America's Cup
Ist Team New Zealand am Ende?

Der Verteidiger hat das Unfassbare geschafft, zum 8:8 ausgeglichen. Am Mittwoch steigt der Showdown zwischen Golden Gate Bridge und Alcatraz

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 25.09.2013

ACEA / Ricardo Pinto Auf und davon: Das Oracle Team USA segelte am Dienstag in einer eigenen Dimension

Man möchte sich angesichts der eindrucksvollen Muskelschau der Amerikaner am Dienstag fast fragen, ob die in der ersten Woche womöglich aufs Bremspedal getreten sind. So eindrucksvoll, so schockierend und so demoralisierend für die Neuseeländer war die Geschwindigkeit des US-Katamarans. Zwar haben Dean Barker, Ray Davies und ihre Kiwi-Crew den ersten Start gründlich verpatzt, kassierten nach drei harmlosen, aber folgenschweren Kollisionen sogar zwei Penalties und starteten aussichtslos in Rennen 17, das sie folgerichtig mit 27 Sekunden Rückstand im Ziel verloren. So weit war es noch ein spannendes Matchrace mit zwei ebenbürtig wirkenden Katamaranen. In diesem ersten Rennen des Tages sah es noch so aus, als könnten die Kiwis den Amerikanern Paroli bieten, würden sie nur endlich einmal einen Start gewinnen wie zuletzt fünf Tage zuvor.

Genau das tat Dean Barker dann im zweiten Rennen des Tages. Zwar wurde ein Protest der Neuseeländer in enger Situation vor der Startlinie abgewiesen, weil die Jury keine Wegerechtsverletzung der Amerikaner erkannte, doch konnte Barkers Team dieses Mal den atemlosen Sprint zur ersten Marke mit der so wichtigen Innenposition knapp gewinnen. Beim Sprint auf dem Weg zur Tonne entgingen die abgedrängten Amerikaner nur knapp einem Nosedive. Mit fünf Sekunden Vorsprung rundete das Emirates Team New Zealand die Marke und stürmte mit hörbar nach Atem ringenden Grindern in Richtung Marke zwei, die sie mit sieben Sekunden Vorsprung erreichten.

Was sich anschließend auf dem Kurs abspielt, löst bei Team New Zealands Fans in aller Welt Entsetzen aus. Fast 1,5 Millionen Fernsehzuschauer verfolgen das Drama in Neuseeland live. Nicht gerechnet die Public-Viewing-Veranstaltungen in Clubs, Vereinen und auf öffentlichen Plätzen im kleinen Pazifik-Staat. Schätzungen gehen davon aus, dass beinahe die Hälfte der neuseeländischen Bevölkerung von etwa 4,4 Millionen Menschen das Rennen gesehen oder Reportagen gehört haben.

Auch die neuseeländische Crew ist nach dem Rennen sichtlich geschockt. Die Verteidiger hatten eine enge Situation auf der rechten Außenseite des Kurses genutzt, die der imaginären Kursbegrenzung immer näherkommenden Kiwis ins Abseits gedrängt, sie nach fast simultanen Wenden unterlaufen und waren danach einfach davongezogen. Als hätten sie gerade noch einen versteckten Extragang entdeckt, erarbeitete sich die Crew um Jimmy Spithill auf dem US-Katamaran im weiteren Rennverlauf mehr als einen Kilometer Vorsprung vor der "Aotearoa". Nicht nur Spithill sagte später: "Das war sehr, sehr eindrucksvoll. Dieses Boot segelt einfach großartig." Der US-Katamaran raste über den Kurs wie ein Flugzeug.

ACEA / Abner Kingman Machtdemonstration der Verteidiger: Ein Sieg fehlt nach dem fulminanten Comeback noch zum Triumph

In verschiedenen Blogs führt das auf den Kopf gestellte Kräfteverhältnis längst zu Verschwörungstheorien. Dean Barker musste sich in der Pressekonferenz sogar die Frage gefallen lassen, ob er absichtlich verliere, um es spannend zu machen. Ein Filmregisseur hätte sich das Szenario so gar nicht ausdenken dürfen, weil es zu unrealistisch gewesen wäre. Und doch sind sechs Matchpunkte in Folge abgewehrt. Die Kiwis sind nach ihrem Höhenflug zum Auftakt des Cup-Duells beinahe unerträglich hart in der Realität aufgeprallt. Fest steht: Das Cup--Comeback des Jahrhunderts ist fast perfekt. Das Blatt hat sich in diesem denkwürdigen Duell gewendet, das zunächst das eine, dann das andere Team dominiert. Ein Sieg noch fehlt den amerikanischen Überfliegern zum Triumph. Sie haben aus ihrem Boot – so sieht es von außen aus – binnen einer Woche eine Rakete gemacht. Bei den internationalen Wettbüros setzt niemand mehr auf das Emirates Team New Zealand. Die Übermacht der Verteidiger ist erdrückend.

