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Der 36. America's Cup: Chancen-Check mit Martin Fischer

Der deutsche Physiker und Foil-Experte ist Co-Design-Koordinator der Herausforderer. Im Interview spricht er über Cup-Chancen, Lernprozesse und Regellücken

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 09.03.2021
Martin Fischer Martin Fischer Martin Fischer

Studio Borlenghi | COR 36 Martin Fischer

Mit Martin Fischer kämpft ab 10. März im 36. Match um den America’s Cup an Land auch ein kluger deutscher Kopf um die wichtigste Trophäe des internationalen Segelsports. Der in Celle geborene Physiker, Designer und Foil-Könner ist für Patrizio Bertellis Luna Rossa Orada Pirelli Team im Einsatz. Als graue Eminenz mit Einstein-Einschlag zählt der in Nicht-Cup-Zeiten mit seiner Frau in Neukaledonien lebende 58-Jährige zu den Mitgestaltern der aktuellen Cup-Ära und ist auch als ausgewiesener Regel-Experte der Azzurri im gefragten Dauer-Einsatz. 

Studio Borlenghi | COR 36 Italienische Hoffnungsträgerin in Neuseeland: "Luna Rossa" vor der Kulisse Aucklands

Herr Fischer, am 10. März beginnt vor Auckland in Neuseeland das 36. Match um den America’s Cup. Ihr Luna Rossa Prada Pirelli Team fordert die neuseeländischen Cup-Verteidiger heraus. Wir stehen die Chancen für einen italienischen Sieg und die Rückkehr der Silberkanne nach Europa?

Studio Borlenghi | COR 36 Martin Fischer

Ich denke, dass wir durchaus Chancen haben. Ich würde sagen, die stehen halbe-halbe. Es ist kein Geheimnis mehr, dass ich unsere Stärken besonders in leichteren Winden sehe. Bei mehr Wind sehe ich Team New Zealand vorne. Unsererseits ist es ein bewusst gewählter Windbereich. Wir haben stündliche Wind- und Wetterdaten über 30 Jahre studiert und das Konzept in Anlehnung an die Wahrscheinlichkeitsverteilungen bewusst so ausgelegt. Du kannst kein Boot zeichnen, das bei allen Windgeschwindigkeiten überlegen ist. Wir haben uns positioniert. Und wir haben den Eindruck, dass die Neuseeländer sich etwas höher positioniert haben.

Was Verteidiger und Herausforderer vor dem 36. Match um den America's Cup zu sagen hatten: Neuseelands Steuermann Peter Burling und "Luna Rossa"-Skipper Max Sirena beantworten die wichtigsten Fragen

Wie die Briten, die das Finale der Herausforderrunde gegen Ihr Team verloren haben? 

Die waren bei wenig Wind klar langsamer. Bei mehr Wind waren sie durchaus konkurrenzfähig. Die ersten beiden Rennen (Red.: im Herausfordererfinale um den Prada Cup) hätten auch anders ausgehen können. Da sind wir schlicht besser gesegelt. Unsere Leute haben es perfekt gemacht.

Haben die Segler heute noch so viel Einfluss aufs Design der AC75-Entwürfe wie früher? 

Mit dem Design selbst haben sie eher wenig zu tun. Was aber intensiv mit ihnen besprochen wird, sind die Windbereiche. Wir beschäftigen uns mit den Statistiken, bereiten die Daten auf, zeigen ihnen das und diskutieren es. Viel Feedback kam im Entscheidungsprozess beim Design des Ruders. Jeder will es so klein wie möglich haben, weil es bremst. Aber es muss groß genug sein, um das Boot sauber steuern zu können. Solche Sachen werden mit den Seglern besprochen. Wir hatten Ruder verschiedener Größen. Da hilft bei der Entscheidung das Feeback der Segler sehr. Gleiches gilt für die Foil-Größen. Das muss man ausprobieren.

Studio Borlenghi | COR 36 Martin Fischer bei der Arbeit für die Azzurri

Die Foils Ihres Teams sind größer und angewinkelter als die der Neuseeländer. Hängt das auch mit der Rumpfform zusammen oder folgen die Foils einer eigenen Philosophie? 

Mit der Rumpfform haben die Foils nicht viel zu tun. Da gibt es andere Ansatzpunkte. Wir wissen noch nicht recht, wer Recht hat. Das wissen wir voraussichtlich gegen Ende der Woche. Es gibt für beide Lösungen gute Gründe. Rein theoretisch sieht es so aus, als würde das angewinkelte Foil mehr Vorteile bieten. Es ist aber schwieriger zu segeln und anfällig gegen sogenannte Ventilation. Am Ende liegen beide Lösungen recht eng beeinander. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass es eine philosophische Frage ist. Es hat auch mit den Seglern zu tun und der Frage, was sie bevorzugen.

Studio Borlenghi | COR 36 "Luna Rossa" in radikal-schöner Schwarz-Weiß-Ansicht

Studio Borlenghi | COR 36 Der Stolz der Italiener aus ungewöhnlicher Perspektive: "Luna Rossa" von unten betrachtet

Größer sind die Unterschiede bei den Oberflächen Ihrer und der Foils der Neuseeländer…

Ja, da bestehen zwischen uns und den Neuseeländern erhebliche Unterschiede. Mit größeren Foils ist man bei weniger Wind etwas im Vorteil, wie sie mehr Kraft pro Quadratmeter erzeugen. Und du stürzt mit kleineren Foils schneller ab. Grundsätzlich hast du mit größeren Foils bei geringeren Winden einen kleinen Vorteil. Und mit geringeren Geschwindigkeiten sind immer noch 28, 30 Knoten gemeint, mit höheren eher so um die 40 Knoten.

Glauben Sie, dass im Cup-Duell Code Zeros zum Einsatz kommen werden? 

Das halte ich eher für unwahrscheinlich. Sobald du fliegst, bremsen die. Sie sind einfach zu groß. Sie könnten helfen, um auf die Flügel zu kommen. Aber ihr Einsatzradius ist zu klein. Sagen wir, wir hätten zum Abheben eine Mindestgeschwindigkeit von 6.5 Knoten – den genauen Wert kann ich nicht sagen – dann würde der Code Zero nur sehr kurz in einem extrem kleinen Windbereich Sinn machen. Dann hat man schon genug Wind. Aber du kannst ihn dann so schnell gar nicht einrollen, wie du ihn nicht mehr brauchst. Du kannst ja nicht bei 30 Knoten jemand nach vorne schicken, um den wegzunehmen. Das ist unrealistisch.

Sie müssen es wissen: Welche Wichtigkeiten nehmen Hydrodynamik und Aerodynamik bei der Entwicklung einer AC75-Cup-Yacht prozentual zueinander ein? 

Ich würde sagen: 50:50. Die Aerodynamik ist genauso wichtig wie die Hydrodynamik. Die Foils sind schon auch enorm wichtig. Wenn du da einen kleinen Vorteil rausholen kannst, gewinnst du sofort einen halben Knoten oder mehr an Speed.

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    Lesen Sie hier Teil 2 des Interviews mit Martin Fischer

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