Mini-Transat-Qualifikation
Wehmut nach 12 Tagen solo: „I bin voll traurig, dass es vorbei is“

Lisa Berger und Axel Solbach haben eine wichtige Hürde in der Vorbereitung aufs Mini-Transat 2023 genommen – die 1.000-Meilen-Quali im Mittelmeer

  • Jochen Rieker
 • Publiziert am 09.05.2022
Happy trotz Flauten, Starkwind, Blackout und einem ausgerissenen Traveller: Lisa Berger auf ihrem Maxi 6.50 „Mojo“ Happy trotz Flauten, Starkwind, Blackout und einem ausgerissenen Traveller: Lisa Berger auf ihrem Maxi 6.50 „Mojo“ Happy trotz Flauten, Starkwind, Blackout und einem ausgerissenen Traveller: Lisa Berger auf ihrem Maxi 6.50 „Mojo“

Lisa Berger Happy trotz Flauten, Starkwind, Blackout und einem ausgerissenen Traveller: Lisa Berger auf ihrem Maxi 6.50 „Mojo“

Gehadert haben sie, geschimpft, mit einem Abbruch geflirtet, aber sich auch gegenseitig gepusht und aufgemuntert. Zwei Aspiranten für das Abenteuer Mini-Transat haben soeben eine Runde im Mittelmeer vollzogen, die mehr als dem Jahresdurchschnitt der meisten Eigner entspricht: 1.000 Seemeilen sollten es sein, geworden sind es mehr als 1.200, weil sie eine ausgedehnte Schwachwindzone entlang der südfranzösischen Küste zu Umwegen zwang.

Seit wenigen Minuten liegen die beiden Mini 6.50 von Axel Solbach und Lisa Berger wieder fest vertäut in Barcelona. Der Deutsche war schon Sonntag vor zwei Wochen gestartet, zwei Tage vor Lisa Berger. Die Österreicherin, die irgendwo südwestlich der Straße von Bonifacio ihren 32. Geburtstag gefeiert hatte, war schon gestern Mittag zurückgekehrt. Sie hatte sich von dem Kieler Wetterwelt-Meteorologen Sebastian Wache beraten lassen und wählte für den Rückweg eine kürzere, zugleich schnellere Route.

Lisa Berger In der ärgsten Flaute musste sogar der Spi runter, weil alter Schwell für Unruhe sorgte – Gelegenheit für ein Nickerchen an Bord von Lisa Bergers „Mojo“

Zwischendurch wurden ihre Geduld und ihr Durchhaltewillen auf eine arge Probe gestellt. Tagelang ging es entlang der Côte d’Azur nur mit zwischen zwei und fünf Knoten voran. „Es war wirklich zäh. Da zweifelt man an allem“, sagte heute Mittag die spürbar beseelte Lisa Berger gegenüber der YACHT. Und ihr Mini-Gefährte kommentierte bei der Ansteuerung von Barcelona heute früh trocken: „Man hat ja doch viel Zeit.“

Da waren die beiden Tiefs schon fast vergessen, die ihnen vor drei Tagen einiges abverlangt hatten. Zunächst erwischte es Lisa Berger, die sich bewusst für einen Starkwind-Ritt zwischen Korsikas Südspitze und Cabrera bei Mallorca entschieden hatte. Bei in Spitzen weit über 30 Knoten und in den teils brechenden Seen beschleunigte ihr Maxi 6.50 „Mojo“ kaum kontrollierbar auf bis zu 20 Knoten Fahrt – und das nur unter dreifach gerefftem Groß und gereffter Fock. „Das war brutal“, sagt die Frau vom Attersee, die sich schon seit knapp zehn Jahren auf eine Karriere als Einhand-Seglerin vorbereitet.

„Das hat mich für einen Moment sogar zweifeln lassen, ob ich gut genug fürs Mini-Transat und fürs Azorenrennen bin“, sagt sie selbstkritisch. „Da hab i echt a bissl Schiss ghabt.“ Ihr Windmesser, den sie kurz vor dem Start noch getauscht hatte, zeigte viel zu wenig Druck an, „vielleicht 15, 16 Knoten, als es mit 30 bis 40 geblasen hat“. Deshalb habe sie „viel zu lang zu viel Segel getragen“. Als sie schließlich schon komplett durchgerefft hatte und ihr Boot immer noch katapultartig durch die Wellen schoss, selbst per Hand gesteuert kaum unter Kontrolle zu bringen war, nahm sie auf dem bockenden Mini schließlich auch noch die Fock runter. „Ich dachte, ich überschlag mich sonst, wenn ich einmal nicht sauber durch die Wellen komm!“