ACEA / Gilles Martin-Raget Am Mittwoch kommt es zum Showdown der beiden Cup-Giganten

Noch nie hat man den stets so beherrschten, ruhigen und leisen Dean Barker so erschüttert gesehen wie nach diesem 18. Rennen am Dienstag in San Francisco. Schon vor den Rennen 17 und 18 hatte er fünf Tage lang kein Rennen mehr gewonnen. Und er wusste, was alle gesehen hatten: Es ist egal, wie gut oder schlecht seine Kiwis gegen dieses amerikanische Boot segeln. Egal, wie gut oder schlecht er startet. Dieser amerikanische Katamaran ist einfach zu schnell. Nach dem Debriefing mit seiner Mannschaft an Bord stand Barker Minuten lang allein im Heck, versuchte zu fassen, was da eben passiert war. Sie waren doch so nah dran mit ihren insgesamt sieben Match-Punkten in Folge. Und nun? Ein Matchpunkt ist geblieben. Doch den haben nun gleichzeitig auch die Verteidiger.

Es müsste im Showdown am Mittwoch nach den Erkenntnissen vom Dienstag schon ein Wunder geschehen, das den Kiwis noch die Kanne bescheren könnte. Auf dem Wasser erschienen sie in den Rennen 17 und 18  chancenlos. Und keine 24 Stunden bleiben ihnen mehr bis zum Showdown am Mittwoch um 13.15 Uhr Ortszeit (22.15 Uhr deutscher Zeit).

ACEA Wer zuletzt lacht... Russell Coutts hatte vor dem Showdown allen Grund zur Freude: Sein Team dominierte die Cup-Duelle zuletzt

Neuseelands führende Tageszeitung "New Zealand Herald" reagierte am Dienstag sofort auf die dramatische Niederlagen ihres Teams, das in der Gunst neuseeländischer Sportfans sogar die berühmten "All Blacks" in den Schatten stellt und titelte "Das Ende für Team New Zealand?". Neuseelands Regierung hatte sich mit rund 20 Millionen Euro am Budget des Teams von etwa 60 Millionen Euro beteiligt, um den America's Cup als relevanten Wirtschaftsfaktor ins Land der langen weißen Wolke zurückzuholen. Experten bezweifeln, dass die Mannschaft noch einmal so großzügig vom Staat unterstützt werden kann und vermuten gar, dass Team New Zealand nach diesem 34. America's Cup zerbrechen könnte. Damit ginge eine Erfolgsära von fast zwei Jahrzehnten zu Ende. Es wäre tragisch, denn kein Zweifel besteht daran, dass Neuseelands Segler im Cup-Geschäft immer noch die erfolgreichsten sind. Nur treten eben nicht alle für ihr Nationalteam an.

Allen voran der viermalige neuseeländische America's-Cup-Sieger Russell Coutts, der als CEO das im Endspurt so erfolgreiche Oracle Team USA dirigiert. Der 51-Jährige hatte schon vor dem Duell gesagt: "Auf beiden Mannschaften lastet enormer Druck, denn es ist für beide eine Art Überlebenskampf. Für den Verlierer kann es das Ende als Team bedeuten." Um nichts weniger geht es am Mittwoch in der Bucht von San Francisco zwischen Alcatraz und der Golden Gate Bridge. "Es wird der wichtigste Tag in unser aller Leben sein", kündigte Jimmy Spithill an, der auch für die Untertreibung des Tages sorgte: "Ich glaube immer noch, dass wir die Außenseiter sind." Darüber musste er sogar selbst lachen. Dean Barker konterte – ob einfach nur tapfer oder doch überzeugt: "Wir haben den absoluten Glauben, dass wir morgen gewinnen können." Viele sind es nicht mehr, die diese Überzeugung teilen. Auch wenn Millionen Neuseeländer und Fans das Team der Herzen im Kampf David gegen Goliath nicht aufgeben wollen.


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Themen: America's CupDean BarkerJames SpithillOracle Team USASan FranciscoTeam New Zealand

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