36. America's Cup

Die radikale Variante: Sir Ainslies Team tauft "Britannia"

Haben die Briten es dieses Mal drauf? Das Führungs-Duo mit dem historisch erfolgreichsten Olympiasegler und Erfolgs-CEO Grant Simmer soll den Durchbruch bringen

Tatjana Pokorny am 04.10.2019
Infos Team UK
Ineos Team UK

Mit diesem künstlerisch starken Bild hatten die Briten die Taufe von "Britannia" in Plymouth vielversprechend angekündigt

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Die neue "Britannia" kurz vor ihrer Taufe

So klassisch ihr Name "Britannia" ist, so radikal sind ihre Linien: Die Reaktionen auf die Taufe der Briten am Freitagmittag in Portsmouth ließen nicht lange auf sich warten. Die erste der beiden Cup-Yachten von Sir Ben Ainslies Ineos Team UK sorgte nicht nur in England für viel Aufmerksamkeit. Mit ihrem extrem aerodynamisch geformten Bug ist die AC75-Yacht keine klassische Segel-Schönheit, aber – so formulierte es ein Fan: "Sie wird schön sein, wenn sie schnell ist." In einem weiteren Facebook-Kommentar heißt es: "Das ist keine Sie. Das ist ein Er. Darth." Verglichen werden die aggressiv wirkenden Linien mit der düster anmutenden Star-Wars-Hauptfigur Darth Vader. Die Briten-Yacht setzt sichtbar auf aerodynamische Vorteile. Wie viele Zugeständnisse an die Hydrodynamik gemacht wurden, werden die ersten Tests auf dem Wasser zeigen.

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Julia Ratcliffe, Tochter von Teamgründer und Besitzer Jim Ratcliffe, taufte "Britannia" am 4. Oktober in Portsmouth. Sir Ben Ainslie schaut genau hin…

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Die Taufzeremonie der Briten in ihrem Hauptquartier in Portsmouth

Getauft hat das Boot am Freitagmittag Julia Ratcliffe, Tochter von Teamgründer und Eigentümer Jim Ratcliffe. Den Namen wählten die Engländer als Hommage an den britischen Rennkutter "Britannia", der wiederum seinen Namen in Anlehnung an das patriotische, 1740 von James Thomson geschriebene Lied "Rule Britannia!" erhalten hatte. Die ursprüngliche "Britannia" war 1893 für König Edward VII. gebaut worden. Später übernahm König George V die "Britannia" und verwandelte sie in eine J-Class-Rennyacht. In ihrer aktiven Regattazeit holte "Britannia" damals 231 Rennsiege und 129 Podiumsplätze.

Warum die Briten den klassischsten aller Namen für ihre neue Cup-Yacht wählten

Im Gegensatz zu ihrer historischen Vorgängerin ist die neue "Britannia" als wichtiger Baustein auf dem Weg zu genau einen Sieg entstanden: den im 36. America's Cup. In ihren ersten von zwei in diesem Cup-Zyklus erlaubten Neubauten hat das Ineos Team UK 90.000 Design- und 50.000 Konstruktionsstunden investiert – mehr als die anderen drei großen Teams, die ihre Weltpremieren bereits hinter sich haben. Chefdesigner Nick Holroyd, der 18 Jahre in Diensten des Emirates Team New Zealand stand und bei der letzten Cup-Auflage für Team Japan im Einsatz war, beschreibt die Komplexität der Herausforderung: "Diese AC75-Yacht ist der erste foilende Einrumpfer seiner Größe. Sie ist anders als alles, was wir bislang auf dem Wasser erlebt haben. Das Ganze ist extrem ambitioniert und ergibt einen ganz neuen Bootstypen. Angesichts von nur 18 Monaten Design- und Bauzeit haben sich eine ganze Reihe von Herausforderungen ergeben, doch genau das ist es, was den Cup so aufregend macht."

Rückblicke, Einblicke, Ausblicke

Beteiligt an der Entstehung war auch der erfahrene und in der Vergangenheit mit Team Alinghi siegreiche Cup-Designer Rolf Vrolijk, der in Portsmouth sagte: "Unser Boot ist sicher am extremsten in die Box-Regel reingezeichnet. Insgesamt sehen wir zwei Tendenzen: Wir sind eher den Amerikanern ähnlich, die Italiener eher den Neuseeländern. Klar ist, dass alle Konzepte vor dem baldigen Beginn des Baus der zweiten Yacht noch nicht ausgereift sind, wir aber durch die verspätete Lieferung der Foil-Arme einige Zeit verloren haben. Viel Zeit bleibt jetzt nicht mehr vor Baubeginn der zweiten Yacht."

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Hier geht die "Britannia" erstmals zu Wasser

"Britannia" besteht aus 25.000 Einzelteilen und soll eine Top-Geschwindigkeit von rund 50 Knoten (92,6 Stundenkilometer) erreichen. Inklusive Bugspriet ist das Geschoss 22,76 Meter lang. Ohne Bugspriet kommt es noch auf 20,70 Meter. Die maximale Breite beträgt fünf Meter. "Britannia" wiegt knapp sechseinhalb Tonnen, ihr Rumpf besteht aus Kohlefaser. Sie wird von elf Seglern angetrieben, deren Gesamtgewicht 990 Kilogramm nicht überschreiten darf. Die Crew wird umgehend mit ersten Tests beginnen und dann für weitere Winter-Trainingseinsätze nach Sardinien umsiedeln, wo vom 23. bis zum 26. April 2020 die erste Regatta der America's-Cup-World-Serie stattfindet.

Heimatverein der britischen Herausforderer ist die Royal Yacht Squadron. Geführt wird das Team sportlich vom viermaligen Olympiasieger Sir Ben Ainslie und in der Landorganisation von CEO Grant Simmer. Der Australier war schon im Cup-Einsatz, als seine Landsleute den America's Cup 1983 mit der radikalen "Australia 2" gewonnen und damit die 132-jährige Siegphase der Amerikaner beendet haben. Grant Simmer hat den America's Cup außerdem mit "Alinghi" in den Jahren 2003 und 2007 sowie mit dem Oracle Team USA 2013 gewonnen. Damals war auch Ainslie mit von der Siegerpartie. Doch der will sein wichtigstes Ziel erst noch erreichen: den Sieg im America's Cup unter britischer Flagge. Den Grundstein dazu soll die heute getaufte "Britannia" legen.

Tatjana Pokorny am 04.10.2019

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