Regatta-News
“Upgrade, nicht Update”

Neues Vermessungssystem mit neuem Namen wird aktiv

  • Matthias Beilken
 • Publiziert am 05.03.2008

Boris Hepp und Dr. Wolfgang Schäfer präsentieren Dickschiffseglern pünktlich zur Saison das schwer überarbeitete ORC International, das auf Teilen von IMS basiert.

Da freut sich der Chefvermesser. “Endlich sind wir weg von einem DOS-basierten Programm, für das man höchstens das Betriebssystem Windows 95 nutzen durfte”, so Boris Hepp erleichtert in den Räumen des Flensburger Segel-Clubs (FSC), in denen erstmalig das neue Handicap-System ORC International präsentiert wurde. Mit ihm stellt das offizielle Segeldeutschland Veranstaltern ein Tool zur Verfügung, das sowohl im einfacheren “Single-number”-Modus funktioniert als auch auf das präzisere “performance curve scoring” (PCS) umgestellt werden kann. Rennyachten haben dann entweder einen (groben) oder im PCS-Modus fast unendlich viele Rennwerte.

Einer der gewichtigen Punkte, die den neuen Namen rechtfertigen, ist die neue, modulare Bauweise des Programms (Dr. Schäfer: “Die Überarbeitung ist so massiv, dass es sich um ein richtiges Upgrade handelt, nicht nur um ein Update”): Ob Stabilität, Geschwindigkeitsvorhersage (auf Neudeutsch “Performance Prediction”), Segeltechnik, Aero- oder Hydrodynamik — alles wurde auf moderne Weise in eigenständigen Stücken programmiert. Eine für Normalsegler besonders schmackhafte Programmportion: Die, die das “Performance package” errechnet. Mittels vieler Tabellen wird die Leistungsfähigkeit einer Yacht theoretisch dargelegt. Welche Winkel zu wahrem oder scheinbarem Wind sind bei welchen Windstärken bei welchen Geschwindigkeiten zu erzielen? Fragen, die sich jeder Segler irgendwann stellt. Für Planung, Navigation oder einfach nur zur Überwachung einer aktuellen Fahrt ein hilfreiches Mittel, das viele Crews vergeblich suchen. “Nur das ORC besitzt das Tool, um solche Vorhersagen errechnen zu können. Und nur beim ORC gibt es ein Performance package. Exklusiv”, so Hepp.

Neu ist ebenfalls eine bessere Berechnung des "Effektiv-Tiefgangs”, das Kielbomben und -flügel gerechter bewertet. Sondersegel wie der Code Zero sind nach dem neuen System ebenfalls zugelassen und können bewertet werden.

Die Ergebnisse der Stabilitätsrechnung des Programms sind versicherungsrelevant: Zertifizierungsgesellschaften wie der Germanische Lloyd stützen sich darauf, wenn eine Yacht kommerziellen Zwecken zugeführt und dafür vermessen werden muss. Außerdem, so Hepp: “Das beste Aerodynamikmodell der Welt steht hinter dem Programm”.

Der technische Apparat hinter dem neuen System ORC International ist massiv und sehr beeindruckend. Das International Technical Committee (ITC) des ORC ist nichts weniger als das absolute und unumstrittene weltweite Kompetenzzentrum in Sachen Yacht Design. “Stars wie Bruce Farr oder Fietje Judel sitzen beziehungsweise saßen da drin”, argumentiert Dr. Schäfer.

Logisch ist, dass niemand, der ein mit viel Aufwand errechnetes sehr präzises System (das ORC International darstellt) vorlegt, akzeptiert, dass die Schraube für Präzision wieder gelockert wird — wo es doch im Fall von ORC International Jahre gekostet hat, sie auf den heutigen Wert zu schrauben. Weltweit gibt es kein präziseres System als ORC International.

Außerdem: Niemandem, dessen Aufgabe es ist, eine angestammte, hier beheimatete Regattaflotte zu beschützen, ist es zu verübeln, wenn er genau dieses macht — beschützen. Zumal von der “anderen Seite” eine ernsthafte Bedrohung ausgeht.

