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Schwarz, schnell und siegreich

Oracle über alles. Vor vollem Haus holen Coutts und Spithill Match- bzw. Fleetrace. Aber Korea und Luna Rossa stehlen beinahe die Show

  • Dieter Loibner
 • Publiziert am 27.08.2012

Gilles Martin-Raget/ACEA Sieg mit knapper Not. Ein paar Zentimeter und ein Punkt machten den Unterschied für Oracle Team USA Spithill

Knapp war’s, und gut war’s, doch am Schluss gaben Strafen den Ausschlag. Das Matchrace-Finale der America's Cup World Serie in San Francisco sah beide Boote von Oracle Team USA am Start, weil Russell Coutts’ Boot nach dem spektakulären Freitag-Crash mit neuem Kohlefaserbug ausgestattet wurde. Im Vorstartgemetzel verschätzte sich Jimmy Spithill beim Anlieger und musste Coutts ziehen lassen, der seine Führung dann auch lange clever verteidigte. Doch Spithill blieb dran und segelte am letzten Vorwindgang bis an die äußere Kursbegrenzung, wohl um sich einen kleinen Vorteil in Sachen Strömung und Kurswinkel zu sichern. Dabei ging er ein paar Zentimeter zu weit und bekam eine Strafe aufgebrummt, die auf diesen Booten elektronisch administriert wird. Er musste sein Boot solange verlangsamen, bis das blaue Blitzlicht an Bord erlosch. Das passiert, sobald der Schuldige laut GPS zwei Bootslängen gegenüber dem Kontrahenten eingebüßt hat.

Gilles Martin-Raget/ACEA Moment der Wahrheit. Spithill (r.) muss beim Matchrace-Start Höhe kneifen, um zur Linie zu kommen, während Coutts mit Speed davonzieht

Trotzdem hatte Spithill  noch Chancen, weil er den spitzeren Winkel zur letzten Kursmarke hatte, die es kurz vor dem Ziel zu runden galt. Der Australier donnerte mit Vollzeug heran, drückte sich innen bei Coutts rein, dessen Halse nicht unbedingt knackig war. Doch Spithill war einen Hauch zu spät und hatte damit keine Rechte. Damit wurde er abermals bestraft, womit Coutts sich mit einem Sekündchen Vorsprung ins Ziel rettete und sich damit die Matchrace-Wertung sicherte. Hut ab vor dem 50-jährigen Neuseeländer, der nur dann segelt, wenn es seine Managementpflichten gestatten, und den man in den Nahaufnahmen an Bord dementsprechend kräftig keuchen und prusten sah.

Matchrace-Finale Start Coutts gegen Spithill

Ob Spithills Fauxpas in der Hitze des Gefechts passierte oder ob da Stallregie im Spiel war, lässt sich nicht sagen. Doch angesichts der technischen Hilfsmittel (ein blinkendes gelbes Licht an Deck), die den Seglern die Position gegenüber der Kursbegrenzung anzeigen, und der beinahe unglaublichen Athletik und Bootsbeherrschung, die von den Top-Crews an den Tag gelegt werden, ist ein Irrtum nur dann vorstellbar, wenn es darum geht, den allerletzten Zentimeter des „Spielfelds” auszunutzen.

Guilain Grenier/Oracle Team USA Überflieger. Chris Draper und seiner Truppe von Luna Rossa Pirnaha wären um ein Haar die Sensation gelungen

Beim abschließenden Fleetrace ging es um die Wurst und ordentlich zur Sache, weil der Sieger 40 Punkte abholen durfte, was noch vier Teams die Chance auf den Gesamtsieg gab. Dementsprechend hoch war das Risiko, das eingegangen wurde. So wurde Coutts gleich am Start belangt, während Spithill am zweiten Bahnschenkel abermals ins Out segelte und Blaulicht verordnet bekam, womit er zunächst in der Etappe verschwand. Zu Beginn führte Artemis White mit Terry Hutchinson, doch dieses Team hat Probleme, einen AC45 bei Wind permanent am Limit zu segeln, was durch die TV-Aufnahmen schonungslos aufgedeckt wurde. Dies nutzten die beiden jungen Wilden, Chris Draper von Luna Rossa Piranha und Nathan Outteridge von Team Korea, die beide vom 49er kommen und sich bei derartigen Geschwindigkeiten wohler fühlen als Kielbootkünstler Hutchinson.

