America's Cup

Ärger im Cup-Paradies

Streit und gerichtliche Auseinandersetzungen sind traditionell Teil des America's Cup. Aktuell geht es zwischen den Kiwis und den Italienern zur Sache

Tatjana Pokorny am 23.10.2020
36. America's Cup
Emirates Team New Zealand

Das Emirates Team New Zealand im paradiesisch schönen heimatlichen Trainings- und America's Cup-Revier

In dieser Woche haben ein heftiger Streit und eine Entscheidung des unabhängigen Schiedsgerichts die gegnerischen Parteien im America's Cup in Wallung gebracht. Rund zwei Monate vor Beginn der weihnachtlichen Vorregatta und dem damit verbundenen ersten Aufeinandertreffen der Cup-Teams ist es zur öffentlichen Auseinandersetzung zwischen den Verteidigern vom Emirates Team New Zealand und dem italienischen Luna Rossa Prada Pirelli Team ("Challenger of Record", kurz: COR36) gekommen. Die Italiener hatten das Schiedsgericht in Verärgerung darüber angerufen, dass zwei der insgesamt fünf geplanten und vereinbarten Rennkurse nur für das Finale der Herausfordererserie, nicht aber für die Round-Robin-Vorrunde und die Halbfinals zur Verfügung stehen sollen. Dabei handelt es sich um die beiden besonders zuschauerfreundlichen Kurse B und C, die infolge von Vereinbarungen mit den Hafenbehörden für die Herausforderer erst zum Ende des Prada Cup verfügbar sein sollen.

36. America's Cup

Auf dieser Revierkarte deutlich zu sehen: die zwei gestrichenen der ursprünglich vereinbarten Cup-Kurse

Weil davon auszugehen ist, dass gerade diese beiden zuschauerfreundlichen Kurse das "Haupstadion" für das 36. Duell um den America's Cup bilden werden, fühlten sich die Italiener durch ihre Streichung für die Mehrheit der Rennen in der Herausfordererserie um genügend Regatta-Segelzeit dort betrogen, wo es im späteren Cup-Duell wirklich zählen könnte. Nämlich dort, wo im März der beste Herausforderer aller Voraussicht nach die neuseeländischen Cup-Verteidiger im Kampf um die begehrte SIlberkanne fordern wird: auf den Publikumskursen B und C.

Die Entscheidung zugunsten der Italiener fällte das America's-Cup-Schiedsgericht ("Arbitration Panel") unter Vorsitz des Australiers David Tillett mit Dr. Henry Peter (Schweiz) und Graham McKenzie (Neuseeland). Alle drei sind als Anwälte mit viel America's-Cup-Erfahrung gerüstet. Der italienische Antrag gegen das aus ihrer Sicht bestehende Nutzungs-Ungleichgewicht von möglicherweise entscheidenden Kurse war von zwei ähnlichen Vorlagen der beiden anderen Herausforderer (Ineos Team UK, American Magic) flankiert worden. 

Das Schiedsgericht entschied so:

"Sollten Teile der Kursbereiche für die Herausfordererserie und das Match (zum Beispiel die Kurse B und C) nicht jederzeit ohne Beschränkungen in Abgleich zu Artikel 3.4 des Protokolls zugänglich sein, dann wird dieser Teil des Kursbereichs weder für die Herausfordererserie noch für das Match genutzt."

Das Schiedsgericht stellte außerdem klar, dass seine Entscheidung den "Challenger of Record" und die Verteidiger nicht davon abhält, sich mit einem Versuch an die zuständige Hafenbehörde zu wenden, die aktuellen Beschränkungen zu lockern oder in Absprache mit allen Teilnehmern zu einer anderen einvernehmlichen Lösung zu kommen. Der Beschluss ist als "Entscheidung ACAP 36/12" hier im Detail nachzulesen. 

Die Kiwis reagierten als Verlierer der Entscheidung empört. In ihrem Statement hieß es nach Bekanntwerden des Schiedsgerichtsurteils:

"Nach dreijähriger Planung einer landorientierten Stadion-Veranstaltung hat Luna Rossa als Challenger of Record eine Kampagne durch das Schiedsgericht gebracht, die einen der größten Nutzen der America's-Cup-Veranstaltung für die Menschen in Auckland und Besucher aus ganz Neuseeland zerstört hat. Das Schiedsgericht des America's Cup hat über Nacht eine Entscheidung veröffentlicht, welche die Nutzung der inneren Rennkurse des Hafenstadions für alle Wettfahrten im Prada Cup (Herausfordererserie) und im America's-Cup-Duell aufhebt. Diese Entscheidung hat beträchtliche negative Auswirkungen auf die Veranstaltungszugänglichkeit für die Öffentlichkeit von Auckland und Neuseeland, die Sicherheit der Veranstaltung und die Zuverlässigkeit der Austragung der Rennen. Alle diese Elemente waren für das Emirates Team New Zealand fundamental, seit wir den America's Cup 2017 gewonnen haben. Die Bilder mit Auckland City im Hintergrund waren immer ein wichtiger Faktor für die weltweite Präsentation von Auckland und Neuseeland bei einer Veranstaltung, die über ein signifikantes globales Publikum verfügt – was ein weiterer Grund für die ursprüngliche Auswahl der Rennkurse war. Neuseelands CEO Grant Dalton ließ wissen: 'Ich sage es ganz offen: Wir sind empört über diese Entscheidung, weil sie sich gegen alles richtet, was wir in den vergangenen drei Jahren versucht haben zu erreichen und keine Rücksicht auf die Auswirkungen nimmt, die das auf die Öffentlichkeit Aucklands und Neuseelands hat.' Das Emirates Team New Zealand prüft nun, ob es Optionen gibt, dieser unglaubliche Entscheidung Abhilfe zu verschaffen."

