Regatta
America’s Cup: das knappste Rennen bisher

Eine Wettfahrt wurde gesegelt, die Italiener haben großartig gekämpft. Es gab mehrere Führungswechsel, am Ende entschied auch Glück über den Sieg

  • Lars Bolle
 • Publiziert vor einem Monat
Neuseeland und Italien gleichauf Neuseeland und Italien gleichauf Neuseeland und Italien gleichauf

ACE | Studio Borlenghi Neuseeland und Italien gleichauf

Es war das engste Rennen bisher. Wie sagte gestern noch Jimmy Spithill, Co-Steuermann der Italiener: "Es ist erst vorbei, wenn ein Team die Trophäe überreicht bekommt." Lange sah es im neunten Aufeinandertreffen von Verteidiger und Herausforderer so aus, als sollte er Recht behalten, als sollten diese Wettfahrt die Italiener für sich entscheiden und zum 4:5 aufschließen. Doch die Wettergötter waren gegen sie.

Es gab viele Schlüsselmomente in diesem Rennen, zwei von ihnen zeigten sehr eindrucksvoll, was Matchracing bedeutet und warum beim Wettfahrtsegeln auch immer etwas Glück mit von der Partie ist.

Wettfahrt 9 in der Wiederholung

Zunächst musste der Start wegen zu leichten Windes eine halbe Stunde verschoben werden, dann jedoch brist es auf, und bei 12 bis 13 Knoten wird die Wettfahrt angeschossen.

Zunächst starten beide fast perfekt, Neuseeland in Lee, Italien in Luv. Die Italiener können sich halten, obwohl die Neuseeländer auf dem Schlag hin zur linken Kursbegrenzung ihren High-Mode einlegen, um die Italiener in Luv abzukneifen, was aber misslingt.

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Nach der fälligen Wende wegen der Kursbegrenzung liegen die Neuseeländer in Luv der Italiener, jedoch dieses Mal mit etwas mehr Abstand nach Lee, können sich lange halten, ohne unter den Italienern wegzusacken.es reicht jedoch nicht bis zur rechten Kursbegrenzung, das hätte ihnen die Chance gegeben, die Italiener zu unterwenden. So müssen sie vorher wegwenden, was dem Gegner die Chance gibt, noch etwas weiter zu segeln und dann den Schlag nach links in freiem Wind zu absolvieren. Sie können sogar schon das Luvtor anliegen, was ihnen den entscheidenden Vorteil auf diesem ersten Amwindkurs bringt: eine Wende weniger als die Neuseeländer und Wegerecht am Tor.

Beide gehen um verschiedene Marken des Tores, die Italiener links herum, die Neuseeländer rechts herum, nur eine Sekunde zurück. Bis nach dem vierten Bahnschenkel wird keines der beiden Teams mit mehr als neun Sekunden zurückliegen.

Die Neuseeländer haben zunächst besseren Wind, nach der Halse beider Teams passieren sie knapp mit Wegerecht vor dem Bug der Italiener.

Dann jedoch haben die Italiener besseren Speed und passieren ihrerseits beim nächsten Aufeinandertreffen die Neuseeländer, halsen in Lee voraus von ihnen. Die Neuseeländer könnten jetzt ihrerseits sofort halsen, um auf Gegenkurs zu den Italienern zu gehen. Das würde jedoch eine Halse mehr bis zum Leetor bedeuten, außerdem kommen sie mit einem deutlichen Speedüberschuss von hinten angerauscht.

Sie entscheiden sich für die Luvposition zu den Italienern, wohl darauf spekulierend, dass es ihnen vielleicht noch gelingt, diese in Luv zu überlaufen. Es ist haarscharf. Beim Erreichen der Anliegelinie können die Italiener die Überlappung in Lee halten, blockieren den Weg der Neuseeländer zum Leetor.

Und sie halsen nicht etwa, sondern segeln über die Anliegelinie hinaus. Den Neuseeländern bleibt keine Wahl als mitzugehen.

