Regatta
America’s Cup: ein völlig verrückter Renntag

Was bisher galt, ist nicht mehr wahr: Führungswechsel, Geschwindigkeitsunterschiede und eine dramatische Entwicklung

  • Lars Bolle
 • Publiziert am 15.03.2021
Start zu Rennen 8, die Neuseeländer dicht in Luv der Italiener Start zu Rennen 8, die Neuseeländer dicht in Luv der Italiener Start zu Rennen 8, die Neuseeländer dicht in Luv der Italiener

ACE | Studio Borlenghi Start zu Rennen 8, die Neuseeländer dicht in Luv der Italiener

Die Wettfahrten 7 und 8 werden Cup-Fans wohl noch lange in Erinnerung bleiben – vor allem Nummer 8. Wer hätte jemals gedacht, dass ein Rennen, in dem das eine Team schon über 2500 Meter führt, noch spannend werden könnte?

Nicht mehr nur die Starts waren entscheidend für den Ausgang, beide Rennen wurden in ihrem jeweiligen Verlauf entschieden, jedoch auf völlig unterschiedliche Weise. Beide Male waren die Neuseeländer im Ziel vorn, führen jetzt mit 5:3 gegen die Italiener und benötigen noch zwei Siege, um den Cup zu verteidigen. Erstmals konnten sie auch ihren deutlichen Geschwindigkeitsvorteil auf dem Kurs in einen Führungswechsel umsetzen.

Rennen 7

Die Italiener starten besser in Luv der Neuseeländer. Peter Burling ist etwas zu früh dran mit dem neuseeländischen Boot, kann nicht vollen Speed fahren, wäre zu früh an der Leemarke. Direkt beim Signal sind die Italiener sieben Knoten schneller, rutschen in Luv der Neuseeländer vor, bis beide etwa parallel liegen.

America's Cup/Youtube Der Start zu Rennen 7: Die Italiener sind schneller

Burling luvt an, wie zuvor schon einmal Jimmy Spithill bei den Italienern, um diesen eine Strafe wegen zu späten Ausweichens anzuhängen oder diese sogar von den Foils zu holen. Doch die Italiener können sich behaupten, das Luvmanöver kostet die Neuseeländer Geschwindigkeit, die Italiener liegen in Luv voraus. Die nun fällige Wende wegen der Kursbegrenzung zementiert das Geschehen. Die Italiener können in Lee voraus der Neuseeländer wenden, diese liegen nur knapp über deren Kielwasser, sacken nach Lee. Es ist eigentlich eine hoffnungslose Position.

America's Cup/Youtube Die Neuseeländer liegen nach der Wende fast schon im Kielwasser der Italiener

Doch zum ersten Mal wird sehr deutlich, dass die Neuseeländer einen Geschwindigkeitsvorteil haben. Sie segeln deutlich tiefer als die Italiener, aber auch schneller und können sich so aus deren Abwinden befreien. In der Folge schaffen sie es, dass der Rückstand am Luvtor nur acht Sekunden beträgt.

Auf dem Vormwindgang können die Neuseeländer nicht aufholen, verlieren jedoch auch nicht, passieren das Leetor mit nur zehn Sekunden Rückstand. Dort fällt die Rennentscheidung. Die Italiener voraus entscheiden sich für eine Rundung der linken Marke und segeln auf die linke Kursseite. Auch die Neuseeländer runden links, rollen aber sofort in eine Wende und segeln auf die rechte Seite. Für die Neuseeländer ist es das logische Angriffsmanöver. Die Italiener reagieren nicht sofort mit einer Wende, es ist der entscheidende Fehler; sie hätten, rückwirkend betrachtet, sofort mitwenden sollen. Vielleicht waren sie vom Amwindkurs zuvor zu beeindruckt vom Speed der Neuseeländer und wollten nicht riskieren, dass diese ihnen in Lee herausfahren und stattdessen lieber auf einen Windvorteil setzen.

