Regatta
Vendée Globe: Boris Herrmann ist schon in Weihnachtslaune

Tief unten im aktuell sehr Stillen Ozean beginnen bald die Festtage. Im vorderen Feld läuft ein spannender Flautenpoker. Boris Herrmann steckt mittendrin

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 23.12.2020
Dieses traumhaft schöne Bild gelang zu Weihnachten Benjamin Dutreux, der als Gesamt-Fünfter mit Boris Herrmann um einen der vorderen Plätze kämpft Dieses traumhaft schöne Bild gelang zu Weihnachten Benjamin Dutreux, der als Gesamt-Fünfter mit Boris Herrmann um einen der vorderen Plätze kämpft Dieses traumhaft schöne Bild gelang zu Weihnachten Benjamin Dutreux, der als Gesamt-Fünfter mit Boris Herrmann um einen der vorderen Plätze kämpft

Benjamin Dutreux / Omia - Water Family /#VG2020 Dieses traumhaft schöne Bild gelang zu Weihnachten Benjamin Dutreux, der als Gesamt-Fünfter mit Boris Herrmann um einen der vorderen Plätze kämpft

Weihnachten ist schon ganz nah. Ob es für die Segler auch segelsportliche Festtage auf See werden, bleibt angesichts des hartnäckigen Hochdruckgebietes vorerst abzuwarten. Doch blickt der 39-jährige Skipper der "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco" als Vierter im Feld den kommenden Tagen optimistisch entgegen. So sehr, dass er Weihnachten schon einen Tag zu früh begrüßte, weil er mit dem Überschreiten der Datumsgrenze durcheinander gekommen war.

Boris Herrmann Racing / #VG2020 Dieses Bild schickte Boris Herrmann von See mit den Worten: "Guten Morgen Weihnachtstag!" Damit war er aber einen Tag zu früh dran, was im Wechsel der Zeitzonen ganz leicht passieren kann…

Eine Lichterkette, eine kleine Kerze und Familienfotos an Wäscheklammern über dem Bordrechner: Das ist die Weihnachtsdekoration des deutschen Skippers in der laufenden neunten Edition der Solo-Weltumsegelung. Herrmann ist seit gut 45 Tagen nonstop auf See. Rund um den 55. Breitengrad kämpft er sich im Südpazifik bei ungewöhnlich milden Temperaturen um zehn Grad durch die flauen Winde. Die Bedingungen sorgen für einen packenden Weihnachtskrimi, denn aktuell stellt sich die Frage, ob Spitzenreiter Yannick Bestaven auf "Maître Coq IV" dem Feld enteilen kann, während die meisten Verfolger vor allem dichter zusammenrücken, aber nur langsam vorankommen.

Boris Herrmann Racing / Vendée Globe 2020 Boris Herrmanns Weihnachtsdekoration unter Deck: eine Lichterkette mit Familienfotos

Der Drittplatzierte Thomas Ruyant brachte die Situation am Nachmittag des 23. Dezember deutscher Zeit auf den Punkt: "Die Frage ist, ob das Hochdruckgebiet schnell genug ist, um Yannick wieder einzufangen." Yannick Bestaven selbst warf einen Blick in den Rückspiegel und erkannte, dass ihm zwar der Zweitplatzierte, der "Apivia"-Skipper Charlie, Dalin mit nur 90 Seemeilen Rückstand zuletzt näher war, Thomas Ruyant bei 182 Seemeilen Rückstand mit seinem Nordkurs aber womöglich die größere Gefahr für ihn sein könnte: "Ich beobachte Thomas aus dem Winkel meines linken Auges. Er kommt gut voran und ist nicht langsamer geworden, Charlie dagegen ein bisschen. Ihr müssten jetzt die Daumen drücken."