Die Neuseeländer müssen den längeren Weg segeln, die Außenkurve, zusätzlich ist nach der Halse der Kurs zum Leetor so spitz geworden, dass sie nur den Italienern folgen können.

Diese runden die linke Marke des Tores, und auch die Neuseeländer müssen diese nehmen, denn eine Powerhalse um das rechte Fass wäre bei diesem spitzen Kurs wohl zu riskant, würde zu viel Geschwindigkeit kosten.

Nach der Rundung rollen die Neuseeländer direkt in eine Powerwende, um sich der Kontrolle der Italiener zu entziehen, was sie viel Speed kostet. Aus einem marginalen Rückstand werden so sofort rund 100 Meter. Ein klassisches, perfekt von den Steuerleuten der Italiener, Jimmy Spithill und Francesco Bruni, ausgeführtes Match-Race-Manöver.

Doch die Neuseeländer schlagen zurück. Beim ersten Aufeinandertreffen wenden die Italiener in Luv von ihnen, die Neuseeländer können in Lee herausziehen, und rund 1100 Meter vor dem Luvtor liegen beide gleichauf.

Aber die Italiener können sich in Luv halten, für die Neuseeländer kommt die linke Kursbegrenzung zu früh, sie müssen wenden, die Italiener gehen mit und übernehmen wieder die Kontrolle.

Sie verteidigen ihre knappe Führung vor dem Wind, können sich sogar bis auf knapp 200 Meter absetzen. Doch auf dem Schlag direkt zum Leetor holen die Neuseeländer auf, beide runden die Marken mit nur zwei Sekunden Abstand, die Italiener rechts, die Neuseeländer links. Es ist so etwas wie ein Neustart.

Die Rennentscheidung fällt auf diesem Amwindkurs, etwa 1300 Meter vor dem Luvtor. Die Italiener kommen mit knappem Vorsprung von links, die Neuseeländer von rechts. Die Italiener setzen eine Wende in Luv voraus der Neuseeländer, sodass diese direkt in ihren Abwinden liegen. Diesen bleibt keine andere Wahl, als wegzuwenden – auch das ist ein klassisches Segelmanöver. Die Italiener, die zuvor auf der linken Seite etwas Boden gutgemacht haben, setzen weiter auf diese Seite, wollen die Neuseeländer nicht nach links wenden lassen; deshalb ihr Manöver, welches die Neuseeländer nach rechts zwingt. Alternativen wären gewesen, selbst ohne Wende nach rechts zu segeln, dann hätten sie den Neuseeländern die linke Seite überlassen. Oder sie hätten in Luv querab der Neuseeländer wenden können, was diesen freien Wind gelassen hätte, zugleich wäre die Rennkontrolle bei den Italienern geblieben. Dann wären wohl beide parallel zueinander nach links gesegelt.

Rückwirkend betrachtet wären beide Alternativen besser gewesen, aber nachher ist man ja immer schlauer.

Genau in dem Moment, als beide an den Kursbegrenzungen wenden müssen, dreht der Wind nach rechts. Die Götter sind mit den Neuseeländern, von Jimmy Spithill ist deutlich ein "Aaaach..." zu hören. Die Neuseeländer machen aus einem Rückstand von rund 60 Metern in Sekunden einen Vorsprung von fast 200 Metern am Luvtor. Das Rennen ist entschieden.

Die zweite Wettfahrt des Tages wird wegen instabiler Winde abgebrochen und verschoben.

Die Neuseeländer haben nun eine Hand an der Silberkanne, stehen nur noch einen Sieg entfernt von der erfolgreichen Cup-Verteidigung. Für die Italiener ist nun jedes Rennen ein Finallauf. Für morgen ist guter Wind mit rund 15 Knoten vorhergesagt, die Entscheidung im 36. America’s Cup könnte morgen fallen.

Themen: America's Cup


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