America's Cup/Youtube Die Neuseeländer wenden am Leetor sofort, die Italiener gehen nicht mit

"In solchen Situationen fällt die Entscheidung danach, wie der eigene Bootsspeed ist und was der Wind machen wird", sagte Italiens Co-Steuermann Jimmy Spithill. Offenbar spekulierte sein Team auf einen Linksdreher, der aber erst später kam. "Wir werden uns die Situation noch einmal ansehen und aus unseren Fehlern lernen."

Einmal aus der Kontrolle der Italiener entwichen, können die Neuseeländer ihren Geschwindigkeitsvorteil von fast zwei Knoten an Wind ausspielen, außerdem haben sie offenbar das Glück eines leichten Winddrehers nach rechts. Bei der nächsten Begegnung liegen sie knapp vorn, aber jetzt mit freiem Wind und Entscheidungsfreiheit und segeln den Italienern einfach davon. Auch vor dem Wind sind sie rund zwei Knoten schneller, im Ziel 58 Sekunden vorn. Es war eine sehr beeindruckende Vorstellung.

America's Cup/Youtube Die Neuseeländer können rechts einen Vorsprung ersegeln

Offenbar trug zum Speedvorteil bei, dass die Neuseeländer mit der Genua 3 ein kleineres Vorsegel gesetzt hatten als die Italiener mit der Genua 1.5. In der zweiten Rennhälfte erwies sich diese Entscheidung bei Wind bis etwa 12, 13 Knoten als richtig, da das kleinere Segel bei ausreichend Druck weniger Widerstand erzeugt.

America's Cup/Youtube Die Statistik des 7. Rennens: Die Neuseeländer waren schneller

Rennen 8

Die Italiener sind in Zugzwang. Sie bleiben bei der großen Genua, die Neuseeländer bei der kleineren. Offenbar sind die Wetterberater beider Teams unterschiedlicher Meinung, was die Windentwicklung im zweiten Tagesrennen betrifft. Die Italiener sollten richtig liegen, von rund zehn Knoten am Start wird der Wind bis auf knapp über sechs Knoten abflauen, was eine dramatische Entwicklung bewirken sollte. "Für die zweite Wettfahrt war es das falsche Segel", sagte Neuseelands Foil-Controller Blair Tuke.

Jimmy Spithill erklärt die Schwierigkeit bei der Entscheidung für die Segelwahl: "Man kann damit nicht bis zum Start warten, muss sich 15, spätestens zehn Minuten vor dem Start entscheiden. Man schaut, wie der Wind auf dem ersten Amwindkurs sein wird, weiter in die Zukunft kann man kaum sehen."

Dieses Mal starten die Neuseeländer in Luv der Italiener, beide mit vollem Speed und gleichauf. Offenbar wollten die Italiener links starten, um die linke Kursseite zu behaupten, die sich tatsächlich als besser erweisen sollte. Sofort legen sie ihren so genannten High Mode ein, mit dem sie höher, aber auch langsamer segeln. Die Neuseeländer reagieren sofort und wenden weg. Als kurz darauf die Italiener wenden, profitieren sie von einem Linksdreher und können trotz eines leichten Geschwindigkeitsnachteils die Führung bei der nächsten Begegnung behaupten. Diese behalten sie bis zum Luvtor.

America's Cup/Youtube Start zum 8. Rennen

America's Cup/Youtube Die Neuseeländer wenden sofort weg

America's Cup/Youtube Bei der nächsten Wende führen die Italiener

Das Drama beginnt auf dem ersten Vormwindgang. Die Italiener haben offenbar ein Problem mit der Bedienung der Genua, diese kann nicht richtig dicht geschotet werden. Die Neuseeländer kommen auf. Beide segeln mit Wind von Steuerbord. Die Neuseeländer müssen sich entscheiden, ob sie in Luv über die Italiener segeln oder in Lee hindurch. Die Luvoption birgt die Gefahr, bis zur rechten Kursbegrenzung nicht frei von den Italienern zu kommen, man säße in der Falle. Der Weg nach Lee wäre von diesen versperrt, die Kursbegrenzung zwänge zur Halse in deren Kontrolle.

