America's Cup
Stotter-Starts lassen Kiwis stolpern

Die Neuseeländer verpatzen erneut einen Start, obwohl die Position stimmt. In leichten Winden kommen die Amerikaner schneller auf die Foils

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 24.09.2013

ACEA / Gilles Martin-Raget Sie mussten viel Kritik einstecken, aber am Montag hatten sie Grund zur Freude: Larry Ellison und Russell Coutts

Die gute Nachricht für Dean Barker und das Emirates Team New Zealand nach der erneuten Niederlage gegen die Verteidiger im 16. Rennen muss die Verschiebung des 17. Rennens auf den nächsten Tag mit einer deutlich stärkeren Windprognose gewesen sein – zu offensichtlich war die Schwäche ihrer "Aotearoa" in den leichten Winden um zwölf bis 14 Knoten am Montag. Vor allem am Start. Da nutzten die Barker Boys ihren Vorteil aus der Startbox zur richtigen Innenpositionierung mit Kurs auf die erste Wendemarke und kreuzten die Startlinie auch vor den Amerikanern. Doch das war wertlos, denn sie kamen einfach nicht flott genug auf die Füße. Den kurzen Sprint zur ersten Marke gewann das US-Team in beinahe demoralisierender Weise.

ACEA / Gilles Martin-Raget Am Montag eine Klasse für sich: Das Oracle Team USA bei seiner Aufholjagd

Oracle-Skipper Jimmy Spithill beschleunigte den US-Katamaran wesentlich schneller, überlief die Neuseeländer und rundete die wichtige erste Tonne mit fünf Sekunden Vorsprung. Mit auffallend besserer Vorwind-Geschwindigkeit erarbeitete sich das Oracle Team USA einen komfortablen Vorsprung von teilweise mehreren hundert Metern. Taktiker Sir Ben Ainslie sagte später, der Tag sei nicht annähernd so anstrengend wie der Vortag gewesen. Dazu trugen die Neuseeländer bei. Bei vergleichbarer Amwind-Geschwindigkeit veränderten sich die Kräfteverhältnisse während des Rennens kaum mehr. Die Kiwis konnten die Amerikaner nicht wirklich unter Druck setzen und müssen sich nach fünf verlorenen Starts in Folge die Frage gefallen lassen, wie sie diese Schwäche in den Griff bekommen wollen.

ACEA / Gilles Martin-Raget Gaben nie auf und blieben auch dran, hatten aber am Montag keine Siegchance: Das Emirates Team New Zealand

ACEA / Abner Kingman Segeln auf der Siegerwelle: Oracle-Steuermann James Spithill und seine Crew

Das Cup-Duell geht nach dem fünften Sieg der Verteidiger in Folge in die Verlängerung. Im Gegensatz zu ersten Informationen der Cup-Veranstalter ist es aber doch noch nicht das längste Duell der Geschichte. Cup-Historiker John Rousmaniere hat in den vergangenen Tagen genau nachgerechnet und fand heraus, dass die Auflage von 1899 zwischen J. P. Morgans "Columbia" und Sir Thomas Liptons "Shamrock" mit 18 Tagen noch länger gedauert hatte als das 16-tägige Rennen zwischen Team New Zealand und Alinghi im Jahr 2003. Der 24. September markiert nun den 18. Tag im aktuellen Match, das bei einer Fortsetzung der US-Siegesserie und Andauer bis zum 19. Tag aber noch zum längsten der Geschichte werden kann.

ACEA / Balasz Gardi Wer hätte gedacht, dass Alcatraz einmal Zeuge einer solchen Segel-Schau sein würde?

Beim Stand von 8:6 für Neuseeland fehlt den Kiwis weiterhin "nur" dieser eine kostbare Punkt zum Triumph. Larry Ellisons US-Segelrennstall muss noch dreimal in Folge gewinnen, um die Silberkanne doch festzuhalten. Gelänge das, wäre es eines der erstaunlichsten Comebacks der Sportgeschichte. Die Kiwis können den Atem der Verteidiger schon im Nacken spüren. Dennoch demonstrierte Skipper Dean Barker nach außen Gelassenheit: "Wir sind sehr gut drauf. Wir wissen, dass wir es schaffen können, wenn wir gut segeln."

