Regatta
America's Cup: Start heute Nacht; Italiener chancenlos?

Das Auftaktmatch des 36. America's Cup startet in der Nacht auf Mittwoch. Die Chancen der Italiener gegen die Neuseeländer scheinen gering

  • Lars Bolle
 • Publiziert vor 2 Monaten
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COR 36 | Carlo Borlenghi .

Beim America's Cup ist es so einfach wie bei fast jeder anderen Regatta auch: Mit dem schnellsten Boot hat man die größten Siegchancen. Zwar ist Geschwindigkeit kein Sieggarant, mit einem langsamen Boot hat aber wohl nur äußerst selten und dann auch nur glücklich jemand gewonnen.

Stellt sich also die Frage, wer das schnellere Boot hat, Herausforderer Luna Rossa oder Verteidiger Team New Zealand. Sie treffen in der kommenden Nacht, oder besser am frühen Morgen um 4.15 Uhr, zum ersten Mal im America's-Cup-Finale aufeinander. Zwar gab es schon Begegnungen beim Christmas Race vor Weihnachten, aber seitdem ist viel passiert.

Luna Rossa musste sich durch die Ausscheidung der Herausforderer, den Prada Cup, kämpfen, besiegte zuletzt im Finale überlegen die Briten. Diese Überlegenheit lässt viele Cup-Beobachter eine Stärke der Italiener bei leichtem Wind bis etwa zehn Knoten vermuten. "Ich glaube, die Neuseeländer sind nervös geworden", sagt etwa Konstrukteur Rolf Vrolijk, der das britische Team beriet.

Naturgemäß wollen die Neuseeländer aber solcherlei angebliche Schwächen nicht eingestehen. Auf der abschließenden Pressekonferenz sagte Steuermann Peter Burling: "Es gibt viele Bedingungen, unter denen ich relativ zuversichtlich bin, dass wir ein schnelleres Boot haben." Speziell auf die Leichtwindstärke der Italiener angesprochen, entgegnete der 30-Jährige: "Es gibt offensichtlich viele Bedingungen, unter denen sich Luna Rossa als sehr stark erwiesen hat, insbesondere gegen einige der anderen Herausforderer. Aber viele davon waren Bereiche, in denen wir in den letzten Jahren einige ziemlich große Fortschritte gemacht haben. Es war eine ziemlich gute Entwicklungsphase für uns als Team, wir freuen uns sehr darauf, in dieses erste Rennen einzusteigen."

Doch auch die Gegenseite ließ sich nicht in die Karten schauen. "Wir wissen nicht viel über die tatsächliche Geschwindigkeit der Boote, wir können nur raten", sagte Patrizio Bertelli, Chef des italienischen Syndikats. "Viel wird von den Windverhältnissen, Winddrehern und dergleichen abhängen. Man kann sich in einem Finale nie ganz sicher sein."

Vieles spricht jedoch insgesamt für eine Überlegenheit der Neuseeländer. Das sehen momentan auch die Buchmacher so. Beim Wettanbieter Betfair etwa gibt es für 100 Euro auf Sieg Neuseeland 137 Euro zurück; wer dagegen 100 Euro auf die Italiener setzt, bekommt 240 zurück.

Wie stark sind die Neuseeländer?

Die Neuseeländer haben das Segeln auf Foils perfektioniert sowie die Art und Weise, wie dieses entwickelt wird. So ließen sie zuletzt etwas den Vorhang ihrer Forschungsabteilung fallen und enthüllten ihren Segelroboter, eine Art künstlicher Intelligenz, mit welcher sich angeblich die Testzyklen für Veränderungen am Material oder an Manöverabläufen von Tagen auf Stunden verkürzen ließ, womit mehr Versuchsreihen möglich geworden seien.

Team New Zealand stellen den KI-Bot vor

Für einen Techologievorteil bei der Foilentwicklung sowie beim Doppelmembran-Segel spricht auch die Größe der Foils bei den Neuseeländern. Ihre Hauptfoils sind etwa 20 Prozent kleiner als die der Italiener, auch der sogenannte Elevator, der T-Foil am Ruderblatt, ist kleiner. Je kleiner ein Foil, desto weniger Widerstand erzeugt er, was immer wichtiger wird, je schneller die Boote segeln. Mit einem kleinen Foil gestaltet sich jedoch das Abheben schwieriger, da mit der geringeren Fläche normalerweise auch weniger Lift bei geringen Geschwindigkeiten erzeugt werden kann.