Die Neuseeländer entscheiden sich für eine Halse am Heck der Italiener. Aber der Wind hat abgeflaut, pendelt zwischen knapp über sechs und acht Knoten, zusätzlich müssen sie die Halse direkt in den Abwinden der Italiener ausführen. Die Folge: Das Boot fällt von den Foils. Nicht schlimm, könnte man denken, aber nicht bei diesem Wind. Die Neuseeländer bekommen ihr Boot einfach nicht wieder aus dem Wasser. Die Italiener fliegen davon, führen wenig später fast einen Bahnschenkel. Als sich beide Boote wieder begegnen, sind die Italiener auf dem Amwindkurs, die Neuseeländer aber noch auf dem Vormwindkurs, jedoch immerhin wieder auf ihren Foils. Der Vorsprung der Italiener beträgt 2500 Meter, alles scheint gelaufen.

America's Cup/Youtube Die Halse der Neuseeländer durch die Abwinde der Italiener

America's Cup/Youtube Die Neuseeländer fallen von den Foils

America's Cup/Youtube Begegnung: Italien auf dem Amwindkurs, Neuseeland noch vorm Wind

Doch wer sich spätestens jetzt seinen Morgenkaffee brühen ging, hat das Beste verpasst. Im letzten Drittel des zweiten Amwindkurses fallen diesmal die Italiener nach einer Wende von den Foils. Und so, wie vorher der Abstandsmesser für die Italiener rasend schnell hochzählte, purzeln jetzt die Zahlen wieder. Die Neuseeländer fliegen von hinten heran, an den Italienern vorbei, die immer noch versuchen, wieder in den Flugmodus zu kommen und dabei mehrfach die Kursbegrenzungen übersegeln und sich Strafen einhandeln, kurz vor einer Disqualifikation stehen.

America's Cup/Youtube Touchdown bei den Italienern

Angesprochen auf das sogenannte Take-off-Verhalten der Boote, also welches bei diesen Leichtwindbedingungen schneller aus dem Wasser kommt, sagte Blair Tuke: "Wir sind sehr zufrieden mit unserem Boot, vor allem, wenn man bedenkt, dass wir ein kleineres Vorsegel hatten, was ein klarer Nachteil war." Francesco Bruni, Co-Steuermann der Italiener, ergänzt: "Ich denke, da gibt es keinen großen Unterschied. Wir benötigen etwa denselben Wind, um auf die Foils zu kommen."

America's Cup/Youtube Am letzten Leetor führen jetzt die Neuseeländer mit über 2500 Metern

Als die Italiener endlich wieder fliegen, führen die Neuseeländer mit über 2000 Metern. Trotzdem bleibt es bis ins Ziel spannend. Jede Wende, welche die Neuseeländer noch ausführen müssen, kann einen sogenannten Touchdown verursachen, womit die Italiener wieder im Spiel wären. Bei jeder Wende schaut man gespannt auf die Speedangaben und auf die Unterseite des Rumpfes, ob diese das Wasser berührt oder nicht. Fällt der Speed unter 20 Knoten, ist der Touchdown kaum vermeidbar. "Wir wussten: Ein Fehler, und die Italiener sind wieder vorbei", sagte Burling.

Doch die Neuseeländer überstehen ihre Manöver und gehen mit großem Vorsprung ins Ziel, haben ihre Genua schon geborgen, als die Italiener mit fast vier Minuten Rückstand auch ins Ziel kommen.

Es steht nun 5:3 für die Neuseeländer, die Italiener sind unter starkem Druck. Zweimal konnten die Neuseeländer mit deutlichem Vorsprung gewinnen und haben außerdem Speedvorteile gezeigt. Drei Siege in Folge sind es nun für Neuseeland, was einen zusätzlichen psychologischen Vorteil bedeutet. Der Sieger im 36. America’s Cup könnte schon morgen feststehen, falls den Neuseeländern zwei weitere Siege gelingen sollten. Allerdings ist wieder sehr schwacher Wind vorhergesagt, und es könnte einen weiteren Ausfalltag geben.

Und die Italiener wollen kämpfen. "Es ist noch nicht vorbei, nicht, bevor die Trophäe übergeben wird", sagte Jimmy Spithill. "Ich bin absolut zuversichtlich, dass wir zurückschlagen können."

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Themen: America's Cup

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