Regatta
America's Cup: Kiwis in Siegerlaune, Briten am Abgrund

Es hat nur drei Renntage gedauert, bis die ersten Sieger in diesem 36. Cup-Zyklus feiern durften: Die neuseeländischen Verteidiger bleiben das Maß der Dinge

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 19.12.2020
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COR 36 / Studio Borlenghi Christmas Race

Die einen baden in Champagner, die anderen in Spott, Mitleid und Verärgerung: Beim Vorspiel zum America's Cup vor Auckland haben sich die Favoriten aus Neuseeland durchgesetzt. Das Emirates Team New Zealand segelte am Samstag mit Steuermann Peter Burling zum 5:1-Sieg bei der dreitägigen Prada-ACWS-Auckland-Regatta. Die Kiwis nutzten das erste Kräftemessen in Folge der zuvor Corona-bedingt sämtlich abgesagten Vorregatten der Weltserie zur Muskelschau. Die eine erlittene Niederlage am ersten Tag gegen American Magic steckten die Gastgeber lässig weg und zeigten einmal mehr, was im Kampf um die Silberkanne Trumpf ist: ein schnelles Boot und wenig Handling-Fehler im Umgang mit den neuen, ganz offensichtlich sehr anspruchsvoll zu segelnden Einrumpf-Prototypen der AC75-Klasse. Was nicht hilft, zeigten die Briten: Ihr Boot wirkt flügellahm und erinnert viele Beobachter an die frustrierende Zeit des Teams um Skipper Sir Ben Ainslie 2017 vor Bermuda. Schon beim 35. America's Cup war die Mannschaft mit zu langsamem Boot chancenlos. Nun steht sie vier Wochen vor Beginn der Herausfordererrunde ab 15. Januar mit sechs teilweise erbarmungswürdigen Niederlagen in Folge erneut am America's-Cup-Abgrund.

COR 36 / Studio Borlenghi Hatte auch den italienischen "Challenger of Record" im Griff: das Emirates Team New Zealand

Die erste und einzige Regatta der Prada-America's-Cup-Weltserie hat über diese beiden Plus- und Minuspole hinaus gezeigt, dass die anderen zwei Herausforderer – das italienische Luna Rossa Prada Pirelli Team als Challenger of Record, der an den Regeln mitgewirkt und dadurch in der Design-Entwicklungsarbeit durchaus Vorteile hatte, und Terry Hutchinsons Team American Magic mit dem in seinem Heimatrevier auf einer amerikanischen Cup-Yacht auffällig stark agierenden neuseeländischen Steuermann Dean Barker – zumindest gutes Potenzial vorzuweisen haben. Das letzte Rennen dieser ersten Serie darf stellvertretend für das aktuelle Bild stehen: Die Kiwis besiegten die am Ende hinter den Amerikanern (4:2) drittplatzierten Italiener (3:3) mit 16 Sekunden Vorsprung im Ziel, ließen die Champagnerkorken knallen und ihre Fans im schönsten Sommerwetter jubeln. Kein Sieg war den Briten vergönnt, die sich zwar in einigen Startphasen aggressiv zeigten, aber schon am ersten Tag für das passende Symbolbild zur fast verzweifelten Lage gesorgt hatten, als "Britannia" von zwei Begleitbooten mit größter Vorsicht in den Hafen bugsiert werden musste.

Am Samstag fielen die ersten Entscheidungen beim Vorspiel im Revier von Auckland. Für die Sieger gab es am Ende die verdiente Champagnerdusche

Vor dem eintägigen Prada Weihnachtsrennen am Sonntag, in dem die Kiwis im Halbfinale mit den Briten kurzen Prozess machen dürften, während es in der Begegnung zwischen den Amerikanern und den Italienern zur Sache gehen könnte, hat erstaunlicherweise das britische Team am Samstag mit 43,3 Knoten die höchste Geschwindigkeit des Tages erreicht. Die neuseeländische "Te Rehutai" kam der Leistung mit 42,6 Knoten nah. "Luna Rossa" erreichte einen Top-Speed von 41,2 Knoten, Patriot 37,5 Knoten.

Sailing Energy / Martinez / American Magic Gruppenbild der Skipper Jimmy Spithill, Peter Burling, Dean Barker, Sir Ben Ainslie (v.l.n.r.)

COR 36 / Studio Borlenghi Es läuft gut für die Cup-Verteidiger, wie man am Gesichtsausdruck von Steuermann Peter Burling unschwer erkennen kann

In der Pressekonferenz nach dem Rennen ordnete 49er-Olympiasieger und Cup-Verteidiger Peter Burling die Samstag-Rennen in leichten Winden ein: "Heute haben wir uns am unteren Ende des Windbereichs bewegt, auf den wir uns zum Segeln geeinigt haben. Wir haben wirklich große Gewinne und Verluste beobachten können, was die Rennen schwierig gemacht hat. Wir haben diese Herausforderung echt genossen. Und es hat uns umgehauen, wie viele Kiwis heute aufgekreuzt sind, um uns zu sehen, und wie viele Boote sich um den Regattakurs herum versammelt haben."