Gilles Martin-Raget/ACEA Überwältigende Kulisse. San Francisco Bay und die Golden Gate

Spithill kannte indes kein Erbarmen. Fehlerlose Bootsführung, abgeklärte Taktik und Nerven wie Stahlseile brachten ihn Sekunden vor der letzten Bahnmarke auf Platz 3 nach vorn, auf Tuchfühlung mit Team Korea, die zauderten und sich nicht genug frei hielten. Das Blaulicht besiegelte ihr Schicksal und ließ Spithill unter dem Jubel  der Tribüne an den Koreanern vorbeistürmen, um das Rennen einen Wimpernschlag hinter Luna Rossa Piranha auf Platz 2 zu beenden, was für den Gesamtsieg reichte. Der Vorsprung auf die Italiener betrug einen kleinen, aber entscheidenden Punkt und 21 Zähler auf Team Korea. Dahinter dann Energy Team, die sich vorher noch Chancen auf den Gesamtsieg ausrechnen durften, aber mit einem  10. Platz gehörig patzten. Überraschend: Team New Zealands Absturz auf Schlussrang 7. Nicht nach Wunsch lief es auch für Ben Ainslie mit JP Morgan BAR, der im Schlussklassement nur Platz 10 belegte, punktemäßig aber Anschluss ans Mittelfeld hatte. Zu den Ergebnissen

Gilles Martin-Raget/ACEA Sieger gegen Sieger. Jimmy Spithill (l.), der Fleetrace und Gesamtsieger gegen seinen Boss Russell Coutts, der das Matchrace gewann

Ein Wort zur TV-Produktion, die in den USA am Sonntag live auf dem Netzwerksender NBC zu sehen war: Für diese Show zahlte es sich aus, das Fahrrad etwas später aus der Garage zu holen oder das Unkraut im Garten für eine gute Stunde länger unbehelligt zu lassen. Das war Segeln vom Feinsten, mit unglaublichem Aufwand perfekt ins Bild gesetzt. Ein Jahr Feintuning bei den Booten, beim Regattaformat und den Kursen der America’s Cup World Serie haben sich bemerkbar gemacht. Mit angehaltenem Atem konnte man von der Wohnzimmercouch in High Definition verfolgen, wie sich die Top-Segler auf den AC45-Kats bei strammer Brise, zunehmendem Ebbstrom und Bootsgeschwindigkeiten bis zu 25 Knoten vor traumhafter Kulisse bis aufs Messer duellierten. Spektakuläre Bilder von Bord, aus der Luft und von den Begleitbooten, unterlegt mit den digitalen Grafiken wie Kursbegrenzung, Entfernungsmarken und Bootsidentifikationen, legen die Latte für Nachahmungen sehr hoch. Ebenfalls superb: die schnellen Schnitte, die zwischen Livebild und Aufzeichnung gemacht werden. So sah man den ehemaligen Sprinter Michael Johnson, der immer noch den Weltrekord über 400 Meter hält, wie er als Gast auf dem Boot von Coutts bei einer Wende ungespitzt über Bord ging. Oder doch sprang .

Gilles Martin-Raget/ACEA Gut besucht. Das Regattagelände Marina Green

Leider wurden am Ende des jeweiligen Regattatags von den Veranstaltern auf YouTube statt einer Zusammenfassung aller Ereignisse nur unvollständige Ausschnitte bereitgestellt.

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