Emirates Team New Zealand

Der America's Cup in neuseeländischen Gewässern ist auf Bildern oft mit der Skyline von Auckland verbunden

Auf die heftige Entrüstung der Neuseeländer und die Vorwürfe reagierte der italienische "Challenger of Record" mit diesem Statement: 

"Wir haben die ETNZ-Pressemitteilung mit Enttäuschung zur Kenntnis genommen. Daher würden wir gern auf einige Schlüssel-Elemente hinweisen, die den Entscheid des Schiedsgerichts erklären, die Rennkurse B und C aus dem 36. America's Cup herauszunehmen.

  • Der America's Cup wird von einer Reihe von Vorschriften geregelt, die von allen Herausforderern und dem Verteidiger akzeptiert wurden: dem Protokoll, das die sportliche Fairness der Veranstaltung garantiert.
  • Eine fundamentale Regel des Protokolls, Artikel 3.1, sieht ganz spezifisch vor, dass alle Rennen der Herausfordererserie Prada Cup "(…) innerhalb der Kursbereiche des Matches (…)" gesegelt werden müssen (das Protokoll und die entsprechende Passage können hier aufgerufen und heruntergeladen werden.
  • Anfang September hat der Challenger of Record ohne vorherige Einbeziehung oder Informationen vom Verteidiger entdeckt, dass die Round-Robin-Vorrunde und die Halbfinals der Herausfordererserie – dem Prada Cup – nicht auf den Kursen B und C gesegelt werden können, also jenen bevorzugten Kursen für das finale Match. Diese Situation hat der Verteidiger seit Ende Januar/Anfang Februar im Verborgenen gehalten.
  • Nach Kenntnisnahme der Situation hat der Challenger of Record COR36 mit Unterstützung aller Herausforderer beantragt, die oben genannte Regel 3.1 durchzusetzen.
  • Mit dem Ziel, die sportliche Fairness und Gerechtigkeit wiederherzustellen, hat das Schiedsgericht entschieden, dass die Rennkurse B und C entweder für alle Prada-Cup-Rennen genutzt werden können – oder gar nicht.

Die Attacken vom Emirates Team New Zealand zielen ausschließlich darauf ab, das Luna Rossa Prada Pirelli Team mit populistischen Vorwürfen zu diskreditieren, die den Versuch verschleiern, einen unfairen Vorteil gegenüber den Herausforderern zu erlangen, die – das wiederholen wir – den COR36 einstimmig unterstützen, indem sie ihre eigene unabhängige Eingabe gemacht haben."

36. America's Cup

Gerade erst tauften die Italiener ihre neue "Luna Rossa"

Und wer hat nun recht?

Brad Butterworth

Geht es nach dem neuseeländischen America's-Cup-Veteran Brad Butterworth, der erst mit Neuseeland, dann mit dem Schweizer Team Alinghi den America's Cup in Serie gewann und nun seit wenigen Wochen als Berater für das Luna Rossa Prada Pirelli Team arbeitet, dann sind seine Landsleute beim Versuch, die Regatta zu sehr zu ihren Gunsten hinzubiegen, "erwischt worden". Butterworth bezeichnete den Kampf um die Nutzung des Reviers gegenüber der neuseeländischen Tageszeitung "New Zealand Herald" als "altes Problem" des America's Cup. Die aktuellen Beziehungen zwischen Verteidigern und "Challenger of Record" schilderte Butterworth als "nicht toll", appellierte aber an die Kiwis, doch ansprechbar zu bleiben für eine einvernehmliche Lösung. Das Druckmittel dafür haben aktuell die Italiener und mit ihnen die anderen beiden Herausforderer mit dem Schiedsgerichtsspruch in Händen. Es kann den Kiwis nicht gefallen, die Silberkanne weiter draußen auf See statt in Publikumsnähe zu verteidigen. Und das tut es auch nicht.

America's Cup

Grant Dalton

Während Neuseelands CEO Grant Dalton die Schiedsgerichtsentscheidung gegenüber dem "New Zealand Herald" inzwischen als fair bezeichnete, beharrt er gleichzeitig darauf, dass es zu diesem Thema längst einen Deal mit dem Luna Rossa Prada Pirelli Team gegeben hatte und der Fall erst gar nicht vors Schiedsgericht hätte gehen dürfen. Dazu setzte Dalton im Gespräch mit der Tageszeitung weitere "Nadelstiche" in Richtung Italiener, merkte beispielsweise an, dass das Luna Rossa Prada Pirelli Team "sein ganzes Management im März gefeuert" habe und "neu durchgestartet" sei. Der Streit zwischen den Kiwis und den Azzurri ist trotz Schiedsgerichtsspruch offensichtlich noch lange nicht ausgestanden. Denn auch das machte Dalton klar: Sein Team werde "Himmel und Erde" in Bewegung setzen, um die aktuelle Lage zu ändern, die den meisten Kiwi-Fans das Segelfest verderben würde. Was nur in gemeinsamen Verhandlungen funktionieren kann, denn eine Einspruchmöglichkeit gegen eine Entscheidung des Schiedsgerichts gibt es nicht.

Sport ist in Neuseeland trotzdem noch gefragt: Am Freitag testete Sir Ben Ainslies Ineos Team UK seine neue "Britannia" erstmals im Einsatz vor Auckland

 

Tatjana Pokorny am 23.10.2020

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