Regatta-News
Transat Jacques Vabre: Hoher Wegzoll

Nur noch sechs der zehn 60-Fuß-Multis im Rennen. Die anderen drei Klassen trotz Schäden nahezu vollständig. Enge Positionskämpfe an der Spitze der Open 60s

  • Matthias Beilken
 • Publiziert am 09.11.2005

www.jacques-vabre.com Damien Foxall und Armel Le Cléac'h nach der Bergung

Thomas Coville und Jacques Vincent wollen die zerstörte „Sodebo“ auf eigenem Kiel nach Duoarnenez segeln, während Bernard Stamms „Cheminées Poujoulat“ und Walter Autunes „Galileo“ in Vigo erwartet werden. Trotz all dieser Eventualitäten gibt es von dem gestern abgeborgenen Verletzten Damien Foxall sehr konkrete, gute Nachrichten.

Seine Abbergung per Hubschrauber von dem gekenterten Trimatan „Foncia“ stellte einen der ungezählten Einsätze von Renndoktor Jean-Yves Chauve dar. Per Ferndiagnose verabreichte der seit Jahrzehnten mit Extremsegelunfällen vertraute Arzt aus Frankreich Foxall ein starkes Schmerzmittel. Das war möglich, weil eine spezielle gut sortierte und (von Dr. Chauve) codierte Transat-Jacques-Vabre-Bordapotheke auf jeder Yacht mitfährt. Verdacht des Arztes: Schlüsselbeinbruch und starke Prellungen. Dann wurde Foxall mit einer Spezialtrage aufgeheißt und direkt in ein Militärkrankenhaus in Brest geflogen. Dort geht es ihm gut. Chauve: „Dass Damien die Härte des Schlages so gut überstanden hat, beweist, dass er verdammt starke Schlüsselbeine hat.“

Für die anderen geht die Regatta weiter. Über Nacht haben die Starskipper Ellen MacArthur und Roland „Bijou“ Jourdain auf „Sill & Véolia“ ihre Führung abgeben müssen. Rechnerisch zumindest, denn das nicht weniger erfahrene Duo Jean-Pierre Dick und Loïck Peyron auf der blau-grauen „Virbac-Paprec“ steht weiter westlich und wird vom System als führendes Boot geführt. Der rote Open 60 von MacArthur und Jourdain befindet sich jedoch weiter südlich. Beiden sitzen Mike Golding und Dominique Wavre auf „Ecover“ an dritter Stelle im Nacken.

www.jacques-vabre.com Mit Strukturschaden aufgegeben: „Adecco Etoile Horizon“ mit Gaffelrigg

Co-Skipperin MacArthur berichtet: „Gute Stimmung an Bord. ‚Bijou‘ hat einen Witz erzählt und dabei so ernst geguckt, dass ich lachen musste und meinen Tee quer durchs Cockpit gespuckt habe. Aber zum Glück musste ich nichts sauber machen: Wir rasen dauernd mit mehr als 20 Knoten durch den Ozean, das Cockpit wird also automatisch gespült.“ Auf einigen Booten ist also alles in Ordnung. Auch wenn MacArthur einräumt, dass das Teekochen bei schwerer See sehr mühevoll war. Die Position der vorderen Open 60s: Vigo peilt bereits nordöstlich, und die portugiesische Küste ist etwa 150 Meilen entfernt.

Auch Mike Golding reflektiert das, was hinter ihm liegt: „Dominique musste das Boot bei 45 Knoten am Wind halten, während ich in der Achterplicht versuchte, unsere Elektrik wieder zum Funktionieren zu bringen. Der Kasten mit sämtlichen Kontakten drin war nämlich während des Sturms vom Schott gefallen.“

Die Open 60s erfuhren also nur kleinere Blessuren. Und südlich von Kap Finisterre sind jetzt nördliche, passatähnliche Winde angesagt. Für diejenigen, die größere Blessuren erlitten, endete das Transat Jacques Vabre jedoch manchmal in Rettungshubschraubern und im Fall von Damien Foxall (Irland) sogar im Krankenhaus.

Wie schon bei der Route du Rhum 2002 blieben die kleineren Klassen und die Open 60s weitgehend von der Kaltfront verschont. Gründe sind andere Startzeiten (die Monos gehen mit einem Tag Vorsprung in Le Havre in See), andere Geschwindigkeiten und eine etwas andere Route, immerhin müssen die Multis die Südatlantikinsel Ascension runden, während die Einrumpfyachten das Ziel in Salvador/Brasilien direkt anlaufen dürfen. Folge ist eine geringfügig westlichere Richtung zum Äquator, die schon in der Biskaya dazu führen kann, dass eine Front etwas von ihrer Aggressivität einbüßt.

Wieder einmal sind es die Klasse-II-Monohulls, die Imoca Open 50s, die ihre Leistungsfähigkeit beweisen, ohne dass es jemand merkt. Zwar gab es auch hier Ausfälle – erwischt hat es sogar einen Favoriten. Jedoch sind solche Pannen bei einer Regatta wie dem Transat Jacques Vabre nicht zu vermeiden. Konkret: Kip Stones Open 50 „Artforms“ (USA) führte deren Wertung tagelang an, die Erwartungen an das neue Boot schienen sich zu erfüllen. Bis „Artforms“ mit zerrissenem Großsegel Kurs auf Lorient absetzen musste. Zum Glück war’s das Segel. Denn der Designer des neuesten Open 50 im Feld, Merfyn Owen, segelt als Co-Skipper an Bord. Ein struktureller Schaden wäre dem Briten sicherlich peinlich gewesen.

In Lorient wollen Stone und Owen überlegen, ob sie das Rennen fortsetzen. Jedoch beträgt der Rückstand auf den führenden Finot Open 50 „Gryphon Solo“ (Brad van Liews ehemalige „Tommy Hilfiger“) bereits über 60 Seemeilen. Und „Gryphons“ Crew, der erfahrene Bob Harris (USA) und der dreifache Weltumsegler Josh Hall (GBR), gehören nicht zu denjenigen, die sich die Butter vom Brot nehmen lassen.

Ein weiterer, jedoch endgültiger Ausfall in Klasse II betrifft die – allen Ernstes – gaffelgetakelte „Adecco Etoile Horizon“ von Bob Escoffier und Gérard Faye.

Zwar forderte der Sturm nördlich von Kap Finisterre vor allem im Feld der großen Trimarane hohen Tribut, und nicht wenige werden sagen, dass dieses Transat Jacques Vabre die größte Katastrophe für die Orma-60-Trimarane seit der Route du Rhum 2002 darstellt. Jedoch kann kein Tribut höher sein als der, den 1999 Paul Vatin zahlte, als sein Tri „Chauss Europe“ während der ersten Tage der Zweihandregatta kenterte und er ertrank.


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Themen: RegattaTJVTransat Jacques Vabre

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