ihre Teamstärke wird mit 96 Mitarbeitern angegeben. Und während sie darüber jammern, dass die Regeländerungen mit einem Mehrheitswahlrecht beschlossen wurden, würde ich sagen, dass es ein wesentlich demokratischerer Prozess ist als jener in den alten Zeiten, in denen der Verteidiger und der von ihm gewählte 'Challenger of Record' über alle Regeln entschieden." 

Team New Zealand, so Coutts, hätte tatsächlich auch in diesem Cup-Zyklus für die Mehrheit der Regeländerungen gestimmt, obwohl sie mit ihrer Kritik nicht schüchtern seien. Coutts weist darauf hin, dass "dieser America's Cup der historisch erste ist, der ein wirklich unabhängiges Management hat". Das ACRM (America's Cup Race Management) sei gegründet von und vollständig in den Händen der beteiligten Teams und für alle sportlichen Aktivitäten auf dem Wasser verantwortlich. Der kommerzielle Arm, die ACEA, sei allerdings vom Verteidiger kontrolliert, der damit auch das Risiko trägt.

Der Regattadirektor und sein Team stellen sich und ihre Aufgaben vor

Es scheine angesichts der jüngsten Reaktionen Team New Zealands klar, dass "sie entschlossen sind, den einsamen Weg gegen den Konsens der restlichen America's-Cup-Gemeinschaft inklusive der Teams und ihrer aktuellen Partner zu gehen". Fünf Teams hätten einen Rahmen für die Zukunft beschlossen, der im Konsens entwickelt worden sei. Es sei natürlich Team New Zealands Recht, einen anderen Weg zu beschreiten. Aber, so Coutts: "Dann muss ich fragen, welcher das sein soll?" Coutts wirft seinen Landsleuten Blockade-Politik ohne Mehrwert für alle Teams vor. Und er räumt auch mit der aus seiner Sicht falschen Vorstellung vom armen Außenseiter auf: "In Wirklichkeit wird das Emirates Team New Zealand nicht nur von mehreren Mehrfach-Milliardären unterstützt, sondern erhält auch weiterhin Millionen Dollar von der neuseeländischen Regierung: Zusätzlich zu den fünf Millionen Dollar aus Steuergeldern von Ende 2013 kann das Team im Rahmen des Callaghan-Innovations-Programms weitere bis zu 15 Millionen Dollar an Regierungsgeldern abziehen." 

Coutts beendet sein ungewohnt leidenschaftliches Plädoyer und den Angriff auf seine neuseeländischen Kritiker mit beinahe pathetischen Worten: "Wir bleiben hoffnungsfroh, dass das Emirates Team New Zealand trotz unterschiedlicher Auffassung den America's Cup als unwiderstehliches, leistungsstarkes und denkwürdiges Event mit einer positiven Einstellung umarmen wird." Ob das nach Coutts Geschmack geschehen wird, bleibt fraglich. Nach dem Cup greifen werden die Kiwis sicher – auf ihre Weise. Und eine Antwort auf Coutts Anschuldigungen dürfte ebenfalls nicht lange auf sich warten lassen.

Tatjana Pokorny am 25.03.2017

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