Aber: Die hiesige Flotte von Regattayachten unterliegt nun einmal bestimmten, spezifischen deutschen Faktoren. Boote werden hier nun mal anders eingesetzt und nicht so schnell erneuert wie im Ausland, also muss auch niemand so tun, als wäre er dort. Das Engagement von Eignern und Crews ist ebenfalls nun mal, wie es ist (es könnte intensiver sein) — und es sind auch derer nicht so viele wie im Ausland — wo wir nicht sind. Auf keinen Fall vertragen es die Felder, noch weiter als bisher zerstückelt zu werden. Dr. Schäfer, Hepp oder Judel und alle anderen, die der offiziellen Körperschaft DSV angehören oder angehörten, verteidigen “ihre” Flotte natürlich gegen neue Einflüsse. Sie tun also nichts, was sie kraft ihres Amtes nicht tun müssten — auch wenn sie sich deswegen dem Ruf hartnäckigen Protektionismus aussetzen.

Denn durch die Präsenz eines anderen Systems bedroht, steuern Deutschland und mit ihm der Ostseeraum einer Insellösung entgegen. Streng genommen sind sogar die Grenzen dieser Insel bedroht, sie rücken immer dichter. Spektakuläre Regatten wie Sydney Hobart oder Fastnet Races, Cowes Week, Spi Ouest (Frankreich), Middle Sea Race oder Commodore’s Cup oder (teilweise) der Baltic Sprint Cup sind längst gefallene Bastionen im Angesicht des weltweiten offiziellen Räderwerks Offshore Racing Congress. Ob spektakuläre Regatten (die normalerweise nach einem “anderen System” gesegelt werden und viele Teilnehmer anlocken) höher zu bewerten sind als beispielsweise eine offizielle Europa- oder Weltmeisterschaft nach ORC International, kann nicht beantwortet werden — es beleuchtet den Blick auf das Dilemma nur noch stärker. Was ist sportlich mehr wert, ein Europameister im Pirat oder ein Deutscher Meister im ehemals olympischen FD?

Eine Zwischenfrage eines der rund 100 Zuhörer machte in Flensburg klar, dass oft ein Missverständnis zwischen einem Produkt und der Politik, die damit betrieben wird, besteht. Die Frage sinngemäß: “Was nützt uns dieses System denn nun, um mehr Boote auf die Bahnen zu bekommen?” Hepp kickt den Ball aus dem eigenen Strafraum: “Ich stelle hier lediglich ein tolles Produkt vor. Was die Veranstalter damit machen, ist ihre Sache.” Dr. Schäfer: “Wir haben als DSV ja keinen Einfluss auf die Profile der einzelnen Veranstaltungen. Und wenn die nun mal Sportlichkeit und Up-and-down-Regatten betonen, können wir daran nichts drehen.” Ein Profil schärfen, das zählt zu Klassenpolitik, wie sie in etwa 100 DSV-registrierten Vereinigungen von meist Einheits- oder Konstruktionsklassenbooten fast täglich betrieben wird. Sie ist nicht Sache deren Vermesser.

Also sind Segeln nach Handicap, ein “heutzutage schwerer fallendes Commitment der Eigner” (Dr. Schäfer) und das daraus resultierende manchmal etwas klinisch wirkende Profil hiesiger Regattaveranstaltungen verschiedene Probleme. Die jedoch oft als eins wahrgenommen werden. Dr. Schäfer räumt ein: “Früher haben wir viele Fehler gemacht. Wir streiten uns, nach welchem System wir segeln und merken gar nicht, dass uns die Leute aufgrund anderer gesellschaftlicher Probleme abhauen. Im Grunde kämpfen wir alle gegen die Abwanderung von Seglern zum Einheitsklassensegeln.”

Hepp, Dr. Schäfer und Co dulden in ihrem Revier natürlich keinen Nebenbuhler, der ihr schönes neues — und vor allem offizielles — ORC International unterwandert. Vor allem kein bestimmtes (Dr. Schäfer: “eines aus einem Land mit Linksverkehr”). Auf der anderen Seite trennen sie das ganz klar von einem alten Credo und verbinden das mit einem bemerkenswerten Friedensangebot. Das alte Credo, das aufrecht gehalten wird: “Deutschland darf den internationalen Anschluss nicht verpassen.” Und da sind sich alle Parteien plötzlich einig, weil sie eigentlich alle dasselbe wollen: Obwohl dieser Anschluss heutzutage meistens in “Ländern mit Linksverkehr” zu finden ist, unterstützt die offizielle Segelverwaltung Deutschlands sogar jede Initiative, die zu einer internationalen Leistungssteigerung führt. Und das ist in Zeiten, in denen woanders ziemlich laut von der Teilnahme eines deutschen Teams am Commodore’s Cup in Cowes gesprochen wird. Das erste Mal seit zehn Jahren: eine gute Nachricht.


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Themen: ORCi

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