Regatta
America’s Cup: wie aus dem Segel-Lehrbuch

Die Rennen 3 und 4 des America’s-Cup-Finales waren Leckerbissen für Taktiker. Für Spannung sorgten sie jedoch nur jeweils eine Kreuz lang

  • Lars Bolle
 • Publiziert vor 2 Monaten
Team New Zealand in Luv, Luna Rossa in Lee. Es steht weiterhin unentschieden 2:2 Team New Zealand in Luv, Luna Rossa in Lee. Es steht weiterhin unentschieden 2:2 Team New Zealand in Luv, Luna Rossa in Lee. Es steht weiterhin unentschieden 2:2

COR 36 | Studio Borlenghi Team New Zealand in Luv, Luna Rossa in Lee. Es steht weiterhin unentschieden 2:2

Es steht nach vier Rennen 2:2, unentschieden zwischen Herausforderer Luna Rossa und Verteidiger Team New Zealand. Was sich nach den beiden Auftaktrennen schon angedeutet hatte, fand am zweiten Renntag Bestätigung: Die Starts entscheiden über Sieg und Niederlage in diesen leichtwindigen, beständigen Bedingungen.

Zwischen den Booten beider Teams gab es bei Wind zwischen acht und zehn Knoten nur marginale Geschwindigkeitsunterschiede. Experten machten einen leichten Vorteil der Italiener am Wind aus, sie konnten in manchen Situationen etwas höher segeln als die Neuseeländer, während diese über alle Kurse etwas schneller waren, was sich jedoch nur vor dem Wind bemerkbar machte. Für eine jeweilige Überlegenheit über den Gegner reichten diese Unterschiede jedoch nicht. Die Rennen wurden von den Taktikern entschieden im Zusammenspiel mit der Manöverausführung, also eher von den Seglern als von der Technik.

"Die Boote sind sehr ausgeglichen", sagte Peter Burling, Steuermann der Neuseeländer, nach den Wettfahrten, "das macht es interessant auf der seglerischen Seite." Francesco Bruni von den Italienern ergänzte: "Es gibt ein paar kleine Unterschiede, aber die sind so klein, dass ein Fehler reicht, um ein Rennen zu entscheiden."

Auch die kommenden Tage versprechen spannend zu werden. Ab jetzt werden jeden Tag zwei Rennen gesegelt, bis ein Sieger feststeht, also ein Team sieben Mal gewonnen hat. Für die kommenden zwei bis drei Tage sind auch wieder eher schwachwindige Bedingungen angesagt, in denen sich offenbar beide Teams wohl fühlen.

Angesprochen auf einen vermeintlichen leichten Vorteil der Italiener, der sie in die Rolle des Favoriten versetzen könnte, sagte Jimmy Spithill: "Ich sehe uns immer noch in der Rolle des Schwächeren. Die Neuseeländer segeln auf ihrem Heimatrevier und haben hier auch eine enorme Unterstützung ihrer Fans."

Rennen 3

Beide Boote sind bei null an der Linie mit Wind von Steuerbord, die Italiener in Luv, Neuseeland in Lee. Jimmy Spithill, dem australischen Co-Steuermann der Italiener, der auf diesem Bug am Rad steht, gelingt es, einen ausreichenden Abstand nach Lee zu den Neuseeländern zu wahren. Es ist genau das, was schon jedes Kind beim Regattatraining von seinem Coach eingebläut bekommt: am Start möglichst geringen Abstand zum Gegner in Luv, möglichst viel zum Gegner in Lee. Denn ist der Abstand nach Luv gering, wird es dem luvwärtigen Boot kaum gelingen, diese Position zu halten. Es wird an das leewärtige Boot herangesaugt, verliert Fahrt, muss wegwenden oder hinter dieses abtauchen. Dieses Phänomen sollte im zweiten Tagesrennen zu sehen sein. Damit einem selbst das nicht passiert, muss der Abstand nach Lee groß sein.

America's Cup/Youtube Beim Erreichen der linken Kursbegrenzung liegen beide gleichauf, die Italiener gut separiert von den Neuseeländern in Luv

Das italienische Boot kann sich bis zum Erreichen der linken Kursbegrenzung in Luv der Italiener behaupten. Diese müssen wegen der Begrenzung wenden, haben dabei Wegerecht. Spithill gelingt es im Zusammenspiel mit seinem Pendant auf der Backbordseite des Bootes, dem Italiener Francesco Bruni, die eigene Wende so lange herauszuzögern und so perfekt auszuführen, dass das italienische Boot nach dem Manöver in ebenjener Position liegt wie eingangs beschrieben: dicht am Gegner in Luv, und sogar leicht voraus.