NZ Herald Blog Ausschnitt aus einem Blog des "New Zealand Herald": Der Cup "muss diese Woche gewonnen werden"

In Neuseeland machen sich die Fans unterdessen Gedanken über Teamchef Grant Dalton, der zuletzt beim achten Sieg der Kiwis an Bord im Einsatz war. Dalton gilt wie einst Sir Peter Blake als eine Art Talismann des Teams. Seit er nicht mehr auf dem Wasser dabei ist, geht es bergab. Der 56-jährige Dalton hatte aber immer gesagt, dass er jüngeren und stärkeren Crew-Mitgliedern Platz machen würde, wenn das gefordert sei. Weil den Veranstaltern aufgrund des andauernden Cup-Marathons inzwischen die Ruhetage abhanden gekommen sind und jeden Tag gesegelt wird (wenn der Wind es zulässt), haben die physischen Ansprüche an die Athleten drastisch zugenommen. Barker erklärte: "Es ist genauso physisch anspruchsvoll, in leichten Winden zu segeln wie in starken. Wenn nicht sogar noch anspruchsvoller."

Den Kiwis bleiben weitere drei Match-Punkte, um diese ihrem Höhepunkt entgegenstrebende Segelschlacht doch noch für sich zu entscheiden. Die Wetterprognose verspricht frischere Winde für Dienstag. Vielleicht können Dean Barker, sein Taktiker Ray Davies und die Crew ihre Chance im 17. Rennen mit 10-Sekunden-Vorteil beim Einsegeln in die imaginäre Startbox dann beser nutzen, denn auch sie hatten in der ersten Cup-Woche eindrucksvolle Startszenen und extremes Beschleunigungspotenzial vorzuweisen.

Das Duell wird immer mehr zum Thriller, den ein Drehbuchautor nicht besser hätte konzipieren können. Vielleicht sollte die Cup-Melodie alsbald durch die Filmmusik zur "Rocky"-Serie ersetzt werden. Die Auferstehung der Amerikaner wird zelebriert. Oracle-Skipper James Spithill wird nicht müde, die Rolle seines Teams genüsslich weiter als "Außenseiter" zu beschreiben. Der psychologische Schlagabtausch hat längst Einzug in diese Cup-Auflage gefunden.

Doch gepunktet haben Spithill und sein Team am Dienstag vor allem mit einem eindrucksvoll schnellen und leichtfüßigen Boot. Dass die Amerikaner ihren Katamaran während des laufenden Cup-Duells täglich intensiv modifiziert haben, dokumentieren die 15 neuen Messbriefe, die sie bislang erhielten – jeden Renntag einen neuen. Am Dienstag wird ein weiterer hinzukommen. "Wir haben ein großartiges Boot. Und wir können diesen Cup gewinnen. Egal, wie viele Rennen es noch sind", freute sich Spithill am Montag. In der Pressekonferenz nach dem Rennen konterte Dean Barker: "Wir würden unsere aktuelle Position nicht tauschen wollen. Wir haben immer noch Match-Punkte. Wir sind nicht fehlerfrei, müssen besser werden. Aber wir sind gut drauf und glauben daran, dass wir gewinnen können. Es ist der Glaube an den Sieg, der uns als Team motiviert."

Es bleibt die Frage, ob sich der offensichtliche Vorwind-Vorteil des US-Katamarans auch in den für Dienstag wieder stärker prognostizierten Winden noch so deutlich auswirken wird oder die Kiwis dann zurück zu alter Stärke finden. Gelingt das nicht, wird es eng für das Team der Herzen, denn anschließend hat wieder das Oracle Team USA zweimal in Folge den Vortritt in die Startbox. Also auch im alles entscheidenden Rennen, käme es denn zum Gleichstand von 8:8.


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Themen: America's CupDean BarkerJames SpithillOracle Team USATeam New Zealand

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