Eine Nacht und einen Tag dauerte der Kampf, an dessen Ende sie kaum mehr die Augen aufhalten konnte. Denn in der Front, die von starker Bewölkung begleitet war, luden die Solarzellen nicht die Lithium-Akkus ausreichend nach. Eine grenzwertige Erfahrung. Aber Lisa Berger sagt: „Ich bin voll froh drüber. Man lernt ja aus jeder Situation, und ich hab seither ganz viel nachgedacht, wie ich das beim nächsten Mal angehen würde.“

Im Rückblick zerrten die Flauten noch mehr an ihren Nerven, wie sie in einem sehenswerten Video auf Facebook und Instagram zum Besten gab. Aber die Sonnenauf- und -untergänge sowie die unzähligen Begegnungen mit Delphinen, einem Grindwal, Schildkröten sowie einem kleinen Vogel, der während der Front Unterschlupf auf „Mojo“ suchte, versöhnten die Oberösterreicherin allemal. Als klar war, dass ihr Trinkwasservorrat reichen würde, gönnte sie sich sogar eine Dusche im Cockpit.

Probleme mit dem Alleinsein hatte sie zu keinem Moment. „Ich bin angekommen und hatte das Gefühl, ganz viele Leute kennengelernt zu haben“, sagt sie. Zum einen konnte sie, anders als bei Mini-Regatten, wo jede Kommunikation per Handy oder Satellit verboten ist, mit Freunden chatten, sofern sie nahe genug an einem Funknetz segelte. Zum anderen träumte sie in den kurzen Schlafphasen ständig von imaginären Besuchern an Bord. Dabei waren da nur sie, ihr Mini und „Wilson“, der Autopilot – benannt nach dem ebenfalls imaginären Kompagnon von Tom Hanks in „Lost“.

Als Lisa im Port Vell einlief, direkt vor der Promenade Barcelonas, begrüßte sie ein Mini-Kumpan, der ihr seinen Garmin-InReach-Tracker geliehen hatte für die Qualifikation. Er reichte ihr ein kaltes Estrella – etwas, das an Bord gefehlt hatte. So recht mochte die Skipperin jedoch gar nicht ankommen. „I bin voll traurig, dass es vorbei is“, sagte sie heute Mittag. Ein überzeugenderes Fazit nach 1.200 Seemeilen solo gibt es für Einhandsegler nicht.

Axel Solbach Kam heute am frühen Nachmittag zurück von seiner Qualifikation: Axel Solbach und sein Pogo 2 „Dopamini“

Axel Solbach, der nach der Halbzeitmarke vor Genua auf direkterem Kurs Mallorca anlaufen wollte, hatte westlich von Korsika seine größten „Hänger“. Da schrieb er, dass er sogar überlege, das Ziel Mini-Transat 2023 um zwei Jahre zu verschieben. Denn von der Qualifikation hängt viel ab. Sie ist, wenngleich keine der Pflichtregatten auf dem Weg zum eigentlichen Rennen über den Atlantik, eine wichtige Grundvoraussetzung für die Zulassung etwa zum Azorenrennen.

Solbach nahm Kurs auf Marseille, um die Option eines vorzeitigen Abbruchs zu wahren. Dann aber, vielleicht auch angespornt durch seine Facebook-Gemeinde, zu der mit Wolfgang „Wolfie“ Quix der Doyen und Pionier der deutschen Mini-Transat-Szene zählt, zog er doch durch. Mit den Ausläufern eines Mistrals ging es auch für ihn sportlich von Südfrankreich nach Mallorca, wo er abermals in eine Schwachwindzone geriet. Erst heute am frühen Nachmittag erreichte er Barcelona – fünf Tage später als nach seinem pessimistischsten Routing vor dem Start.

Dort wartete Lisa Berger bereits auf ihn, ausgeruht, überschwänglich, glücklich und bereit für weitere Wettfahrten. Die nächste ist für Axel Solbach bereits in einer Woche: das Mini en Mai, ein 500-Meilen-Klassiker von La Trinité-sur-Mer aus. Lisas „Mojo“ dagegen wird noch einen kurzen Aufenthalt in der Werft einlegen, bevor es weitergeht. Beide haben beschlossen, im Konvoi zu trailern. Mini-Spirit eben!


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Themen: Minitransat

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