America's Cup
Für fünf Sekunden am Abgrund

Die Cup-Verteidiger haben die neuseeländische Siegesserie gestoppt. Eine dramatische Beinahe-Kenterung der Kiwis schockt Segler und Fans

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 15.09.2013

ACEA/MArtin-Raget, Gardi, Kingman Beinahe-Kenterung in vier Akten: Für fünf Sekunden hat das Emirates Team New Zealand das Motto seines Titelpartners zu wörtlich genommen und in den America's-Cup-Abgrund geblickt

Geht da noch etwas? Cup-Verteidiger Oracle Team USA hat die Siegesserie der neuseeländischen Herausforderer gestoppt. Das Team um Jimmy Spithill gewann die achte Wettfahrt mit 52 Sekunden Vorsprung deutlich. Vorausgegangen war dem Befreiungsschlag eine Beinahe-Kenterung der Kiwis, die Segler und Fans schockierte. Für etwa fünf Sekunden blickte das Emirates Team New Zealand in den America's-Cup-Abgrund, bevor der entgleiste Steuerbordrumpf des Riesenkatamarans "Aotearoa" wieder auf dem Wasser aufprallte. Während der Szene übertragen die Anbordmikrofone vor allem diesen Schrei: "Hydro, Hydro, Hydro!." Ein Hydraulik-Patzer der Crew hatte dazu geführt, dass sich der Kiwi-Katamaran fast senkrecht in den Himmel hob, weil das steife Flügelsegel die Wende nicht mitmachte und den Neuseeländern, die im Gegensatz zu den Amerikanern nur ein Boot haben, beinahe den Supergau bescherte.

ACEA / Abner Kingman "Hydro, Hydro, Hydro" – die Schreie an Bord der "Aotearoa" klangen wie ein SOS, als sich der Steuerbordrumpf in den Himmel hob

Das Rettungsmanöver des Tages gelang in dieser dramatischen Situation Steuermann Dean Barker, der dafür später von allen Seiten gelobt wurde. Dean Barker räumte in der Pressekonferenz ein: "Wir waren so nahe dran, das Ding auf die Seite zu legen, wie es nur irgendwie möglich ist. Wir waren ein bisschen in Eile und mit der Hydraulik zu spät dran." "Mein Herz hat nicht nur die fünf Sekunden, sondern gefühlte fünf Minuten ausgesetzt", sagte der australische Co-Kommentator und 49er-Olympiasieger Nathan Outerridge und brachte damit auf den Punkt, wie es Millionen Kiwi-Fans ergangen sein muss.

Bis zu diesem Vorfall hatten die Neuseeländer ihre Führung in der achten Begegnung nach gewonnenem Start gegen die am Samstag mit verkürztem Bugspriet sowie einigen weiteren Modifikationen und druckvoller agierenden Amerikaner verteidigen können. Mit 47,2 Knoten Spitzengeschwindigkeit waren es die Kiwis, die den Ton angaben. Dabei schien das US-Team um Steuermann Jimmy Spithill und Taktiker Ben Ainslie einige Schwächen der Vortage abgestellt zu haben; sie saßen ihren Rivalen dicht im Nacken. Kommentator und Isaf-Vizepräsident Gary Jobson lobte: "Das US-Boot geht gut und stark durch die Wellen." Sichtbar hatte der Rennstall von Larry Ellison den Pausentag dazu genutzt, alles entbehrliche Gewicht auf ihrem Boot loszuwerden. Beide Mannschaften waren mit neuen Messbriefen in den fünften Regattatag gestartet.

ACEA / Gilles Martin-Raget Schneller, präziser und druckvoller: Die Verteidiger haben ihr Spiel verbessert

Die Amerikaner nutzten den unfreiwilligen neuseeländischen "Stunt" zum Durchbruch und gewannen die achte Auseinandersetzung mit 52 Sekunden Vorsprung. Da lächelte sogar Larry Ellsion, der seinem Team erstmals in diesem Finale von einem Schlauchboot auf dem Wasser zuschaute. Nach viel Frust in den vergangenen Tagen blitzte auch in seinem Gesicht wieder die Lust am Cup-Spiel auf. Jimmy Spithill ließ es sich nach Ende des Rennens nicht nehmen, den Finger noch einmal in die frische Wunde der Kiwis zu legen: "Mann, ich dachte, dass sie sehr, sehr nah an der Kenterung dran sind."

Das zweite Rennen des Tages – Duell Nummer neun – begann mit Verspätung, weil der Wind das zulässige Limit von 22,6 Knoten noch vor dem Startschuss immer wieder überschritt, sich dann aber zunächst bei gerade eben zulässigen Zahlen einpegelte. Den Start gewannen erneut die Kiwis mit souveräner Positionierung. Barker ließ sich von Spithills aggressiven Attacken nicht aus dem Konzept bringen, verteidigte trotz der Schock-Momente im vorangegangenen Rennen seine Position und raste mit vier Sekunden Vorsprung um die wichtige erste Wendemarke.

ACEA / Gilles Martin-Raget Schwerstarbeit für die Grinder an Bord der neuseeländischen "Aotearoa" an Regattatag 5

Sieben Sekunden schneller als James Spithill, Sir Ben Ainslie und ihr Team erreichten die Neuseeländer die nächste Tonne, nach deren Rundung es den Amerikanern jedoch gelang, den erhofften Split herzustellen. Doch die Kwis widerstanden den amerikanischen Attacken, schienen gerade ihre souveräne Routine wiedergefunden zu haben, als die Wettfahrtleitung das spannende Rennen abschoss: Das Windlimit war gerade mal um einen knappen Knoten überschritten. Dennoch blieb den Offiziellen keine Wahl – die erbarmungslosen Sicherheitsregeln griffen, obwohl alle Beobachter bestätigten, was Co-Kommentator Ken Read aussprach: "Die Bedingungen sind doch ideal." Die Wettfahrtleitung machte dem Segel-Thriller dem Reglement folgend ein Ende.

ACEA / Gilles Martin-Raget Der Tag gehörte den amerikanischen Fans. Ganz rechts lugt Sir Ben Ainlsie ins Bild

Die Rennen neun und zehn wurden auf Sonntagabend deutscher Zeit vertagt. Mit ihrem erst zweiten Sieg in diesem 34. Duell um den America's Cup egalisierten die Amerikaner am Samstag ihre im Vorwege erhaltene Zwei-Punkte-Strafe. Ihre Aufholjagd beginnt nun bei null Punkten. Das Finale wird am Sonntag beim Zwischenstand von 6:0 für das Emirates Team New Zealand mit den nächsten beiden Rennen fortgesetzt. Die Kiwis benötigen noch drei Siege zum Gewinn der wichtigsten Trophäe des internationalen Segelsports. Die Amerikaner müssen noch neunmal gewinnen, wollen sie die verschnörkelte Silberkanne verteidigen.

Das Wort zum Sonntag kommt an diesem Wochenende von ZDF-Reporter Nils Kaben: "22.15 Uhr ist die neue Tatort-Zeit!" Es ist seine Verbeugung vor dem Spannungspotenzial der Cup-Rennen, die jeweils ab 22.15 Uhr im Internet und in vielen Ländern auch live im Fernsehen übertragen werden.


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