America's Cup/Youtube Die Italiener unterwenden die Neuseeländer in Lee

Die Italiener können in den sogenannten High-Mode wechseln, bei dem sie zwar etwas langsamer, dafür höher segeln. Die Neuseeländer können sich nicht in Luv halten, sacken immer weiter auf die Italiener, die unter ihnen hinausziehen. Die Neuseeländer müssen hinter den Italienern abtauchen, in deren gestörte Abwinde hinein. Es ist die Entscheidung in diesem Rennen. Die Italiener bauen die Führung aus und geben sie bis ins Ziel nicht mehr ab.

America's Cup/Youtube Die Neuseeländer können sich nicht halten und sacken nach Lee

Francesco Bruni sagte nach der Wettfahrt: "Es war eng. Da geht es um zwei, drei Sekunden. Man muss genau den richtigen Augenblick für die Wende erwischen und diese perfekt ausführen. Jimmy (Spithill) hat am Start einen hervorragenden Job gemacht, als er uns so positionierte, dass es bis zur Begrenzung gereicht hat."

Rennen 4

Der Start war wie eine Kopie des vorherigen, jedoch mit anderem Ausgang. Wieder liegen die Neuseeländer mit Wind von Steuerbord in Lee, die Italiener in Luv – diesmal jedoch zu dicht an den Neuseeländern. Ursache dafür ist das Verhalten der Neuseeländer. Sie fallen kurzzeitig von den Foils, ob gewollt oder nicht, lässt sich nicht feststellen, segeln im sogenannten Skimming-Modus, bei dem der untere Teil des Rumpfes sich im Wasser befindet, das Boot jedoch noch nicht völlig abgesackt ist. In diesem Modus sind sie langsam. Die Italiener jedoch kommen voll foilend von hinten und fahren auf die Neuseeländer auf. Die Zeit bis zum Start reicht nicht mehr, um hinter diesen durchzugehen und eine Leeposition zu ihnen einzunehmen. Sie entscheiden sich für die Luvposition, liegen aber zu dicht auf den Neuseeländern.

America's Cup/Youtube 37 Sekunden vor dem Start sind die Neuseeländer von den Foils, langsam, die Italiener schießen auf sie zu

America's Cup/Youtube Am Start sind beide zwar gleichauf, aber die Italiener zu dicht an den Neuseeländern in Lee

Diese drehen den Spieß um, gehen sofort nach dem Start in den High Mode, "quetschen" die Italiener in Luv ab, diese sacken auf die Neuseeländer und müssen mit weniger Speed im Boot wegwenden. Das gibt den Neuseeländern den entscheidenden Vorsprung von etwa 50 Metern, der ausreicht, um bis zum Luvtor nicht in Wegerechtssituationen mit den Italienern verwickelt zu werden und diese lose kontrollieren zu können.

America's Cup/Youtube Die Italiener sacken auf die Neuseeländer und müssen wegwenden

Nach dem Vormwindgang, kurz vor dem Leetor, liegen die Italiener nur etwa 170 Meter zurück, befinden sich also noch in Schlagdistanz. Bei der letzten Halse auf das Leetor, mit der sie den sogenannten Split erzeugen wollen, also einen Gegenkurs zum Gegner, welchen man als zurückliegendes Boot ohne Speedvorteil immer suchen sollte, wird der Foil auf der neuen Leeseite jedoch fehlbedient. Er ist noch nicht vollständig in seiner tiefsten Position, als der Lastwechsel von einem Bug auf den anderen erfolgt, das Boot legt sich nach Lee, der Auslegerarm zieht kurz durch das Wasser und erzeugt viel Widerstand. Die Motoren schaffen es nur langsam, gegen den Druck des Foils den Foilarm in die optimale Position zu bringen. Insgesamt geht so viel Fahrt verloren, dass die Neuseeländer auf über 400 Meter davonziehen – die endgültige Entscheidung. Die Fehlbedienung des Foils nimmt Bruni auf seine Kappe: "Ich habe den Knopf verfehlt."


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Themen: America's Cup

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