Das tun auch Boris Herrmanns Fans für den ersten deutschen Vendée-Globe-Teilnehmer. Herrmann hatte am Mittwochnachmittag zunächst einige Meilen eingebüßt, verteidigte aber seinen vierten Platz gegen Benjamin Dutreux auf "Omia – Water Family". Mit Blick auf die flauen Prognosen für die Festtage weiß Herrmann: "Es könnte sein, dass uns die vorderen Boote enteilen. Wenn Bestaven sich vor das Hoch mogeln kannn, dann ist er fein raus und kann sich einen großen Vorsprung ersegeln." Als "Schreckensszenario beschrieb Boris Herrmann die Gefahr für sich selbst: "Ich darf keinen groben Fehler machen und in der Flaute einparken, und die anderen fahren alle vorbei. Das Ende dieser Geschichte ist noch nicht geschrieben."

Seinen letzten Tag vor Weihnachten fasste Boris Herrmann mit diesem Video zusammen. Da war allerhand los beim Skipper der "Seaexplorer - Yacht Club de Monaco"…

Weihnachtsgrüße von Ehefrau Birte Herrmann

Herrmanns Weihnachtsgeschichte spielt in diesem Jahr rund 15.000 Kilometer entfernt vom Hamburger Heimathafenn, weit weg von seiner Frau Birte und der sechs Monate alten Tochter Marie-Louise. Er sagt, dass ihm Flaute lieber ist als ein amtlicher Sturm, doch so still hat er sich die bevorstehende Heilige Nacht ebenso wenig gewünscht wie die Mehrheit der Konkurrenz. Sein größter Weihnachtswunsch bleibt der immer gleiche: "Ich hoffe, dass mir bis ins Ziel nichts mehr vor den Bug schwimmt und alles heil bleibt." Birte Herrmann schickte ihrem Mann Grüße aus Kiel, wo sie die Festtage mit der gemeinsamen Tochter bei ihren Eltern verbringen wird: "Ich wünsche Boris sein eigenes fröhliches Weihnachtsfest. Ich hoffe, dass er am Weihnachtstag durch viele Grüße ganz besonders spürt, wie sehr wir alle mit ihm segeln und gefühlt bei ihm sind. Wir sind ihm emotional ganz nah, wenn auch durch viele Seemeilen getrennt."

Boris Herrmann Racing Birte Herrmann mit Tochter Marie-Louise am Ostsee-Strand von Kiel. Sie schickt ihrem Mann Boris Herrmann ein dickes Herz und einen Weihnachtssack voll Heimatgefühl in den Südpazifik

Herrmanns Gesamtleistung bleibt zu Begin der zweiten Rennhälfte stark. Sorgen, dass der ursprünglich für 80 Tage geplante Proviant angesichts der recht langsamen Auflage nicht reichen könnte, hat er nicht: "Es bleibt ja immer was übrig. Das lässt sich bei Bedarf strecken." Nicht gestreckt wird an Heiligabend. Dafür hat Herrmann lange schon einen französischen Eintopf-Klassiker als Festschmaus erwählt: Es gibt Cassoulet aus der Tüte und dazu voraussichtlich Hunderte Festgrüße, Botschaften und gute Wünsche von Familie, Freunden und Förderern. "Darauf freue ich mich sehr", sagte Herrmann, "es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass an Land so viele Menschen an mich denken." Und obwohl der Weltumsegler solo unterwegs ist, hatte er am Tag vor Weihnachten zwei neugierige Besucher: Tümmler schwammen um sein Boot herum, als wollten sie ihn begrüßen. Herrmann erzählt, dass es die ersten großen Meeressäuger sind, die er seit dem Start gesehen hat. Die Szenerie auf See tief unten im Süden des Stillen Ozeans, der seinem Namen gerade allzu viel Ehre macht, beschrieb Herrmann als erleuchtet: "Ich sehe bleierne goldene Farben auf der wabernden See. Es ist schön."

Hier geht es zum Tracker und den Zwischenständen.

Ari Huusela / #VG2020 Der finnische "Stark"-Skipper Ari Huusela als Weihnachtsmann

Hinweis: In einer früheren Version dieses Beitrags hieß es, dass bei Boris Herrmann die Festtage bereits angebrochen sind. Das ist in seiner aktuellen Zeitzone heute noch nicht der Fall. Im Gegenteil: Die Spitzengruppe segelt unserer deutschen Zeit hinterher.


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Themen: Boris HerrmannSeaexplorer - Yacht Club de MonacoVendée Globe

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