Über das Steuern im Wechsel mit Francesco Bruni und die Tagesleistung seines Luna Rossa Prada Pirelli Teams sagte Jimmy Spithill: "Es war heute ein bisschen löchrig. Bei jedem Start hatte der Wind die notwendige Stärke, aber auf dem Kurs war das nicht immer so. Die Jungs, die das besser gelöst haben, haben das Rennen gewonnen. Francesco und ich diskutieren die Strategie vor dem Start. Es gibt bestimmte Zeiten, in denen du der Steuermann bist und die Entscheidungen triffst und der andere sich um das Trimmen der Foils kümmert. Dieser Prozess macht Spaß. Es ist etwas ganz Neues, das es so im America's Cup noch nie gab. Es ist also eine echt coole Erfahrung. Und es hat sich gut angefühlt, beide Male gut von der Linie wegzukommen."

Wie schnell das schöne Spiel auf den Foils in Leichtwindrennen aus sein kann, beschrieb "American Magic"-Steuermann Dean Barker, dessen Team den Kiwis das Leben am Samstag mit starkem Start schwer machte, bevor "Patriot" in den flauen Bedingungen von den Foils fiel: "Es war schön, anfangs einen kleinen Vorteil gegenüber den Kiwis zu haben, aber wenn du von den Foils fällst, dass ist das Spiel aus. Diese Boote sind am unteren Windende fordernd." Sir Ben Ainslie hat sich vermutlich heimlich gewünscht, mit seinem Team auch nur annähernd auf dem Niveau der anderen Herausforderer agieren zu können. Doch davon scheinen die Briten aktuell weiter entfernt als je zuvor in den knapp 170 Jahren der Cup-Geschichte, in denen sie "ihre" Trophäe selbst noch nie gewinnen konnten. Am Ende dreier demoralisierender Tage war der viermalige Olympiasieger und America's-Cup-Sieger von 2013 (damals mit Larry Ellissons Oracle Team USA) genötigt, tapfer gute Miene zum deprimierenden Spiel zu machen und die Gegner zu loben: "Die anderen drei Teams machen einen besseren Job als wir. Heute sind alle Boote mal gestoppt. Manche öfter als andere." Mit dem letzten galgenhumorigen Satz brachte Ainslie die kleine Presseschaar in Auckland und die Zuschauer an den Bildschirmen zum Lachen, auch wenn ihm selbst eher zum Heulen zumute sein dürfte.

Ben C Gregory / Ineos Team UK Waren bislang selten so rasant unterwegs wie sie auf diesem Bild wirken: "Britannia" und das Ineos Team UK

Die brennende Frage aller Beobachter, ob der König der Olympiasegler noch eine Chance für entscheidende Verbesserungen sieht, beantwortete der 43-Jährige so: "Wir wollen wettbewerbsfähiger sein als wir es momentan sind. Wir bewegen uns im Top-Bereich von Spitzentechnologie. Alle Teams haben fantastische Designer, Ingenieure und wir sind momentan nicht da, wo wir sein müssen. Aber das ist der Grund, warum wir uns in dieser Arena messen wollen: Wir wollen uns selbst im Kampf mit den Besten antreiben, wir müssen lernen, verstehen, entwickeln und diesen Sprung machen. Es gibt eine Reihe von Schlüsselbereichen, in denen uns ein bisschen was fehlt. Dieses Event ist für uns tatsächlich mehr als eine unglaubliche Gelegenheit, uns mit diesen Teams zu messen und zu erkennen 'Okay, wir haben ein paar ernsthafte Probleme'. Wir haben noch ein bisschen Zeit das umzudrehen und werden das Beste aus dieser Gelegenheit machen." Veränderungen am extremen und vieldiskutierten tiefgezogenen "Skeg"-Rumpf der "Britannia" bezeichnete Ainslie allerdings als kaum mehr möglich. Die Kommentare zur britischen Lage lasen sich in den sozialen Netzwerken entsprechend deutlich. Die aus seiner Sicht Mitschuldigen am Dilemma hatte Ainslie bereits vor einigen Tagen öffentlich ausgemacht, als er die neuseeländischen Cup-Verteidiger beschuldigte, wichtige technische Informationen über ein Schlüssel-Kontrollsystem zurückgehalten zu haben, das bei allen Booten im Rahmen der OneDesign-Bestimmungen installiert ist.

Ben C Gregory / Ineos Team UK Sir Ben Ainslie kommt nicht in Fahrt und hadert mit den Umständen


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Themen: America's CupAmerican MagicEmirates Team New ZealandIneos Team UKLuna Rossa Prada Pirelli TeamPeter BurlingSir Ben Ainslie

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