Regatta

America's Cup: from Zero to Hero für "Britannia"

Große Überraschung: Die Briten dominieren beide Gegner eindrucksvoll, gaben die Führung in beiden Auftaktrennen niemals ab

Lars Bolle am 15.01.2021
America's Cup
COR 36 / Studio Borlenghi

Am Start noch gleichauf: Ineos Team UK und American Magic

Der erste Qualifikationstag der Herausforderer hatte eine Überraschung parat. Der britische Herausforderer Ineos Team UK ist zurück im Spiel. Noch vor drei Wochen konnte das Team von Sir Ben Ainslie beim Christmas Race kein einziges Rennen gewinnen. In der Nacht gewann es dagegen beide Auftaktwettfahrten gegen American Magic und Luna Rossa auf beeindruckende Art.

Alles, was gewesen ist, scheint vergessen. Und ist auch unwesentlich. Denn erst jetzt gilt es, jetzt zählen die Ergebnisse. Der Prada Cup hat begonnen, in dem die drei Herausforderer aussegeln, wer gegen Verteidiger Team New Zealand antreten darf.

Die beiden ersten Rennen in der Wiederholung

Die Analyse von Ainslie nach den Rennen hört sich so einfach an, wie Segeln immer sein sollte: "Wir wollten gut starten, schnell segeln und die Winddreher ausnutzen." Das ist gelungen. Der Kurs vor Auckland hatte im ersten Rennen gegen die Amerikaner Wind zwischen 8 und 16 Knoten parat, im zweiten Rennen gegen die Italiener zwischen 16 und 22 Knoten. In beiden Begegnungen war die rechte Kursseite bevorteilt. Mit sehr guten Starts sicherte sich Ainslies Team Entscheidungsfreiheit und konnte auf jedem Bahnschenkel in jedem Rennen diese rechte Seite verteidigen und ausnutzen. Hinzu kam eine Bootsbedienung ohne große Fehler, was den jedes Mal früh zurückliegenden Gegnern keine Überholmöglichkeit ließ.

Beeindruckend war vor allem, dass es dem britischen Team offenbar gelungen ist, die drei Wochen Rennpause zu nutzen, um das Boot signifikant schneller zu machen. Ainslie ließ sich jedoch nicht in die Karten schauen: "Wir haben überall etwas geändert, an den Foils, am Elevator (Ruder) und wie wir die Systeme bedienen."

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Sir Ben Ainslie: Daumen hoch – das ist die Geste, die seine Fans von ihm sehen wollen

Ein paar Indizien lassen jedoch vorsichtige, detailliertere Rückschlüsse zu. Das britische Boot "Britannia II" segelte in beiden Rennen mit einer kleineren Genua als die Gegner. Das kann als Zeichen dafür gewertet werden, dass es insgesamt sehr gut gelingt, den nötigen Druck aufzubauen – ein sehr gutes Zeichen. Je kleiner die Genua, desto weniger trägt sie zum Vortrieb bei, hat jedoch auch weniger Widerstand. Der nötige Vortrieb muss also aus dem Großsegel kommen.

Offenbar wurde an der Konfiguration und Bedienung des Doppelmembran-Großsegels einiges geändert. Auffallend waren die vielen Windbändsel, mit denen das Segel ausgestattet ist. Normalerweise werden diese Segel nach vorgegebenen Werten, welche im Training ermittelt wurden, getrimmt, wozu es nur noch vereinzelter Windfäden zur Kontrolle bedarf. Wenn das britische Team in der Pause viel an diesem Segel geändert hat, sind diese Werte eventuell noch nicht abgespeichert, und die Crew muss sich, wie jeder Segler auch, auf die optische Rückmeldung der Windbändsel verlassen.

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Die britischen Fans waren begeistert

Für eine geänderte Großsegelkonfiguration sprechen auch die deutlich schnelleren und effektiveren Manöver. Noch vor drei Wochen war zu sehen, dass die Briten ihre Foils in Manövern am längsten im Wasser hatten und gerade nach Wenden sehr tief segeln mussten, um den Druck zu halten und das Boot auf Flughöhe zu belassen. Jetzt jedoch sahen die Wenden nicht nur deutlich aggressiver aus, das Luv-Foil kam auch sehr schnell aus dem Wasser, und das Boot musste kaum tiefer gesegelt werden.

Offenbar gelingt es jetzt besser, den Druck aus dem Großsegel von einem Bug auf den anderen zu transferieren, was viel damit zu tun hat, wie schnell die Wölbungstiefe der Doppelmembran verstellt werden kann. Vielleicht meinte Ainslie das mit den Worten "wie wir die Systeme bedienen".

Auch an den Foils wurden Änderungen vorgenommen. Offensichtlich war ein Farbwechsel von Rot auf Schwarz. Aber auch das Profil wurde geändert. Es gibt keine Spoiler oder Ahnliches mehr, außerdem scheinen die Trimmklappen kleiner als zuvor.

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Großer Vorsprung: Die Briten sind schon wieder auf dem Amwindkurs, während die Amerikaner noch zum Lee-Gate segeln

Das Team scheint zudem jetzt mehr Vertrauen in das Boot und die eigenen Stärken zu haben. Wieder ein Indiz dafür: Im zweiten Rennen ordnete Ainslie nach dem Vormwindgang bei der Rundung der linken Leemarke eine sofortige Rollwende an, um schnell auf die rechte Seite zu kommen. Diese wurde perfekt absolviert. Taktisch war es ein brillantes Manöver. Allerdings hätte sich die Crew dafür auch etwas mehr Zeit lassen können, der Vorsprung vor den Italienern war groß genug, um erst einmal nach der Rundung auf den Amwindkurs zu gehen, das Boot zu trimmen und dann zu wenden. Dass diese Rollwende, welche ein deutlich höheres Fehlerpotenzial birgt, gewagt wurde, ist ein klares Zeichen für großes Selbstvertrauen.

Die Euphorie der britischen Fangemeinde dämpfte Ainslie jedoch etwas. "Wir lieben diesen Windbereich und waren schnell. Jetzt liegt der Fokus auf dem Leichtwindbereich, da haben wir noch eine Menge zu tun." Dieser Bereich war auch beim Christmas Race der schwächste der Briten.

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Das Rennen gegen die Italiener war knapper, sie kamen jedoch nie in den Zweikampfmodus.

Nichtsdestotrotz startete Ainslie mit einem idealen Auftakt in die erste Round Robin. Davon werden vier gesegelt. Wie wichtig hier ein Sieg wäre, zeigt das britische Team. Der Sieger der Round Robin zieht direkt ins Finale der Herausforderer ein, während die beiden unterlegenen Teams nochmals gegeneinander antreten. Für den Sieger ergibt das eine Rennpause von drei Wochen. Und was in drei Wochen an Verbesserungen möglich ist, haben die Briten gezeigt.

Morgen segelt American Magic zuerst gegen Luna Rossa und dann gegen die Briten. Das erste Rennen startet um 3.00 Uhr deutscher Zeit. Es ist etwas weniger Wind vorhergesagt.
 

Lars Bolle am 15.01.2021

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