COR 36 | Carlo Borlenghi Peter Burling, Steuermann der Neuseeländer

Offenbar gelingt es den Neuseeländern jedoch, mit dem Doppelmembransegel so viel Druck auch bei geringem Speed zu erzeugen, dass es für das Abheben reicht. Dafür ist in der Regel ein tiefes, bauchiges Profil im Segel nötig. Dieses herzustellen ist nicht schwierig, es geht vielmehr darum, das Profil sofort nach dem Abheben flach einstellen zu können. Denn dann wird viel weniger Profil benötigt, ein tiefes Segel dagegen hat mehr Widerstand. Diese Verstellungen schnell und fließend vornehmen zu können ist die große Kunst bei dem neuartigen Segeldesign.

Die Stärken von Peter Burling liegen zudem darin, das Boot schnell segeln zu können. Zusammen mit Blair Tuke, der die Foils trimmt, ist Burling Weltmeister und Olympiasieger im 49er, beide waren das klar dominierende Team der letzten Jahre. Mit ihrer Erfahrung in dieser Hochgeschwindigkeits-Skiff-Klasse sind beide mit dem Speed-Segeln sehr vertraut, haben es von Grund auf, schon in ihrer Jugend, gelernt. Spithill und Bruni bei den Italienern dagegen nicht, sie kommen eher vom klassischen Segeln. Burling wird aller Voraussicht nach also versuchen, sich am Start aus allen Duellsituationen herauszuhalten. Denn liegen die Neuseeländer beim ersten Aufeinandertreffen an Wind vorn, dem sogenannten First Cross, dürften sie kaum noch einzuholen sein.

Wie stark sind die Italiener?

COR 36 | Carlo Borlenghi Max Sirena, Teamchef der Italiener

Die größten Chancen der Italiener dürften bei leichtem Wind liegen, und sie müssen ihren Vorteil beim Start suchen. Sollte es ihnen gelingen, die Neuseeländer am Start zu kontrollieren, könnte es für diese schwierig werden zu passieren. Das zeigten die Rennen des Prada-Cup-Finales gegen die Briten. Dem Steuermannsduo Jimmy Spithill (Australien) und Francesco Bruni (Italien) gelang es häufiger, ihr Pendant Ben Ainslie auf dem britischen Boot am Start zu düpieren. Die Briten konnten sich danach fast nie aus der Kontrolle befreien. Dazu tragen auch die engen Kurse dieses Cups mit ihren Begrenzungen bei. Sie zwingen zu drei bis vier Wenden pro Kreuz, einen Geschwindigkeitsvorteil kann ein Team so nur begrenzt ausspielen, weil es eben nicht gelingt, auf einem langen Schlag dem Gegner einfach davonzusegeln – was ja auch einer der Gründe für diese Kursgestaltung ist. Spithill gilt als ausgezeichneter Starter und sehr unangenehmer Gegner in engen Wenden- und Halsenduellen, auch Bruni ist ein sehr erfahrener Match-Racer. Es wäre sehr überraschend, würden sie nicht versuchen, die Neuseeländer besonders am Start unter Druck zu setzen.

Wo kann man die Rennen sehen?

Beide Teams scheinen also ihre Chancen zu haben, das andere schlagen zu können. Bleibt zu hoffen, dass beide sie nutzen, im Sinne spannender und möglichst vieler Rennen. Sieben Siege benötigt ein Team, um den America's Cup zu gewinnen. Zweimal segeln die Teams am Mittwoch gegeneinander, es ist Wind zwischen 12 und 17 Knoten vorhergesagt. Nach einem Ruhetag geht es dann ab Freitag jeden Tag mit zwei Rennen weiter. Gibt es keine weiteren Verschiebungen wegen zu viel oder zu wenig Wind oder erneut erhöhter Corona-Warnstufe, könnte der Sieger bereits am Sonntag feststehen, spätestens jedoch am Mittwoch kommender Woche.

Alle Wettfahrten werden live kostenlos übertragen und sind auf der  Cup-Webseite , auf  Youtube  sowie  Facebook  zu verfolgen. Für Mobilgeräte ist keine Extra-App erforderlich. Die Wiederholungen sollen direkt nach Ende jeder Wettfahrt auf diesen Kanälen bereitgestellt werden.


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Themen: America's Cup

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